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15.08.2018, Jamal Tuschick

Alida Bremer zur #metwo Debatte

Und wann gehen Sie nach Hause?

Alida Bremer

Vielleicht bin ich für die Debatte unter dem Hashtag MeTwo nicht gut geeignet. Ich sehe unauffällig aus, ich trage einen durch Eheschließung erworbenen deutschen Namen, sogar mein Vorname könnte als deutsch durchgehen, wäre da nicht mein Akzent und meine gelegentliche Verwechslung der Artikeln (mal ganz ehrlich, liebe Deutsche: Wie soll man diese schrecklichen die, der, das, den, dem auseinanderhalten, wenn man so spät Deutsch zu lernen begonnen hat?), ab und zu lasse ich sie einfach weg, ab und zu setze ich sie an Stellen, wo sie nicht hingehören, dann wirke ich ungebildet, das quält mich natürlich, denn genau das möchte ich am Wenigsten - ungebildet wirken, aber manchmal geschieht es uns Menschen, dass sich das, worauf sich unsere tiefsten Sehnsüchte gründen, ins Gegenteil verkehrt. Es wäre naiv zu glauben, dass wir uns dem entziehen können, indem wir auf Andere zeigen, während wir uns selbst als fehlerfrei träumen.

 

Ich bin weder Kind einer Migrantenfamilie, noch bin ich als Arbeitssuchende, als politisch Verfolgte oder als Kriegsflüchtling nach Deutschland gekommen. Ich kam damals, im Jahr 1986, nach Deutschland, um in der gut ausgestatteten Staatsbibliothek in München nach englischsprachigen Studien über postmoderne Kriminalromane zu recherchieren, da ich im Postgraduierten-Studiengang "Literaturtheorie" an der Universität in Belgrad an einer Abschlussarbeit arbeitete. Das, was ich damals suchte, habe ich gefunden und dafür bin ich bis heute dankbar: Das Land des seriösen wissenschaftlichen Arbeitens, der Meinungsfreiheit und der gut ausgestatteten Bibliotheken, in denen alle denkbaren Zeugnisse der Vielfalt des menschlichen Geistes leicht zugänglich sind. Selbstverständlich retten die Bücherregale niemanden von Engstirnigkeit und vor nationalistischen Ressentiments und selbstverständlich kann man außerhalb der arkadischen Gebäuden der Akademie warmherzige und weltoffene Menschen finden, aber ich möchte nur betonen, dass ich für die Schönheit, die mir ein Leben in Deutschland mit all seinen Bibliotheken ermöglicht hat, dankbar bin. Dafür kann ich in Kauf nehmen, dass ich mich manchmal nicht willkommen gefühlt habe - aber wer ist eigentlich immer und überall willkommen? Manchmal ist nicht mal ein Kind in der eigenen Familie willkommen, eine Schwiegertochter, ein Mitarbeiter, eine Ehefrau, wenn sie plötzlich nach Hause kommt, und der Mann hat gerade eine Nachbarin zu einem Glas Wein eingeladen.

           

Ich konnte kein Wort Deutsch, als ich in der altehrwürdigen Bayerischen Staatsbibliothek mit meinem Schulenglisch nach Büchern suchte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich neben Englisch auch Italienisch, Französisch, Russisch und Latein gelernt, aber kein Deutsch. Das wäre nicht weiter schlimm gewesen, hätte ich mich dort nicht verliebt und wäre ich nicht bald darauf wegen eines deutschen aufstrebenden Geisteswissenschaftlers Hals über Kopf nach Deutschland gezogen. Plötzlich lebte ich in einem Land, dessen Sprache ich nicht sprach, und ich wollte mich ausgerechnet mit Literatur beschäftigen! Die Bücher in englischer Sprache halfen da nicht weiter. Während mir in meiner Heimat eine Universitätskarriere vorschwebte, konnte ich in Deutschland höchstens in einem Balkan-Restaurant kellnern. Der Mann dagegen, den ich in München kennengelernt hatte und dem zuliebe ich in Deutschland geblieben war, sprach meine Muttersprache mit jener Perfektion, die ich später bei vielen deutschen Experten für verschiedene fremde Länder, Sprachen und Kulturen beobachten konnte - fehlerfrei. Kein Wunder, dass sein Weg zur Uniprofessur einfacher war als meiner! Und kein Wunder, dass unsere Ehe zerbrach.

 

Nach dem Ende dieser ungleichen Beziehung wäre ich so gerne "nach Hause", in "mein Land" zurückgekehrt und hätte meine literaturtheoretischen Studien in der eigenen Sprache fortgesetzt. Doch inzwischen gab es weder dieses Land noch war es eindeutig, was meine eigene Sprache war - "dort unten" war das Staatsgebilde zerfallen, und der biographische Zufall, dass ich als Kroatin in Serbien studiert hatte, war inzwischen fatal geworden. Der Gedanke, dass es mir "in meinem Land" besser gegangen wäre als in Deutschland, entpuppte sich als Illusion.

 

Manchmal verspürte ich ein Stich im Herzen - wenn irgendwelche deutsche Freunde es lustig fanden, meinen Akzent nachzuahmen. Meinten sie es liebevoll, weil ihnen mein Akzent sympathisch war, oder wollten sie mich demütigen? Ich versuchte immer, mich für die erste Antwort zu entscheiden - und versuchte heimlich an meinem Akzent zu arbeiten. Doch als ich damals ahnungslos in München landete, war ich einfach zu alt dafür. Unser menschliches Gehirn ist zu höchsten Leistungen fähig, aber unser Körper hat seine Grenzen, der Kehlkopf zum Beispiel kann ab einem gewissen Alter nicht mehr davon überzeugt werden, das deutsche CH zu hauchen; die Zunge will nicht mehr lernen, wie man das deutsche R ausspricht. Den deutschen Mitbürgern sei erlaubt, das lustig zu finden. Aber es sei ihnen auch gesagt, dass das nicht besonders nett ist.

 

Und wenn ich deshalb einmal bedrückt war, tröstete ich mich mit dem Schicksal meines Vaters: Er kam mit 16 aus einem Dorf im dalmatinischen Hinterland nach Split, eine 30 Kilometer entfernte und 1700 Jahre alte mediterrane Stadt. Er sprach die gleiche Sprache wie seine Schulkollegen in Split, und da er jung war, lernte er sogar ihren Akzent nachzuahmen, außerdem war er gleicher Nationalität und gleicher Konfession wie sie - und doch nannten sie ihn vom ersten Tag an "Vlajo", ein Spottname für einen Hinterwäldler, und der Schmerz darüber begleitete ihn ein Leben lang.

 

Die Menschen haben diese Neigung, sich im "Eigenen" wohl zu fühlen und das "Fremde" abzulehnen und zu verspotten. Diese Neigung ist universeller als alle andere menschlichen Eigenschaften, befürchte ich. Dabei bilden alle unsere menschlichen Biographien unvorhersehbare Mäander und niemand weiß, wohin seine persönliche Lebensweise führt, nicht einmal jene, die stolz darauf sind, ihr eigenes deutsches Dorf nie verlassen zu haben, mit Ausnahme eines Urlaubs in Mallorca vielleicht. Möglicherweise wird ein solcher Mensch einmal an einer Tankstelle in der Nähe seines Dorfes auf eine Frau aus Brasilien treffen, ihr wegen ihrer magisch grünen Augen folgen, und am Ende ihres Lebenswegs sehen wir sie auf einer Veranda in einem Vorort von Plymouth, Massachusetts, sitzen und in Schaukelstühlen wippen, während ihre Enkelkinder aus Luftgewehren auf Vögel schießen - und wie sie dort gelandet sind, erzähle ich jetzt nicht, der Leser soll neugierig bleiben.

 

Der eine ist in Ungarn geboren, und es hat ihn noch vor den Fall der Berliner Mauer nach Riga verschlagen, wo er eine Weißrussin heiratete. Er wurde Alkoholiker und erblindete aufgrund des selbstgebrannten Wodkas - das hat mir seine Frau erzählt, die heute in Deutschland alte Menschen pflegt und nur noch selten nach Riga fährt. Sie lebt in einer WG mit lauter osteuropäischen Frauen, die seit dem Fall der Berliner Mauer in westdeutschen Haushalten putzen oder als Pflegerinnen arbeiten. "Sonntags", erzählte sie mir einmal in einem Café, als sie begeistert feststellte, dass ich Russisch verstehe, "geht es bei uns richtig gemütlich zu. Wir kochen gemeinsam und erzählen uns verrückte Dinge, die wir bei den Deutschen beobachtet haben, etwa wieviel Kleidung jedes Familienmitglied in einem Haushalt hat, und wie oft bei denen die Waschmaschine läuft. Die Deutschen produzieren täglich wahre Wäscheberge", sagte sie nachdenklich. "Aber ihre Männer trinken zum Glück weniger als unsere."

 

Ein anderer ist in Kairo geboren, sein Onkel war Arzt, der ihm dabei half, mit einem Stipendium in die USA zu gehen, um dort Physik zu studieren, er lernte aber im Flugzeug eine deutsche Frau kennen und folgte ihr nach Deutschland, wo er bis zu seinem Tod glücklich lebte, allerdings nicht glücklich genug, um sich keine Sorgen um seine Familie in Kairo zu machen, mit der er nur noch über Skype sprechen konnte, da er zu alt und sie alle zu arm für das Reisen geworden waren. All das erzählte mir seine Witwe bei Kaffee und Kuchen, diesem schönen deutschen Brauch, dem ich viel abgewinnen kann. "Ein anderes Mal werde ich dir von seinem besten Freund erzählen", sagte sie, und langte nach noch einem Stück Kirschkuchen mit Sahne, "der hat eine Schwedin geheiratet, die beiden haben mit geschmuggelten ägyptischen Antiquitäten gehandelt und sind richtig reich geworden".

 

Erkennt irgendjemand in diesen kleinen, zufällig aufgegriffenen biographischen Entwürfen typische Ungarn, Weißrussinnen, Letten, Araber, Schwedinnen oder Deutsche? Ich nicht. Nur die Literatur, so wurde mir klar, während ich eine weitere Tasse Kaffee mit jener Witwe schlürfte, kann unseren Biographien gerecht werden, kein Hashtag.

 

Aber nicht nur wir Menschen mit komischem Akzent sind lustig. Manchmal mache auch ich mich lustig hinter dem Rücken meiner deutschen Freunde, wenn sie ihre berühmte Phrase "Wann geht es nach Hause?" wohlmeinend wiederholen und dabei meinen Urlaub in Kroatien meinen. Ich lebe seit 32 Jahren in Deutschland, viel länger als ich je in Kroatien gelebt habe, meine Kinder sind hier geboren, ich besitze ein Haus in Münster - wohin soll ich eigentlich "nach Hause" fahren?

 

In der Zeit des Krieges im zerfallenden Jugoslawien half ich in Münster kroatischen und bosnischen Flüchtlingen, die es in diese westfälische Universitätsstadt verschlagen hatte. Mit einer Gruppe enthusiastischer junger Deutscher organisierte ich Patenschaften für Flüchtlinge vor Ort, außerdem vermittelten wir zwischen den Flüchtlingen und deutschen Familien, die sich bereit erklärt hatten, Flüchtlinge aufzunehmen und für ihren Unterhalt zu sorgen. Die Hilfsbereitschaft in jenen Jahren zwischen 1991 und 1996 war enorm, die Reaktionen der Bürgerinnen und Bürger aus Münster auf den ersten Krieg auf europäischem Boden nach dem Zweiten Weltkrieg waren bewegend und rührend, nicht nur ich werde sie nie vergessen - viele der damaligen Flüchtlinge erinnern sich bis heute daran. Manchmal treffe ich jemanden von ihnen wieder, und dann erzählen sie mir, wie willkommen sie sich in Münster gefühlt haben und wie unglaublich diese Hilfsbereitschaft der Deutschen war.

 

Aber auch damals konnte es Flüchtlingen vorkommen, als wären sie in Deutschland unerwünscht. Eine bosnisch-muslimische Krankenschwester, die relativ bald nach der Regelung ihres Flüchtlingsstatus in der Uniklinik in Münster eine Stelle bekam, erzählte mir damals verbittert, dass ihr Chef sie einige Wochen vor Weihnachten 1994 freundlich gefragt habe: "Na, Frau M., geht es zu Weihnachten nach Hause?" - "Er weiß doch, dass ich aus Sarajevo bin", sagte sie. Sarajevo war belagert, darüber wurde jeden Tag in den Nachrichten berichtet, es war mit 1.425 Tagen die längste Belagerung im 20. Jahrhundert, niemand konnte nach Sarajevo reisen, kein Vogel konnte die Stadt verlassen und in die Stadt hineinfliegen, die Frau war froh, dass sie zu Beginn des Krieges mit einem Konvoi des Roten Kreuzes aus dem Kessel flüchten konnte, aber ihre ganze Familie war in der belagerten Stadt zurückgeblieben, und außerdem war sie keine Christin, Weihnachten bedeutete ihr nichts. "Es ist nur eine Redewendung", versuchte ich sie zu trösten. "Wenn die Deutschen von unserem Nach-Hause-Gehen sprechen, wünschen sie uns nicht heimlich dorthin, sondern sie bringen das für sie so typische Fernweh zum Ausdruck - sie würden gerne mitkommen, denke ich." "Aber doch nicht ins belagerte Sarajevo", sagte meine Bekannte skeptisch. "Die Äußerung deines Chefs war unüberlegt", sagte ich. "Aber die Deutschen sind ein neugieriges Völkchen, auch dorthin würden sie womöglich reisen wollen - es hat noch nie irgendwo auf der Welt ein Erdbeben, eine Flugzeugentführung oder eine Lawine gegeben, bei der nicht auch ein paar Deutsche zugegen waren, was dann auch in den Nachrichten erwähnt wurde. Und wenn wir jetzt zum Nordpol aufbrechen würden, würden wir dort auch einige von ihnen treffen." Meine Bekannte seufzte und meinte, da sei etwas Wahres dran.

 

So war das damals, vor 22 Jahren. Was ist inzwischen passiert? Warum ist die überwältigende Hilfsbereitschaft, die den Flüchtlingen aus den jugoslawischen Kriegen gegenüber gezeigt wurde, der panischen Angst vor den neuen Flüchtlingen gewichen, warum wurde das berühmte Fernweh der Deutschen durch ein Heimatministerium ersetzt? Warum hat die harmlose Frage "Wann geht es nach Hause?" einen bedrohlichen Beiklang bekommen?

 

Die Antwort ist einerseits in jener universellen menschlichen Eigenschaft zu suchen, wegen der mein Vater im eigenen Land als Fremder verspottet wurde, nur weil er als Bauernjunge in ärmlicher Kleidung, mit unpassenden Schuhen und mit einem starken Dorfakzent in einer sonnigen, mediterranen Stadt anders aussah.

 

Und andererseits in der Begrenztheit nicht nur unserer menschlichen Körper, sondern auch unseres Geistes. Obwohl zu den größten Höhenflügen geeignet, lassen wir unseren Geist verkümmern, wir glauben eher Internetkommentaren als seriösen Reportagen, wir hören mehr auf irgendwelche Populisten, die uns auf komplexe Fragen des Daseins einfache Antworten bieten, als auf Experten, die nüchtern ihre wissenschaftlichen Ergebnisse präsentieren, die sich nicht besonders reißerisch und attraktiv anhören. Es ist leichter, ein wenig zu googeln als lange zu lesen und nachzudenken. Es ist leichter, in einer Gruppe markige Sprüche zu klopfen, als in einen echten Dialog mit Andersdenkenden oder mit Fremden zu treten.

 

Obwohl um uns herum Bibliotheken stehen und in ihnen Bücher, die von der tiefen Verbundenheit aller Menschen in der Welt zeugen - die Mäander unserer Lebenswege, das Unglück und das Glück, die Liebe und der Tod, die Sehnsucht und der Wille, die Fähigkeit zur Wandlung genauso wie der Hang zur Melancholie sind uns allen in gleichem Maße eigen, egal ob in einer Hütte in Dalmatien, in einem Beduinenzelt in Marokko oder in einem Hochhaus in New York -, neigen wir dazu, uns in Gruppen zusammenzufinden und auf anders aussehende oder sprechende Menschen mit den Fingern zu zeigen. In diesem Land gilt das für "sie" genauso wie für "uns" - weder die Alteingesessenen noch die Zugezogenen sollten sich einbilden, besser, edler, vorurteilsfreier und klüger als die anderen zu sein.

 

Allen zusammen würde es nicht schaden, etwas häufiger gute Erzählungen zu lesen, in welcher Sprache auch immer.

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