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02.08.2018, Jamal Tuschick

Im Osmanischen Reich gehörte das andeutende Dichten zu den Vergnügungen der Privilegierten. Queere Frauen verständigten sich in einer

Halstuchknotensprache

Murathan Mungan hält die Eröffnungsrede des Queer*East Festivals im Literarischen Colloquium Berlin

Friederike Jäger beim Eröffnungstusch

Murathan Mungan eröffnete das Queer*East Festival im Literarisches Colloquium Berlin

In epochalen Prozessen der Ab- und Auflösung von Lebensformen herrscht stets ein Interregnum, in dem restaurative Kräfte die Sturmspitze der nächsten Moderne angreifen. Queere Existenzformen bestehen heute im Spagat zwischen sozialer Ächtung und schicken Zukunftsformaten in einem Spektrum aktivistischer Empowerment Labels. Die Gleichzeitigkeit der Gleichstellung alternativer Paarbildungen und ihrer Sanktionierung ist ein Merkmal des Umbruchs. Homosexualität kann immer noch tödlich sein. Daran erinnerte der Schriftsteller Murathan Mungan in seiner Eröffnungsrede des Queer*East Festivals im Literarisches Colloquium Berlin. Er widmete seine Ausführungen Ahmet Yıldız, der 2008 in der Konsequenz eines Familienratsbeschlusses und zur Wiederherstellung der Ehre hingerichtet wurde. Yıldızs Vater war der Schütze. Er lebt seither im Sippenuntergrund, unbehelligt von den Behörden.

Mungan betonte die Bedeutung der Grammatik bei der Definition von Geschlechtern am Beispiel geschlechtsneutraler Pronomen. Kein Unterschied zwischen sie und ihn lässt sich in dem Satz Ona aşık oldum – Ich habe mich in sie/ihn verliebt – erkennen. Diese Neutralität ist als Kassiber von Schriftsteller*innen genutzt worden. Das unbestimmte „o“ erreicht das Unbewusste auf einer Spur der Ambivalenz. Die Möglichkeit einer alternativen Lesart schafft bereits einen zweiten Text. Im Osmanischen Reich gehörte das andeutende Dichten zu den Vergnügungen der Privilegierten. Queere Frauen verständigten sich in einer Halstuchknotensprache.  

Schwule lebten wie Agenten mit Legenden

„Im Istanbul der 1940er Jahre trugen schwule Männer rote Nelken im Knopfloch, und wer sich noch mehr traute, entschied sich für rote Socken.“

Bei der Kontaktaufnahme zupfte man am Hosenbein, bis die Socken ihren Signalcharakter entfalten konnten. Schwule lebten wie Agenten mit Legenden. Sie chiffrierten und kodierten ihr Leben. Sie übernahmen die Geheimsprache der Roma. Im Gegenzug ging ihr Jargon in die türkische Prosa und Lyrik ein. Es entstand eine queere Geheimliteratur, deren größter Wert, so Mungan, darin besteht, dass sie Dinge benennt, die „patriarchalische Machthaber“ totschweigen lassen wollen.

„Im Osmanischen Reich sollen passive Schwule, die in Hammams arbeiteten … gebrandmarkt worden sein. Aber auch Worte können tätowieren. In vielen Sprachen sind Wörter, mit denen Homosexualität bezeichnet wird, schwer belastet von gesellschaftlicher Vorverurteilung. Oft genug wird das Wort für homosexuell als Synonym für feige … verwendet.“

Wird fortgesetzt.

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