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09.08.2018, Jamal Tuschick

Im Nachbarland ist Krieg

Volya Hapeyeva

Volha Hapeyeva /Вольга Гапеева/ ist eine belarussische Lyrikerin, Autorin, Übersetzerin und promovierte Linguistin. Sie gehört zu den bekanntesten jungen Autorinnen und hat 8 Bücher veröffentlicht, u.a. „Die Grammatik des Schnees“ (2017), „Tafel und Essenzen“ (2017), „Traurige Suppe“ (2014), „Unrasierter Morgen“ (2008), etc. Ihre Gedichte wurden in mehr als 10 Sprachen übersetzt. Sie ist Teilnehmerin an zahlreichen Literaturfestivals und Konferenzen, wurde mit Literaturpreisen in Belarus ausgezeichnet, war Artist-in-Residence in Österreich, Deutschland, Lettland. In Zusammenarbeit mit Künstlern der elektronischen Musik gestaltet sie audiovisuelle Performances. Volha Hapeyeva ist Mitglied des Belarussischen PEN-Zentrums und des unabhängigen Schriftstellerverbandes Belarus.

Web-seite www.hapeyeva.org

das geschenk

er kaufte ihr ein kleid als abschiedsgeschenk

an seinem geburtstag

 

trägt sie es gerade

frage ich mich

 

die kleider die ich habe     kaufte ich alle selbst

geschenke für mich – eine peinliche sache

 

besonders von männern

 

liegt das an Lévi-Strauss?

 

lange zeit war ich selbst das geschenk

 

geben und nehmen

und nehmen um weiterzugeben

symbolische leere

 

verbindet uns

 

an stelle von frauen und männern

tauschen wir geschichten über sie

 

in der hoffnung

mindestens entfernte verwandte

zu werden

übertragen von Matthias Göritz

monolog eines buchs

du legst mich irgendwo weit weg in den schrank

unter andere gut genutzte bücher

damit ich meinen wahren platz erkenne

mich hier nicht als prinzessin aufspiele

ich öffne die augen und seh

es wird eng für mich

irgendwo weit weg im schrank

unter anderen dickbäuchigen büchern

ich warte auf die berührung deiner finger

weil der leser eine art gott ist

er entscheidet mit wem er die nacht verbringt

wenn du von geburt her das glück hast schön zu sein könntest du ein liebling werden

oder sogar ein tischbuch

wenn nicht – wirst du stehen bezogen mit dem staub der zeiten

wenig beneidenswert das schicksal eines buches

du wirst gewählt gekauft dann ausgetauscht für andere

oder du wirst nur gesammelt

ist schon okay du bist nur eine sache

wie jede gute sache sollte man gut dienen:

zur unterhaltung, erziehung, kinderernährung oder dazu köstliche mahlzeiten zuzubereiten

andernfalls

wirst du ins altpapier gebracht

oder gott bewahre man wird den ofen mit dir heizen

wird dich in bibliotheken geben und du wirst dann ein öffentliches buch

ohne zuhaus

das man für einige zeit für geld entleiht

dann wird zurückgibt oder verliert

auf öffentlichen plätzen

so gefährlich ist das schicksal eines buchs

es ist okay weil du nur eine sache bist

weil du bloß wort bist eins

mit falschem grammatischen geschlecht

übertragen von Matthias Göritz

schwarzer apfelbaum

der morgen beginnt mit dem übersetzen von namen

menschen

werden gesucht von polizei verwandten und verschiedenen diensten

 

im nachbarland ist krieg

aber jedes land erfindet seine eigene terminologie

 

über die  vermissten weiß ich fast nichts: ihr geburtsdatum und

dass sich von brief zu brief die ich zu übersetzen habe die ungewißheit fortpflanzt

wie etwas das du ertragen musst und du weißt nicht wie lange noch

und dann

ist der auffindungsort der person notiert

dann folgt

als zusatz – die bestätigung der identität des leichnams

und aus der kriechenden ungewißheit im raum tritt aus dem dunst

ein schwarzer apfelbaum

 

wie viele trug ich in meinen übersetzungen zu grabe

stand bei den müttern vätern männern ihrer liebsten

ging fort und klopfte am tag danach an eine nächste tür

identifizierte körper und nicht identifizierte seelen

ein brief  mit todesnachricht  – wie übersetzt man das richtig?

 

und da - bin ich in der gefängniszelle und schreibe einen brief

und da - versuch ich im schützengraben die handschrift zu lesen

 

schickt mir warme socken und ein schachspiel

euer sohn

2017

ich bin jetzt auf dem grund

der tod ist der tod

ich aber sterbe mit einem kleinen stück vom ruhm

1942

 

und ich frage: wer ist dieser ruhm

und was macht er mit den herzen

er schenkt der sinnlosigkeit ringsum ein wenig sinn

vielleicht war doch nicht alles umsonst

 

nehmen sie allen mut zusammen und trösten sie sich mit dem gedanken

dass die sache für die ihr mann sein leben gab

- die befreiung der heimat war

1945

 

hätten sie uns doch gleich krepieren

statt uns langsam verrecken zu lassen

olena kamenez-podolskij

1941

 

 

briefe schreiben und auf einen orden hoffen

briefe schreiben und mir sorgen machen ob das geld angekommen ist

briefe schreiben und nicht wissen ob es der letzte ist

oder einen brief schreiben und es wissen

 

danke an sinotschka für die fotos auch wenn mir eins nicht gefällt

darauf hat sie die lippen geschminkt und das auch noch ungeschickt

1941 kiev

 

weihnachten haben wir im schützengraben verbracht

immerhin hatte ich ein stückchen christmas pudding

ich sollte besser nicht murren

1914 edward

 

es ist schlimm die einzige frau im regiment zu sein

wir schlafen alle gemeinsam in einer erdhütte

trocknen alle vor einem ofen

unterhosen und stiefel haben die falsche größe

maria 1945

 

alles ertragen wie alle

sogar mehr als alle

denken dass du ein held bist wie jeder hier

und später verschweigen dass du hier warst und die orden verstecken

niemand will eine frau als soldat

„wir wissen genau wie du dir die medaillen da verdient hast“

 

und dass sie dir die beine abgetrennt haben

und dass der schmerz unerträglich war

und dass du keine angst hattest dich dem kommandeur zu verweigern

 

das alles zählt nicht

 

aber was zählt dann frage ich mich

 

mit den jungen sanitäterinnen schlafen?

einen kameraden verraten?

die tochter des feindes vergewaltigen?

 

du bekommst keinen orden

wenn du nachdenkst ob du schießen sollst oder nicht

wenn du mitgefühl zeigst für die eigenen leute oder fremde

wenn du dein eigenes kind ertrinken lässt um andre zu retten

wenn du dich um einen fremden kümmerst

wenn du dich erhängst am schwarzen apfelbaum

im namen der mutter der tochter und der heiligen geistin

übertragen von Martina Jakobson und Matthias Göritz

 

 

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