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16.07.2018, Jamal Tuschick

Worauf warten wir? - Eine Geschichte in Fortsetzungen

I. Teil - In der Bucht von Punta Llana

Cornelia Becker, freie Autorin, Dozentin für literarisches Schreiben. Sie schrieb bisher Erzählungen, Hörstücke und lyrische Kurzprosa, die in Literaturzeitschriften und im Rundfunk publiziert wurden. 2009 wurde mit dem Hörbuch MagentaRot eine Sammlung von Erzählungen herausgegeben, schon zwei Jahre später erschien der Erzählungsband Eintritt frei, Achter-Verlag. Im August 2014 publizierte sie den Roman Die Unsterblichkeit der Signora Vero im LangenMüllerVerlag. Das Künstlerbuch Die Kinder meines Vaters gab sie im BÜBÜLVerlag heraus. (Seit diesem Sommer liegt das Buch in der Übersetzung in die arabische Sprache vor.) Ihr Roman Der raue Gesang wurde im Sommer 2017 im Contra-Bass-Verlag veröffentlicht. Für ihre Arbeiten erhielt sie Auszeichnungen und Stipendien.

Im Herbst 2017 wurde ihr Buch Der raue Gesang nominiert für die Hotlist der Bücher unabhängiger Verlage. Im vergangenen Dezember erhielt ihr Text Turmgedächtnis auf der Lesebühne der Feuerpudel den 2. Preis.

 

Die Sonne brannte auf seinen Rücken. Curbelo wischte Salz und Sand von der Haut und warf sich ein Handtuch auf die Schultern. Neben ihm kniete Agustin und ließ sich sein Hemd überstreifen, ohne aufzusehen. Seit Stunden schon buddelte das Kind Löcher in den schwarzen Sand, senkte die Schaufel des Baggers hinein und kurbelte den Arm wieder hinauf. Weiter oben am Strand, im Halbschatten der Mauer, hatte Curbelos Schwester Pilar sich einen Platz gesucht. Curbelo schwitzte, er sollte ins Wasser gehen! Der schwarze Sand war so heiß, dass es schmerzte mit bloßen Fußsohlen darauf zu laufen. So schnell er konnte suchte er einen Weg zwischen Badegästen und Sonnenschirmen hindurch. Am Horizont sah er einen dunklen Fleck, der auftauchte, auf den Wellen tanzte und verschwandt. Wahrscheinlich ein Stück Treibholz, eine Boje, die sich losgerissen hatte. Erleichtert erreichte er das Wasser, ließ sich hinein sinken und tauchte unter den ersten Wellen hinweg. Als er zurückkam, saß Agustin bei seiner Mutter unter dem Sonnenschirm und aß die mitgebrachten Bocadillos. Curbelo warf sich in den Sand, winkte dem Jungen zu: Wenn der Eiswagen kommt, weckst du mich, dann holen wir uns eine Riesenwaffel. Er schloss die Augen, lauschte auf das Hereinbrechen und Zurückfluten der Wellen, das Poltern der Steine, die sie mit sich rissen. Beine und Arme von sich gestreckt, spürte er wie seine Haut trocknete und in der Hitze bis in die Fingerspitzen hinein pulsierte. Die letzten Tage in der Klinik waren wie immer hektisch gewesen. Abgehackt und schnell stiegen jetzt Bilder in ihm auf: das Foyer aus Stahl und Glas, das Gesicht des Oberarztes bei der letzten Besprechung, die müden Augen seiner Kollegen über dem Mundschutz in der Schleuse zum OP-Raum … Langsam fiel die Anspannung, das ständige hochfrequente Rumoren der Stadt von ihm ab, so wie der Sand an ihm herunter rieselte.

Als er das nächste Mal die Augen öffnete, hatten sich mehrere Leute an der Wasserlinie zusammengerottet. In den Wellen, weit hinter den Sicherungsbojen trieben zwei Menschen, klammerten sich an einem flachen Stück Holz fest. Man konnte jetzt deutlich ihre dunklen Köpfe erkennen. Einige junge Männer liefen ins Wasser und ließen sich mit den nächsten großen Wellen hinaustragen. Brachten die zwei an Land. Curbelo musste seine Ellbogen einsetzen, um sich einen Weg durch die Umstehenden zu verschaffen, die Ausländer verstanden ihn nicht, andere weigerten sich ihre Plätze aufzugeben.

Es waren zwei Männer. Elende Gestalten, ihre langgliedrigen, schmalen Körper ausgemergelt, ihre Kleidung - zerschlissen, farblos - hing nass an ihnen herunter.  Salz hatte die Haare weiß gefärbt, auch in den Brauen und den Wimpern klebte das Salz. Ihre schwarze Haut war grau. Mangelernährung, dachte Curbelo, bettete die zwei seitlich auf dem Sand, kontrollierte ihren Puls. Der Jüngere war höchstens fünfzehn Jahre alt. Sein Begleiter nur um wenige Jahre älter. Wie lange mochten sie schon auf dem offenen Meer herum getrieben sein? Der Ältere murmelte etwas, französisch, italienisch? Rudimente einer romanischen Sprache jedenfalls, von gutturalen, fremden Lauten durchsetzt. Curbelo verstand nur einige Brocken: Die anderen auf dem Meer. Das Boot… Er hörte, wie jemand hinter ihm den Notdienst anrief: Zwei Gestrandete. Afrikaner, glaube ich. In der Bucht von Punta Llana.

Trotz der großen Hitze waren die beiden jungen Männer total unterkühlt; man sammelte Handtücher, Jacken, und Curbelo packte sie darin ein. Schweigend, fast andächtig standen die Zuschauer. Jemand brachte eine Flasche Wasser. Der Junge trank gierig, hörte nicht auf  Curbelos leise gemurmelten Warnungen, hielt sein Handgelenk wie in einem Schraubstock. Und erbrach sich gleich darauf. Curbelo stützte ihn, während er würgte. Tranquillo, flüsterte er, alles wird gut … Der Junge legte sich zurück, sah ihn einen Moment an; es war ein gehetzter Blick, eine Mischung aus Misstrauen und Resignation. Curbelo hatte schon in die Augen von vielen verzweifelten Menschen geschaut, es war Teil seines Berufes diesem Blick standzuhalten, aber er hatte noch nie eine solche Müdigkeit und tiefe Ausweglosigkeit bei einem so jungen Menschen gesehen.

Als sei der Bann gebrochen, schlugen die Schaulustigen um sie herum jetzt einen leichten, fast heiteren Ton an: Espaldas mojadas. Schon die dritten, die in diesem Sommer angetrieben sind. Wo wollen die nur alle hin? Curbelo beobachtete, dass viele Badegäste den Strand verließen, auch Pilar und Agustin waren verschwunden. Der Krankenwagen kam erst eine halbe Stunde später. Auf Curbelos Vorwürfe zuckten die Pfleger mit den Schultern. Viel zu tun, bei der Hitze. Und drüben, im Hotel an der Küste, gab es einen Hitzeschlag und einen Infarkt. Tja… Sie packten die zwei in goldene Thermofolie, hievten sie auf Bahren in den Wagen. Wie Pralinen verpackt, sagte einer der Umstehenden und alle lachten.

Curbelos Badeshorts waren dreckig, er tauchte ins Wasser, ließ sich auf dem Rücken treiben, schaukelte auf den Wellen. Der Junge hatte so verloren ausgesehen! Ach was, Curbelo war seiner Pflicht als Arzt nach gekommen und jetzt konnte er entspannen! Er seufzte, die salzhaltige Luft, die Wellenbewegung, das Blau der Bucht, die Stimmen der Menschen, die weißen kubischen Gebäude der Ortschaft, alles deutlich wahrnehmbar und wunderschön. Ein funkelnder, glänzender Tag.

Auf der Avenida. Bars und Restaurants, Sonnenschirme, bunte Platos del dia hinter Plexiglas, Plastiklatschen neben Postkarten. Die Terrassen von Touristen besetzt. Lachen. Sonnenbrillen. Es war immer noch sehr heiß, trotz der leichten Brise, die vom offenen Meer hereinkam und die Palmblätter bewegte. In der einzigen spanischen Bar am Ende der Promenade wurden Metallstühle geschoben, am Fernsehen ein Fußballspiel übertragen. Als Curbelo an der geöffneten Doppeltür vorbei ging, hörte er einige Männerstimmen: Und was wollen die hier, Hombre? Was sollen wir mit ihnen tun? Ihr Kommunisten stellt euch das immer so einfach vor.  Curbelo hätte sich gern an einen Tisch vor der Bar gesetzt und ihnen zugehört. Doch er schwitzte, der Geruch des Erbrochenen hing immer noch an ihm, er musste sich duschen und Pilar würde mit dem Abendessen schon auf ihn warten. Natürlich kannte er die Probleme. Überall an den Küsten Spaniens landeten die Flüchtlinge. Seitdem eine Organisation die Grenzen außerhalb Europas überwachte, waren es weniger geworden. Bislang hatte er die Ereignisse nicht an sich herangelassen, doch jetzt irritierten sie ihn, wie den jungen Arzt damals, der angesichts schwerkranker Menschen, ohne Routine, schutzlos dagestanden war. »Ein guter Arzt darf sich kein Mitleid erlauben«, hatte sein Doktorvater gesagt.

Im Haus roch es nach Kardamon und gegrilltem Fisch. Er ging in das erste Stockwerk hinauf, nahm eine Dusche, schrubbte seine Hände, die gepflegten kurzgeschnittenen Fingernägel lange mit einer Bürste. Als er sich abtrocknete, hörte er durch das Fenster Agustins klare, hohe Stimme und die tieferen der Erwachsenen. Dies war schon der dritte Sommer, den Curbelo  auf der Insel verbrachte. Seit seiner Scheidung bestimmte allein die Arbeit seinen Tageslauf - er war Gynäkologe in einem Hospital in Madrid -  meist war er wie ausgewrungen vom Krankenhausdienst, zu Haus ließ er sich vom Pizzaservice versorgen und schlief oft während der Spätnachrichten vor dem Fernseher ein. Und an seinen wenigen freien Tagen, kam er sich überflüssig vor, niemand brauchte ihn, ob er aufstand oder nicht, was auch immer er plante oder tat, wen interessierte das außerhalb des Krankenhauses? Und so genoss er es, einen Teil seines Urlaubs bei seiner Schwester, die mit ihrer Familie auf der Insel lebte, zu verbringen.

Unter der Pergola saß die Familie schon am Tisch – neben Pilar und Agustin, die siebzehnjährige Tochter Maite, der Ehemann Jose und dessen Mutter. Es gab saftige, gelbe Tortillas, Oliven, Tomaten, Thunfisch vom Grill. Er setzte sich auf den freien Stuhl neben seine Schwester. Wir haben schon mit dem Essen begonnen, sagte José und stand auf. Er wendete die Thunfisch-Filets auf dem Grill, nahm eines mit der Gabel hoch: Hier nimm dieses, es ist gerade gut durch. Als er ihm den Teller reichte, merkte Curbelo, wie hungrig er war. Agustin saß ihm gegenüber: Ich durfte nicht da bleiben. Mama wollte es nicht. Er stand auf und drängte sich zwischen Curbelo und seine Mutter. Haben sie geblutet? Waren sie …?

Nein, sie waren nicht verletzt!

Siehst du Mama! Agustin war empört. Sie kommen aus Afrika? Warum? Wenn sie nur Hunger und Durst haben … Du hast ihnen doch was gegeben, oder? Fragte er seinen Onkel. Curbelo nickte. Seine Mutter strich Agustin über den Kopf: Lass deinen Onkel essen. Agustin ging zurück zu seinem Stuhl. Pilar sah Curbelo hilfesuchend an. Die anderen redeten über das Wetter,  einen Ausflug, den man für das Wochenende geplant hatte. Agustin saß neben seiner großen Schwester, hatte sein Essen kaum berührt. Maite sagte zärtlich: Zuviel Eis, was? Und probierte ihm ein Stück Tortilla in den Mund zu schieben. Agustin duckte sich kichernd weg: Hab soviel gegessen, dass ich platze.

Die Nacht kam schnell und Pilar stand auf, um das Licht anzumachen. Ihre Bewegungen waren leicht und fließend, sie war etwas gebräunt, trug das dunkle Haar zurückgekämmt. Lässig strich sie eine Locke, die ihr immer wieder in die Stirn fiel, zurück. Sie zwinkerte Curbelo zu, als sie sich wieder dem Tisch zuwandte, ihre Augen blitzten.  Todo el mundo al suelo, alle auf den Boden … Curbelo erinnerte sich an das dreizehnjährige Mädchen, scharfzüngig und arrogant hatte sie die Worte verhöhnt, die ängstlichen Einwände der Eltern überhört und war an einem Märzmorgen mit ihm, dem älteren Bruder, hinausgegangen in die Straßen von Madrid, um mit anderen jungen Leuten die Welt zu verändern. 

Der Text ist zuerst im Achter-Verlag in dem Erzählungsband "Eintritt frei" publiziert worden.

 

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