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11.08.2018, Jamal Tuschick

Worauf warten wir? - Eine Geschichte in Fortsetzungen

IV. Teil Kein Tunnel unter dem Meer

Cornelia Becker

Der Barbesitzer stand in der Tür und pfiff einer Blondine hinterher. Sie wandte sich zu ihm um und sagte auf englisch, dass sie am Abend kommen werde. Very nice, very nice, antwortete der Wirt. Die drei Männer am Tisch bezahlten, verabschiedeten sich. Curbelo rief seinen Neffen, doch der hörte nicht. Die Kinder hatten die beiden Ausreißer jetzt eingefangen und führten sie, die Arme auf den Rücken verschränkt, den Oberkörper mit einer Hand nach vorn gezwungen, wie Gefangene zu Agustin zurück. Agustin begrüßte sie streng: Ihr bleibt jetzt bei mir.

Nein. Ich will nicht nach Haus. Ich will nicht, es ist immer Krieg dort und wir haben nichts zu essen.

Wir beladen ein Boot mit Vorräten und suchen für euch alle ein sicheres Versteck.

Nein, schrie der Junge wieder und alle stoben auseinander. Agustin stand allein. Es war eine beunruhigende Szene. Curbelo wollte seinen Neffen holen, doch mehr um seiner eigenen, als Agustins Ratlosigkeit zu entkommen. Er war erstaunt darüber, wie sehr die Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden ihn forderten. Wie ein Stück Glas, klar und scharf, stachen sie aus einem trüben Strom heraus, und waren plötzlich ein Teil seines Lebens geworden.

Die Jungen drohten einander jetzt mit imaginären Waffen. Sie fielen übereinander her, so dass man nicht mehr erkennen konnte, wer gegen wen kämpfte. La guerra, schrie ein Junge, Krieg und ließ sich einfach mit seinem Geschoß in die Horde fallen. Es war eine einziges Ballern und Heulen, ein Knäuel von wildgewordenen Kriegern. Agustin hatte zuerst mitgemacht, doch nun stand er etwas abseits. Der ältere Junge lief an ihm vorbei: Ja, so ist es, sie müssen Erde fressen, rief er Agustin zu.

Oder sie werden mit Macheten massakriert, rief ein anderer Junge.

In Stacheldraht aufgehängt …

Zerstückelt …

Ihre Köpfe auf Pfähle gespießt …

Agustin war stumm, sein Mund halb geöffnet. Hilflos schaute er umher und entdeckte seinen Onkel, der immer noch auf ihn wartete. Fragend, bittend fast, sah er ihn an. Höchste Konzentration in seinen Augen schien er etwas zu suchen, das er nur bei seinem Onkel finden konnte und plötzlich glitt ein Lächeln über sein Gesicht. Beschwichtigend hob er die Arme: Gut, rief er. Die Bande war für einen Moment ruhig und sah ihn an. Dann bleibt ihr eben bei mir. Ich beschütze euch. Ich schwöre. Er legte seine rechte Hand auf sein Herz, sah erneut  zu seinem Onkel hinüber. Curbelo trat dicht an ihn heran, nickte anerkennend und nahm ihn bei der Hand. Sie gingen zum Haus zurück. Stiegen in den schwarzen Landrover, um kurz darauf die Schnellstraße, die sechsspurig vom Süden der Insel zum Norden führte, hinunter zu fahren. Berge, Felsmassive zum Landesinnern. Rechts zwischen Lavagestein und vor dem Meer: sogenannte Urbanizaciónes, kleine weiße Gebäude, dicht aneinander gepresst, Pools schimmerten türkis und kalt. Rasenflächen, Grünpflanzen in den älteren Geländeabschnitten.  Beton, Mauern. Touristenlager.

Agustin saß hinten rechts im Kindersitz, er war immer noch aufgeregt, die anderen Kinder hatten ihm erzählt, dass zwei Boote gekentert waren. Ganz viele Leute in den Booten! Mindestens hundert! Und drei sind tot!

 Sein Onkel antwortete nicht. Er musste den Rückspiegel einstellen, damit er das Gesicht des Kindes sehen konnte. Die Sonne stand hoch, er klappte den Sichtschutz herunter, hielt das schwarze glatte Lenkrad in seinen Händen.

Julios Papa hat sie entdeckt, an der Küste von Torre vieja.

Ja, sie sind ertrunken. Sie haben es nicht geschafft. Aber die Rettungsmannschaften sind schon seit zwei Tagen unterwegs und suchen nach den andern, bestimmt haben sie die schon gefunden. Er wusste, dass er nicht ehrlich war, dass er dem Kind eine andere Antwort schuldig blieb. Wieder dieses Gefühl von Scham und schlechtem Gewissen in ihm. Trotz der Klimaanlage war ihm heiß, seine schwitzenden Hände auf dem glatten Lenkrad. Wie dem Kind seine Hilflosigkeit erklären?

Eine Bauruine kam in Sicht, eine Hotelanlage direkt am Meer, seitlich davon, wo die schroffen, ausgezackten Lavaformatierungen es erlaubten, hatte man Container hineingesetzt. Von dieser Anlage war ihm erzählt worden. Ohne nachzudenken, riss er das Lenkrad herum und fuhr rechts in einen Weg hinein. Hinter ihm raste laut hupend das nachfolgende Fahrzeug  weiter auf der Schnellstraße. Der Weg war nicht geteert, trockene Erde und Gesteinsbrocken lösten sich unter den Rädern. Der Wagen schlingerte, drohte auf dem abschüssigen Gelände auszubrechen. Nur mit großer Anstrengung  konnte er gegensteuern, dann hatte er das Auto wieder im Griff. Der Landrover rumpelte durch tiefe Spurrillen hinunter, Agustin lachte und hüpfte bei jeder Unebenheit nach oben.

Zwei Busse, die in einer tiefen Bodenwelle bisher verborgen gewesen waren, krochen langsam den Hügel hinauf, kamen ihnen entgegen. Curbelo wich in eine Senke aus, wartete, bis sich die Busse in einer Staubwolke an ihnen vorbeischoben. Agustin war still. Das erste Fahrzeug schien nur spärlich besetzt, doch im zweiten war alles voll. Curbelo glaubte sogar einige Menschen stehen zu sehen, doch eigentlich nahm er nur eine dunkle, voneinander kaum zu scheidende Menge wahr. Er konnte sich immer noch nicht erklären, warum er diesen Weg gewählt hatte, ein dummes Lied fiel ihm ein: Mi camino, el camino … Vorsichtig, langsam, so wie die Bodenbeschaffenheit es ihm erlaubte, lenkte er den Wagen hinunter. Als er näher kam, erkannte er, dass man einen Container in die Vertiefungen der schon gekachelten Poollandschaft hinein gesetzt hatte. Aus den oberen Stockwerken der Gebäude ragten verrostete Eisenverstrebungen  in den makellos blauen Himmel.

Das Lager wirkte leer, verlassen. Du bleibst im Auto! befahl er dem Jungen, als er ausstieg. Ein heißer Kessel, die Luft bewegte sich nicht. Ein alter Spanier  schob gerade das Metallgatter zurück, das geöffnet worden war, um die Busse hinaus zu lassen. Er trug eine Jacke mit der Aufschrift Seguridad. Hielt das Gatter nur noch einen Spalt geöffnet. Wahrscheinlich war er nicht daran interessiert Curbelo herein zu lassen, durfte ihm jedoch auch nicht den Zutritt verwehren. Trotz der Hitze saß ihm eine Mütze tief in der Stirn, er grinste breit, als er Auskunft gab: Sind zum Flughafen. Faulige Zahnstümpfe im Mund, zwei Zähnen fehlten, ein gegerbtes, vorzeitig gealtertes Gesicht. Wahrscheinlich einer der vielen arbeitslosen Fischer oder Arbeiter, die es hier auf der Insel zuhauf gab. Als Curbelo näher trat, roch er den Alkoholatem des Anderen. Die Anlage wirkte hier unten viel größer, es gab einen betonierten Platz, in der Mitte ein Rundell, in dem sich ein Salao ausbreitete und die grauen, vertrockneten Überreste von Dattelpalmen unter sich vergrub. Seitlich davon stand einer der Container und ließ den Blick auf die Eingangshalle des Hotels frei. Aus dem spärlichen Schatten des Rohbaus schälten sich zwei Gestalten heraus und bewegten sich langsam in Richtung Tor. Die Luft flirrte in der Hitze und sie waren zu weit entfernt, um ihr Alter, ihr Aussehen zu erkennen. Jetzt erst sah Curbelo eine Handvoll Männer, die im dritten Stock eines Gebäudes, an der die Außenwand fehlte, auf der Erde saßen, und zu ihm herabschauten. Nach und nach standen sie auf, immer mehr Menschen schoben sich nach vorn, und bildeten schließlich eine menschliche Mauer aus dunklen Armen und Beinen. Die beiden Männer unten auf dem Platz waren vor dem Container stehen geblieben. Das gleißende Licht der Sonne brach sich auf den silbernen Metallplatten und Funken sprangen auf. Trotz seiner Sonnenbrille musste Curbelo die Augen zusammenkneifen und mit seiner Hand die Augen beschatten. Der Alte vor ihm wurde zunehmend nervöser, schaute immer wieder über die Schulter zurück. Langsam, wie in Zeitlupe näherten sich die Afrikaner und jetzt sah Curbelo, dass sie noch sehr jung sein mussten.

Geh hinein, sprich mit ihnen, dachte er. Was hindert dich? Hol Agustin und geh zu ihnen hinein. Ein Aufruhr in ihm, ein Rufen und Rumoren. Warum? Du bist Arzt! Und? Hol Agustin. Es gibt keine Antwort. Vielleicht dort bei ihnen. Wenn überhaupt, ist dies der Moment. Mit zwanzig  wollte er zu den Ärzten ohne Grenzen, hatte sich selbst gefallen in der Vorstellung wenn schon kein Robin Hood, dann ein Held im OP zu werden. Doch das Studium, die Arbeit, der Alltag, die Ehe …,  das Leben eben, war dazwischen gekommen.  Und nun stand er hier, fühlte eine unsichtbare Mauer, wusste, dass die nur in ihm existierte und konnte sie doch nicht überwinden. Hol den Jungen, verdammt! Wir reden ein wenig mit ihnen. Vielleicht kann man in dieser gottverlassenen Gegend sogar etwas miteinander trinken gehen. Ich könnte sie einladen.

Curbelo schwitzte, Schweiß lief ihm über das Gesicht, sein Rasierwasser roch süßlich und verdorben. Das Geschwätz des Mannes ging immer weiter, gerade verhedderte er sich bei den Worten: Keine Papiere …  Die Lichtfunken spritzten auf und tanzten in der Luft … Die Afrikaner standen und warteten. Lauerten. Wie er. Der Alte redete immer noch irgendwelches Zeug daher. Curbelo wusste, wenn er noch einen Moment zögerte, war es zu spät. Er hörte, wie in seinem Rücken die Autotür geöffnet wurde, Agustin aus dem Wagen sprang und zu ihm gelaufen kam. Schroff wandte er sich zu ihm um: Geh zurück, befahl er dem Jungen. Agustin achtete nicht auf ihn, schaute die Männer und den Alten, der immer noch redete, an. Plötzlich stieg eine unglaubliche Wut in Curbelo auf, er griff seinen Oberarm und zerrte ihn zurück in das Auto.

Ohne ein Wort startete er, die Räder drehten durch bei seinem Wendemanöver, schließlich fuhr er den staubigen Weg wieder hinauf. Im Rückspiegel sah er, wie die zwei jungen Männer immer noch vor dem Container standen und ihm hinterher sahen.

War das ein Sammellager? Wollten die Männer dir was tun?

Nein, knurrte Curbelo.

Warum hast dann nicht mit ihnen gesprochen?

Da schrie Curbelo ihn plötzlich an: Habe ich dir erlaubt auszusteigen? Das Leben der Erwachsenen… deine Nase überall reinstecken…Was weißt du schon? Er hörte sich selbst den größten Mist reden und brach mitten im Satz ab. Bitte Agustin, bitte, lass mich!, flehte er.

Agustin schwieg erschrocken.

Langsam beruhigte sich Curbelos Atmung, im Rückspiegel sah er, wie Agustin in seinem Sitz kauerte, ohne etwas zu sagen. Jetzt hatte er den Jungen so verstört, wie er selbst geschockt war, von all dem, was mit ihm in den letzten vierundzwanzig Stunden passiert war. Er griff mit der Hand nach hinten, wollte ihm das Knie tätscheln: Tut mir leid! Doch der Junge zog sein Bein vor seiner Berührung weg. Seine Hand griff ins Leere. Er war jetzt total erschöpft. Erschlagen. Wie hatte er nur so ausrasten und seine Kontrolle verlieren können?  Endlich kam Santa Cruz in Sicht: das Meer, Palmen, Häuser vor der Horizontlinie. Der Verkehr wurde dichter. Stop and go. In der Stadt fand er direkt vor dem Spielzeugladen einen Parkplatz. Als er den Motor ausmachte, blieb er einen Moment, die Hände auf das Lenkrad gelegt, sitzen. Ich will keinen Bagger! Agustins leise Stimme. Curbelo wandte sich dem Jungen zu, sah, wie seine Augen sich mit Tränen füllten und langsam überliefen.

Bitte, Agustin, bitte. Verzeih mir. Das war blöd von mir. Seine Stimme war hoch und kratzig, als er weiter sprach: die Bootsflüchtlinge, ihr langer beschwerlicher Weg … Er ist schockiert … sein Mangel an Phantasie, seine Hilflosigkeit. Ist sich selbst nicht mehr geheuer. Und Ungeheuer sind ihm seinesgleichen, die die Alarmanlagen ihrer Häuser einfach lauter stellen, um das Rufen von draußen und die eigene warnende Stimme nicht mehr zu hören! Er schaute zu Agustin, wie sollte der ihn verstehen? Das Kind sah ihn schweigend an. Dann kletterte er zu ihm nach vorn auf den Beifahrersitz und streichelte seinen Arm. Ist ja gut, sagte er leise. Es wird alles gut.

Curbelos Mobil schrillte, Pilar war dran und bat ihn in der Stadt etwas Brot zu kaufen. Sie stiegen aus und trotteten nebeneinander her. Es war eine belebte Einkaufsstraße, Agustin kannte den Weg, er hatte Curbelos Hand gegriffen und führte seinen Onkel durch das Gewühl. Beim Bäcker mussten sie warten, bis sie an der Reihe waren, Agustin sah seinen Onkel an und lächelte. Als sie den Laden verließen, fragte er den Jungen: Gehen wir jetzt den Bagger holen? Ja, sagte Agustin erleichtert und ging schon voraus.

Sie kauften ihm einen weiteren Bagger aus der Serie und gingen hinüber zu dem großen Platz, tranken eine Cola draußen in einer Bar. Es war früher Abend, das Licht floss golden und weich über die Häusermauern. Agustin rutschte vom Stuhl und hantierte mit dem neuen Bagger in der Erde unter einer Dattelpalme. Am Nachbartisch wurde laut diskutiert über den Euro, die Wirtschaftskrise. Jemand sagte: Ich drucke schon neue Pesetas im Keller, nur große Scheine, dann machen wir uns endlich unabhängig. Alle lachten. Die Luft war gesättigt vom Duft fettgebackener Churros und dem Meeresgeruch. Überall war Bewegung, spanische Familien flanierten umher im goldenen Glanz dieses Abends, ein paar Alte spielten Schach, eine Gruppe Jugendlicher drängte sich durch die Tischreihen an ihnen vorbei. Weit und breit keine Touristen, auch keine Afrikaner, die ihre Waren anboten. Für einen Moment war alles wieder so, wie vorher. Ein Moment der Ruhe. Curbelo lehnte sich zufrieden zurück. Agustin sah zu ihm auf, Schatten unter den Augen, die er immer bekam, wenn er müde war. Den Bagger in der Hand, strahlte er seinen Onkel an: Ich grabe einen Tunnel, ganz tief, unter dem Meer hindurch, bis nach Afrika. 

 

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