MenuMENU

zurück zu Main Labor

09.07.2019, Jamal Tuschick

„Die Hütte des Schäfers“ - Tim Winton hat ein Buch für Trapper geschrieben; für Leute, die nicht genug kriegen von Wald und Wetter.

Die Kunst der Salzgewinnung

Manchmal sind seine „Gedanken wie Rauschen aus dem Radio“. Für möglich hält er, dass es sogar Hunde vereinzelt besser haben können als er. Jaxie Clackton hat seine Mutter verloren. Seinem Vater wünscht er den Tod.

Alles scheint verkehrt eingerichtet.

Der Erzeuger ist in Jaxies Wahrnehmung ein „Eimer Hundescheiße“, ein „Drecksack“ und „alter Wichser“. Die Aufzählung kommt ohne originelle Sprachschöpfungen aus, so als verböte sich jedwede Kreativität an dieser Stelle. Gewaltphantasien flankieren die Tirade und vernebeln Jaxies Gehirn. Nichts scheint naheliegender, als den Worten Taten folgen zu lassen. Doch dann findet Jaxie seinen Vater tödlich verunglückt unter einem Fahrzeug und fürchtet eine Festnahme. Jaxie setzt sich in Bewegung - ein mit Waffen gut versorgter Mini-Mad-Max unterwegs im australischen Busch.

Tim Winton, Die Hütte des Schäfers, Roman, aus dem Australischen von Klaus Berr, Luchterhand, 304 Seiten, 22,-

Seine Wut ist ungeheuerlich. Die Wut ist so grenzenlos und unüberschaubar wie das Land, in dem sich Jaxie auf seiner nicht besonders gut begründeten Flucht verliert.

In der Einsamkeit geht Jaxie sein Leben durch. Ein Erinnerungs-Wir schließt den Vater nicht immer nur negativ ein. Manchmal schimmert Stolz auf den Kotzbrocken durch die Ablehnung. Ein paar Mal mehr als selten hat man etwas gemeinsam erlebt, dass positiv zu Buche schlug, so wie die Suche nach Gold (vermutlich ist das ein australisches Hobby) und die Erschießung von Ziegen und Kängurus, die vom Erzähler korrekt als Hinrichtungen überliefert werden und nicht als das finale Stadium eines Jagdgeschehens. 

In einem Verhau aus kruden Darstellungen verbirgt sich ein Heranwachsender, der im Herrschaftsbereich der väterlichen Verwahrlosung ständig sprungbereit auf der Hut war und sich nun Unwägbarkeiten in der Wildnis gut präpariert ausgesetzt sieht.

Ein aufgegebenes Goldgräbercamp wird zu Jaxies persönlicher Bastion. Zum ersten Mal hat er einen Ort, von dem er ausgehen kann. Er fühlt sich kaum einsam, jagt mit wissendem Genuss und beherrscht sogar die Kunst der Salzgewinnung.

Jaxie ist mit allen Wassern gewaschen. Er ist versiert. Der Vater hat ihn den Gepflogenheiten des australischen Hinterlandes perfekt angepasst. Die Erkenntnis gewinnt der Leser an den Einsichten des Erzählers vorbei, im Sperrfeuer der Verneinung einer väterlichen Sendung jenseits von Gewalt & Gemeinheit.

Winton erzählt eine moderne Robinsonade. Sein Held ist ungemein findig und auch botanisch beschlagen. Ferner kann er den Himmel bei Tag und bei Nacht lesen. Er ist ein Buschläufer wie er im Buch steht. Er steht in der Gnade eines höheren Glücks in der Gestalt einer gleichaltrigen Lee.

Tim Winton hat ein Buch für Trapper geschrieben; für Leute, die nicht genug kriegen von Wald und Wetter. Die Dramaturgie erfüllt die Bedingungen eines gelungenen Spannungsbogens. Nach einem beachtlichen Alleingang wird Jaxie von den Segnungen des Mitgefühls eines eremitisch-greisen Hirten (Hüter) eingeholt. Sofort verliert er seine Statur in einer keinesfalls unrealistischen Beschreibung. Der Kontakt mit Güte raubt Jaxie eine Kraft, um ihm eine andere zu geben.

Der Alte hatte den Jungen (den einzigen anderen Menschen weit und breit) gewittert.

„Ein Mann, der allein lebt, kehrt zu seiner animalischen Natur zurück.“

Wie wahr und wie schön. 

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen