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15.07.2018, Jamal Tuschick

Unerträgliche Heimat

Wir sind nicht alle gleich und wir wollen es auch gar nicht sein

In den Pausen lernten wir die wichtigsten Lektionen: Wenn die eine Hälfte des Kurses draußen frische Luft schnappen wollte, während die andere Hälfte sie mit Zigarettenrauch verpestete. Wichtige Themen ploppten im Unterricht auf, doch die Lehrerin war bemüht, die Aufmerksamkeit auf grammatikalische und lexikalische Phänomene des Englischen zu legen, während wir das Bedürfnis hatten, weiter über Inhaltliches zu philosophieren – so viele Dinge fielen uns plötzlich im Austausch mit Menschen aus aller Welt ein und auf.

Mein Mitschüler Aydin nahm mich beiseite, es schien, als ob er schon länger vertraulich mit mir hatte reden wollen. Sein schwarzes Hemd war weit aufgeknüpft und ließ seine behaarte, muskulöse Brust zum Vorschein treten. „Ich verstehe die meisten im Kurs gar nicht. Ich verstehe dich und meistens Serdar, meinen türkischen Kollegen. Aber die anderen ...“

Ich wusste, was er meinte. Unsere aus Italien stammenden Mitschülerinnen und Mitschüler sprachen ihre eigene Sprache, aus „I love you“ wurde so etwas wie „Ai..e laaaw..eeeee you...eeee“, sie sagten: „Eeeeehhh, this...e is...eeeee Emeeezingggg...eeee“. Bei solch einfachen Sätzen konnte man ja noch erraten, was sie meinten, wenn sie jedoch über komplexe Sachverhalte referierten, so wie Gino anderntags darüber, wie Sonneneruption elektrische Geräte auf der Erde beeinflusste, blieb Aydin und mir nichts weiter übrig, als im Dunkeln zu tappen und nur die Hälfte von dem mitzuschneiden, was er tatsächlich sagen wollte – und uns über seine Gestik zu amüsieren. Die amerikanische Lehrerin Cathryn, von der wir nicht wussten, wie sie in Dublin und an dieser Sprachschule gestrandet war, versuchte alle Fakten zusammenzufassen, manchmal scheiterte sie aber an mangelnden Physik-Kenntnissen.

Aydin, der in der Türkei als Ingenieur gearbeitet hatte, und dem es als liberalen Intellektuellen wegen Erdogan unerträglich geworden war, in seiner Heimat zu leben, erwiderte, dass die Slowakin und die Tschechin einen ähnlich schwer zu deutenden Akzent hatten. Das stimmte, obwohl ich ganz andere Probleme mit diesen Damen hatte: ich fand bei all ihren Beiträgen ihre Logik etwas verquer und verstand nie, worauf sie hinauswollten.

„History repeats itself“, hatte Cathryn, die das Fach Geschichte liebte, wie sie sagte, im Unterricht zitiert. Aydin erinnerte mich an meinen engsten Schulfreund Mustafa, dessen Vater ebenso wie meiner als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen war. Geschichte wiederholt sich und manche einfachen Fakten verbergen Geschichten, die nur auf den ersten Blick verallgemeinerbar sind. Mustafas Vater und meinen hatte einiges miteinander verbunden: sie hatten beide im Badischen Stahlwerk in Kehl gearbeitet, sie waren ungefähr zur gleichen Zeit nach Deutschland gekommen, hatten ihre Heimat verlassen müssen. Doch meinen Vater hieße man heute ganz einfach „Wirtschaftsflüchtling“, Mustafas Vater hingegen war nach Worten seines Sohnes mehr als das, er hatte aus „politischen Gründen“ gehen müssen, er hatte als junger Linker gegen den Staat opponiert und suchte sein Glück lieber im freien Deutschland. Müßig darüber zu diskutieren, ob er sich letztendlich in der neuen Heimat hatte freier fühlen können und ob sie es überhaupt jemals geworden ist.

Aydin hatte mich wegen seiner Ähnlichkeit mit Mustafa vom ersten Tag an interessiert, sie glichen sich nicht nur oberflächlich, nicht nur in ihrem Aussehen oder in ihren Gesten, sie hatten auch das gleiche sympathische Lächeln, das strahlende Funkeln in den Augen und die Eigenart gemein, neue Themen in Diskussionen einzuführen, wenn sie sich bei den aktuellen langweilten. Aydin bestätigte nun meinen Eindruck, in dem er sagte, dass er sich häufig langweile, wenn die anderen redeten und daher versuchte, das Gespräch im Unterricht an sich zu reißen. Er sah in mir einen Verbündeten: er hatte wohl bemerkt, dass ich meistens auf seine Themen eingestiegen war, egal, wie absurd es in dem Moment erschien. Die rothaarige Amerikanerin aus Ohio, Cathryn, war manchmal nicht zu beneiden.

Neben uns standen die italienischen Menschen und gestikulierten wild, Aydin zwinkerte mir zu und ich musste lachen. Die Freundschaft mit Mustafa hatte damals ähnlich begonnen, wir hatten uns dabei mögen gelernt, wie wir entdeckten, was uns alles von den anderen unterschied und dabei herausgefunden, was uns alles verband.

Im Nachhinein kann ich sagen, dass wir uns erfolgreich sowohl integriert als auch desintegriert haben. Wir hatten einst den Spruch kreiert: „Wir sind nicht alle gleich und wir wollen es auch gar nicht sein.“

Wir hatten keine Möglichkeit gesehen, uns zu integrieren, und hatten sie genutzt – so absurd sich dieser Satz auch anhört. Und damit waren wir schon als Jugendliche bei dieser Thematik sehr viel weiter als die meisten Menschen heute. Bei jedem unserer zahlreichen Spaziergänge und bei jedem Zusammensitzen bei Kaffee und Leckereien von Mustafas Mutter sprachen wir über Diskriminierung, darüber, nicht die gleichen Chancen zu haben wie unsere Mitschülerinnen und Mitschüler, und das weit vor PISA und den ganzen Studien, die die institutionelle Diskriminierung in Schulen belegten. Wir brauchten keine wissenschaftlichen Erkenntnisse, wir hatten unser Leben und unseren Menschenverstand. Und wir hatten beide ein großes Herz.

Aydin lächelte mich warmherzig an und schielte zu Lehrer Gino, der sicher 1,90 groß war, rüber, der gerade wieder mit Händen und Füßen der Mitschülerin Katharina irgendein physikalisches Phänomen versuchte zu erklären. „Eh, Photo...ee...wolta…egggss… is r eeeh… meeetod…e forrrrrr…eeee… dscheee…nerrrrratingggg…eee eeeh elegdriiiiggg bower...eeeehhh… …”

Ich bewegte mich noch einen Schritt auf Aydin zu. Am liebsten hätte ich ihm von meinem Freund Mustafa erzählt. Bei unserem letzten Treffen hatten wir uns auf einer Hochzeit befunden und wurden da von einem Freund des Bräutigams Philipp, der vor Jahrzehnten manchmal mit uns schwimmen und feiern war, gefragt, wie es komme, dass wir keinen badischen Akzent haben, wir seien doch genauso wie Philipp und er im gleichen Dorf geboren worden und aufgewachsen. Wir schauten ihn irritiert an und ich sprach aus, was Mustafa vermutlich dachte, nämlich, dass die Frage ja wohl in der Regel andersrum gestellt würde: wieso er kein Hochdeutsch sprechen könne. Er schaute uns verständnislos an. Dabei war es kein Vorwurf: wir hatten ja gar nichts gegen Dialekte oder Akzente, nur galten für uns andere Regeln, als wir jung waren – wir mussten klar verständliches Deutsch sprechen.

Ich war in einem Sprachbad aufgewachsen elsässischbadischdeutschgriechischtürkisch-französisch, Wörter gab es viele, von vielen; meine Mutter sagte zum Beispiel: „Schließ das παράθυρο“ [paráthyro], denn ihr fiel das Wort für Fenster in der Eile nicht ein, und Serge, das Nachbarskind, spuckte immer aufs Trottoir, die anderen sprachen es „Trottwa“ aus, während ich Bürgersteig sagte. Wenn wir Fußball auf der Straße spielten, schrien plötzlich die anderen Kinder „Araba geliyor“ und ich konnte mich vor dem Auto hinter meinem Rücken

in Sicherheit bringen. Serges Vater sagte: „Herrsch mol dü“ und wollte meine Aufmerksam-keit für sich, und meine Lehrer benutzten Wörter wie trivial und Substantiv, und ich trat gegen meine Mitschüler im Quiz an: ein Bild wurde gezeigt und ich musste die französische Vokabel herausschreien, „fenêtre“ und „voiture“ und „rue“. Nachmittags saß ich gefangen an einem Tisch und überlegte, welches i und welches o und welches e ich in diesem und jenem griechischen Wort zu schreiben hatte. Und abends fragte mich auf dem Nachhauseweg eine Frau: „Wem ghersch du denn? Wer bisch du denn?“

Und ich wusste nicht, wer ich bin und zu wem ich gehörte.

Der schwarzgekleidete Aydin hatte die gleiche Marotte wie Mustafa, der einzige Farbtupfer waren die knallblauen Socken, ich hatte eine Schwäche für diese Art von Humor. „Du warst vorhin genervt, als wir über Identität sprachen und hast dich darüber beklagt, dass die nationale Identität hier in unseren Kursen immer so herausgestellt würde.“ Ich nickte. Vielleicht war ich es in meiner Eigenschaft als Deutscher Leid zu überlegen, was zur deutschen Kultur gehörte, es wurde ständig in der Presse, im Fernsehen, in den sozialen Medien breitgetreten. Kultur ist etwas Dynamisches und Kultur ist ebenso etwas Personales. Jedes Individuum mit deutschem Pass hat seine eigene Kultur, die sich aus so vielem zusammensetzt. Wenn ich als deutsche Küche das auffasse, was ich regelmäßig esse, dann ist neben dem berühmten deutschen Döner und der standesgemäßen Pizza, neben dem Schnitzel mit Frankfurter Soße, das Kung Pao mit Hühnchen und Reis genauso deutsches Essen wie Samosas, Falafel beim „Libanesen“ oder jeder x-beliebige Burger, den man heutzutage an jeder Straßenecke in Tausendundeiner Variante bekommen kann. Gelten nur Clueso, die Kofelgschroar oder die Sportfreunde Stiller als deutsche Musik oder sind The Notwist, die ausschließlich englisch singen oder der DJ Robin Schulz, ebenso immer englischsprachig, deutsche Musik? Ich versuchte Aydin zu erklären, dass ich mehr bin als meine zwei Pässe, deutsch und griechisch, mehr als die Geschichte meiner Eltern, mehr als ein Bürger aus Frankfurt. Ich versuchte zu erklären, dass ich so viele verschiedene Rollen spiele, dass ich durch TV, soziale Medien, durch Musik, Literatur, Film so vielen Einflüssen ausgesetzt bin, dass ich so viele Eigenschaften in mir vereine – und dass ich vielleicht für jeden meiner Freundinnen und Freunde etwas anderes bin. Wenn ich eine Antwort zur deutschen Politik im Unterricht gab, dann tat ich das nicht als Vertreter des deutschen Volkes, sondern als ein Individuum mit einer ganz individuellen Sozialisation, einer, die ganz anders ist als die meines Banknachbarn in der Schulzeit.

Wie oft hatten unsere Mitschülerinnen und Mitschüler Mustafa als „der Türke“ betitelt, wie oft wurde ich „Tzatziki“ oder der „griechische Schafhirte“ genannt, zum Spaß natürlich, zum Spaß. Dass niemandem auffiel, dass wir nicht entsprechend darauf antworteten? Was hätten wir auch sagen sollen: „Nazi“? Schweinebauer?

Aydin sagte, dass in den meisten europäischen Staaten so viele verschiedene „communities“ miteinander koexistierten, dass alleine deswegen schon unmöglich sei, was diese Lehrerinnen und Lehrer an unserer Sprachschule immer versuchten. „Im Grunde wollen sie ja, ganz interkulturell, eher die Gemeinsamkeiten der Kulturen hervorheben, aber durch dieses ständige Wiederholen der angeblichen nationalen Kulturen bleiben nur die Unterschiede hängen – und das nervt mich ganz schön!“, sagte ich auf Englisch. Gino sagte, die Pause sei vorbei, Cathryn warte auf uns. Ich blieb noch stehen und blickte Aydin an, der lächelnd nickte, heftig nickte, und dann sagte: „You and I are speaking the same language!“

Und während wir zurück zum Unterricht gingen, ich ganz nah hinter Aydin, dachte ich, dass im Gesagten ein großer Interpretationsraum bestand ...

 

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