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12.08.2018, Jamal Tuschick

Eine Geschichte in Fortsetzungen von Safeta Obhodjas

Meryams Rede oder Mit beiden Händen auf beiden Heiligen Büchern III. Teil

Safeta Obhodjas  

Was zuvor geschah.

Meryams Familie ist aus dem Libanon nach Deutschland gekommen. Die Ich-Erzählerin bezeichnet sich selbst als „ungehorsame Tochter“. So verkleidet sie ein ungeliebtes Kind. Die Mutter herrscht nach den Maßstäben ihrer Ursprungsgesellschaft. Sie hält fest an dem Entschluss, Meryam mit einem hochkarätigen Ghettogangster zu verheiraten. Die Tochter entweicht dem elternhäuslichen Druck in die freundlichen Verhältnisse ihrer Freundin Anne. Als ihre Mutter, gestützt auf die explosive Gewaltbereitschaft männlicher Verwandter, Meryam aus dem Paradies entführen will, verkriecht sich das Mädchen in einer Ecke. Es beobachtet die Verhandlungen zwischen Anne und dem Rollkommando. Meryams Mutter zwingt das Mädchen auf die Bibel zu schwören, dass es nicht weiß, wo Meryam steckt. Mit einer Mischung aus Kaltblütigkeit, Naivität und Raffinesse meistert Anne die Lage. Meryam begreift sie nun als ihre Lebensretterin. Kein Zweifel, dass sie die Bestrafung nach ihrer Rückführung ins Elternhaus nicht überlebt hätte.

Viva-Femina wird fünfundzwanzig

Anne und ihre Mutter unterstützen Meryam. Sie verschaffen ihr eine Unterkunft und fördern die Verlorene mit Mitteln des u.a. von Annes Mutter gegründeten Vereins „Viva-Femina“. Jahre später zerbricht die Freundschaft. Anne nimmt schließlich den Kontakt wieder auf, um zum fünfundzwanzigjährigen Vereinsjubiläum Meryam als Beweis für gute Arbeit und gelungene Integration vorzuführen. Wir sind in der Anbahnungsphase. Anne spricht.

So geht es weiter

Ich rief die angegebene Nummer an, während ich auf die Verbindung wartete, spürte ich meine Anspannung. Wie würde sie reagieren? 

„Meryam, hier ist Anne.“

Unsere Verlegenheit versteckten wir in Floskeln. Wir fragten uns, wie viel Wasser seit unserem letzten Gespräch in die Ozeane geflossen war. Endlich bat ich Meryam, den Verein, dem sie ihre Freiheit und Bildungschancen verdankte, zu besuchen. Ihre erste Antwort war Schweigen. Dann schlug Meryam mir vor, zu ihr in die Kanzlei zu kommen, wo wir in Ruhe miteinander reden konnten.

Ich akzeptierte ihren Vorschlag ohne Überlegung und wir vereinbarten einen Termin.

Die Firma residierte in einer herausgeputzten Gründerzeitvilla, die idyllisch in einem kleinen Park stand. Die Begrüßung war eine kühle Angelegenheit. Wir musterten uns, Meryam führte mich in die Küche der Kanzlei. Sie sagte: „Mein Gott, auf einmal sind wir erwachsen.“

Die Küche war ein verchromtes Designwunder. Meryams hochgezogene Schulter und ihre Mimik deuteten an, dass sie, obwohl sie nur ein Rädchen im Getriebe der Kanzlei darstellte, stolz auf ihren Arbeitsplatz war.

„Wie hast du mich gefunden?“

„Dein Arbeitgeber hat doch eine Homepage. Dort fand ich auch deinen Namen.“

Meryam bediente die Kaffeemaschine.

„Mag sein, dass meine Stellung ganz unten auf der Rangskala liegt. Doch sie ist sehr wichtig, ich bin eine akribische Aktenprüferin, mir entgeht nichts. Ich arbeite lieber mit Paragraphen als mit Menschen.“

„Unsere Beratungsstelle arbeitet nur mit Menschen, mit Mädchen und Frauen in Not, die in einer ähnlichen Lage sind, wie du es damals warst.“

Meryam stellte eine Tasse vor mich, zeigte jedoch kein Interesse, gemeinsame Erinnerungen aufzufrischen. Ich erzählte ihr von dem anstehenden Jubiläum des Vereins, das wir mit allen Freunden und Unterstützern feiern wollten.

„Wir planen ein buntes Programm, in dessen Rahmen wir von den positiven Beispielen berichten möchten, von den Mädchen und Frauen, die es geschafft haben, sich aus den Zwängen zu befreien. Meryam, ich möchte dich zu unserem Jubiläum einladen. Du hast etwas zu erzählen.“

Meine ehemalige Freundin sah mich misstrauisch an, als vermutete sie hinter der Einladung eine Manipulation.

„So, du wünscht dir eine Rede von mir. Die tagtägliche Praxis dieser Kanzlei bietet Material, das für zehn Bände ausreichen würde. Wie soll meine Rede aussehen? Möchtest du sie mehr trocken-statistisch oder exemplarisch aus dem Leben gegriffen, meine ich?“

„Ich erwarte keine klassische Rede.“

Meryam ließ sich Zeit mit ihrer Antwort.

„Anne, verlangst du von mir die Geschichte mit der Bibel?“

„Ja, das ist eine tolle Anekdote, mit der man das Publikum erheitern kann. Ich habe dich mit der rechten Hand auf dem Buch vor deiner Sippe gerettet, und du hast etwas aus deinen neuen Möglichkeiten in Freiheit gemacht. Solche positiven Beispiele brauchen wir für unser Jubiläum“, ich konnte einen Lachanfall nicht unterdrücken. „Erinnerst du dich?“

„Anne, danke für dein Vertrauen und für dein Kommen. Ich werde mir überlegen, worüber ich reden möchte.“

Ihr Handy summte und sie beeilte sich, unsere Kaffeetassen einzusammeln und Tschüss zu sagen. Zwei Tage später bekam ich eine verwirrende Email.

„Liebe Anne, ich habe mit meiner Vergangenheit abgeschlossen. Ich sehe mich nicht in der Lage, die witzigen Anekdoten von damals heraus zu fischen und damit euer Publikum zum Lachen zu bringen. Unsere Kanzlei und Viva-Femina haben viel mit der gleichen Klientel zu tun. Seit ich hier arbeite, habe ich das absurde Theater der gescheiterten Integration begriffen. Das ist ein Theater mit zwei Bühnen. Auf der einen Seite stehen die kaum gebildeten Mütter, Großmütter, Großtanten, älteren Schwestern, die das Sagen in den Familien und Sippen der Angekommenen haben. Es mag sein, dass viele Männer zu Gewalttätigkeit neigen, aber sie sind nicht ständig anwesend in der Familie. Mütter, Großmütter, Großtanten haben den Nachwuchs unter Kontrolle, sie unterdrücken die jüngeren weiblichen Mitglieder der Familie und erziehen ihre Söhne zu Paschas und Machos. Sie liefern ihre Töchter, die es wagen, aus der Reihe zu tanzen, ganz bewusst männlicher Gewalttätigkeit aus. Auf der anderen Seite der Bühne halten engagierte deutsche Frauen das Zepter in der Hand, dazu meist auch das Schild eines Studiums im sozialen Bereich. Diese Frauen haben ihre Kräfte schon im Kampf für ihre Gleichberechtigung erprobt, und das hat sie hart, aber nicht unbedingt solidarisch mit den schwächeren Zeitgenossinnen gemacht.

Trotz der Überwachung durch die Familie schaffen es einige Mädchen zu rebellieren und aus diesem Käfig auszubrechen, wie ich es getan habe. Die Flucht endet auf der deutschen Seite und danach beginnt eine Odyssee durch das deutsche Sozialsystem, eine Odyssee voller Angst vor der Rache der Familie und Sehnsucht nach Geborgenheit. Beratungen und psychologische Betreuungen können ihnen den Verlust des sozialen Umfelds kaum ersetzen. Sie bleiben in der Grauzone zwischen den zwei Bereichen der Bühne. Sie haben ihre Seite verlassen und können nie mehr zurück. Sie kommen aber auch nicht auf der anderen, der deutschen Seite an. Das verwehrt ihnen die Mehrheitsgesellschaft.  Zumal die Frauenrechtlerinnen aller Art sie lieber als Objekte ihrer Empathie, als …  du weißt schon, was ich meine. Es wird ihnen nicht einmal gegönnt, ihre Latten höher zu legen. Meine Rede über die misslungene Integration ist viel länger, aber ich will dir jetzt nicht alle meine Erkenntnisse verraten. Ich verspreche, aufrichtig und ehrlich von meinen Erfahrungen zu berichten, mit beiden Händen auf den beiden Heiligen Büchern.“

Ich habe Meryams Email zehn Mal gelesen und mich jedes Mal über ihre Überheblichkeit geärgert. „Meryam, erwartest du jetzt von mir, dass ich dir ein Podest für eine weitere Stufe in der Karriere aufbaue? Wenn ich eine Fachrede über die Integration haben wollte, würde ich eine bekannte Referentin auf die Bühne bitten. Nicht einen Maulwurf aus der untersten Paragrafen-Schublade einer Kanzlei. Steig vom hohen Ross, es ist nicht gesund, sich selbst zu überschätzen. Dazu tut es weh, wenn man herunterfällt.“

Meine Mutter hielt mich davon ab, die Email abzuschicken. „Lass es so im Raum stehen, Anne, vielleicht wirst du Meryam eines Tages brauchen.“

 

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