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27.08.2018, Jamal Tuschick

Backfisch mit Pommes und Cola - Eine Inselgeschichte von Lea Sauer

Langeoog, langsam

Lea Sauer

Schon immer nicht

Die Insel zu überqueren dauert vielleicht zwei Stunden. Normalerweise. Wir haben extra ein Zimmer mit Wanne gebucht, sie badet so gern, sie braucht jetzt das Meer. Sagt sie. 

Der Sand ist so fein und weiß, dass er blendet und brennt. Wenn man die Augen nicht zukneift. Die Luft besteht aus Lau und Frisch und Salzig. Wir gehen die Dünen hinauf, wir wollen zum Wasserturm, wir sehen ihn bereits hinter den Reetdächern stehen. Klobig und grob. Dass er hier nicht in die Landschaft passt, verdeckt nur seine Farbe. Rot und weiß. Zwischen den Dünen gehen Teerwege entlang, gesäumt von langen Gräsern, sie wanken im Wind hin und her. Ich beobachte sie. Wie sie geht. Sie geht schleppend, wie man einen Sack hin- und her hievt, wie man Lasten bewegt. Manchmal wabernd, wackelnd, nicht so ungezwungen wie der Wind. Auf einen goldenen Stock gestützt. Die auffällige Farbe ein Versuch, ihn nicht sportlich, sondern glamourös zu nehmen, und das macht ihn lächerlich. Das rechte Bein steif von der Hüfte an. Dieser Gang, er passt zu ihr, so wie auch der eigene Name zu einem passt. Weil man eins mit ihm geworden, mit ihm verwachsen ist. Besonders dort, wo die Knie nach innen knicken. Von jahrelanger Belastung, wo es eigentlich falsch ist, verbogen. X.

Lea Sauer, 1987 in Siegen geboren, studiert derzeit am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und promoviert seit 2016 im Bereich französischer Literaturwissenschaft. Im Rahmen ihrer Promotion setzt sie sich mit neuen Flaneur-Konzepten in der Gegenwartsliteratur auseinander. Literarische Veröffentlichungen in zahlreichen Anthologien, u.a. zuletzt Der Poet und Edition Onepage. Sie war nominiert für den Förderpreis der Internationalen PEN-Stiftung 2015 und Teilnehmerin des Klagenfurter Literaturkurses 2016. 2018 Teilnehmerin von 4+1 Treffen junger AutorInnen am Schauspiel Leipzig. Ihre Novelle Métro erschien 2015 bei SuKultur. Mitherausgeberin der Tippgemeinschaft 2017.

Wir gehen langsam. An einer Stelle fällt der Weg etwas zu schräg ab, sie fragt nach meiner Hand und beschwert sich. Kein Geländer und nichts. Ich halte ihr meinen Arm hin, sie hält sich fest. In der anderen Hand der Stock. Sie ist schwer. Sie trägt Leggins unter der Tunika, sie trägt gerne bunt. Heute geblümt. Total übertrieben, finde ich. Wozu denn immer so auffallen, denke ich. Sie trägt gerne Schuhe mit Klettverschluss, sie ist ein praktischer Mensch. Ihre Hände sind das schmalste an ihr, sie sind schlank. Wie die Sehnen hervortreten, wenn sie sich auf den Stock stützt, sie passen nicht ganz zu den ausladenden Armen. Sie lassen erahnen, wie sie die Patienten einst getragen hat, von Bett zu Bett. Sie ist ein fürsorglicher Mensch, aufopfernd. Früher, so erzählt sie oft, habe sie ihre Kolleginnen so oft vertreten, dass sie manchmal drei Wochen am Stück keinen freien Tag gehabt hätte. Damals lief sie täglich mehrere Kilometer und muss so vollkommen anders ausgesehen haben. Schlank, ihre Schritte bestimmt. So bestimmt, dass man niemals geglaubt hätte, dass sie diese Tatkraft einmal verlieren könnte. Das hadernde Auftreten ist ihr nicht eingeboren. Offenbar. Also. Allerdings, kennen tue ich sie so nicht. Ich kenne sie nur so: Mit dem Blick auf dem Boden und einer Angst zu fallen, die sich nur in der Zögerlichkeit ihrer Bewegungen zeigt. Nie im Fallen selbst.

Ich weiß nicht, wann sie sich diese Angst angewöhnt hat. Ob schon in ihrer Jugend oder Kindheit, als die Schmerzen in der Hüfte langsam begannen. Abgeguckt von ihrer Mutter vielleicht, die ihr diese Erbschaft vermachte. So wie allen von uns. Oder: Angewöhnt, weil sie so nach Hilfe fragt, ohne wirklich zu fragen. In jedem Fall: Es macht sie so alt.

Es geht, warte nicht auf mich, geh ruhig schon mal vor, sagt sie mir jetzt, ohne ihre Hand von meinem Arm zu nehmen. Dass sie so langsam ist, stört. Weil wir gezwungen sind, so langsam zu sein, es nur dieses eine Tempo gibt. Immer. Das macht unruhig. Es entspricht mir nicht. Beziehungsweise: Es entspricht eigentlich niemandem. Es wäre leichter zu ertragen, wenn mein Vater dabei wäre und sich die Lasten verteilen würden. Ich möchte ihr sagen, dass sie sich nicht so anstellen soll, ich sage es nicht. Sie würde sowieso nur laut antworten: Du weißt genau, dass! Dann würde sie vielleicht weinen, wie beim letzten Mal, als mir so etwas rausrutschte, und dann nicht mehr mit mir sprechen. Für einen Tag oder zwei. Es war damals das erste Mal gewesen, dass sie mir so etwas sagte wie: Das hat mich verletzt. Wir waren einkaufen gewesen. Es war Weihnachtszeit und die Gänge im großen City Center überfüllt. Eigentlich hatten wir geplant, bei diesem Shopping-Trip die Weihnachtsgeschenke für die ganze Familie zu kaufen. Nach einer Stunde war sie erschöpft. Sie setzte sich auf eine Bank in eine der Umkleiden, obwohl keine von uns beiden etwas anprobierte. Sie verschränkte die Arme. Sie sagte: Du weißt, ich kann nicht so schnell. Immer läufst du so schnell. Ich sagte: Das stimmt nicht. Und: Kann man nicht einfach mal einkaufen gehen ohne so Getue? Und rollte mit den Augen. Sie schnappte nach Luft, so sah es aus, stammelte irgendwas. Ich weiß nicht mehr was. Dann presste sie die Lippen aufeinander und blieb einfach sitzen.

 Ich begriff erst da, als ich sie dort sitzen sah, Lippen aufeinander gepresst, Arme verschränkt, Blick von mir abgewandt, dass sie sich verändert hatte in den Jahren davor, dass diese Art zu gehen sie dünnhäutig gemacht hatte. Sie sich langsam abrieb mit jedem Schritt, wie sie auch ihren Hüftknochen abrieb. Sie Schritt für Schritt anders wurde. Im Alltag unmerklich. Man merkt es nur manchmal, in bestimmten Situationen, vielleicht, wenn sie und andere an ihre Grenzen stoßen. Diese pragmatische Frau, diese Frau, die ist nicht verletzlich. Eigentlich. Aber vielleicht ist sie kaputtbar. Mürbe. Jetzt sage ich ihr: Ich habe Kopfschmerzen. Und irgendwie stimmt das auch.

Wir machen Pause beim Turm, wir steigen nicht hoch, wir setzen uns auf eine Bank, schauen auf die Wellen, die im Wind aufgeworfen werden. Wir schauen uns nicht an. Ich sitze mit übereinandergeschlagenen Beinen auf der Bank. Sobald ich es merke, setze ich beide Füße nebeneinander auf den Boden. Ich sitze fast immer so, mit den Beinen übereinandergeschlagen, und immer wenn ich es merke, höre ich damit auf, weil ich gehört habe, das ist ungesund.

Hinter den Dünen Strandkörbe in Blau, Rot, Gelb, sogar Pink. Die Sonne geht bald unter, unser erster Abend bricht an. Wir gehen weiter auf den geteerten Pfaden, ich betrete den Sand ohne nachzudenken, erst dann merke ich, dass sie mir nicht folgt, noch auf dem Weg steht. Sie steht wie selbstverständlich dort, hält die Hand als Schirm an die Stirn, blickt zu mir oder aufs Wasser. Ich glaube zu sehen, wie sie zweimal tief schluckt. Sie sagt nur: Zu weich. Und ich will plötzlich gleichzeitig im Meer baden und zurück ins Hotel, für immer ins Hotel, bleibe stehen und blinzle im Wind.

Sie fragt: Wie fühlt es sich an? Und zeigt auf meine Füße, die ich langsam gehend im Sand bewege. Jetzt auf sie zu. Ich überlege. Der Sand massiert meine Fußsohlen, aber nur leicht, er ist so fein, dass man ihn kaum spürt, wenn man ihn betritt, wird er fest, aber nicht stabil. Samtig vielleicht. Er ist warm. Ich denke kurz daran, ein bisschen Sand aufzuheben, ihr durch die Finger rinnen zu lassen, ihr die Schuhe auszuziehen, dort drüben auf der Bank, ihre Füße im Sand zu begraben. Es ist nicht dasselbe. Ich weiß nicht, was sagen. Es ist anstrengend und meine Waden werden fest. Das sage ich. Sie sagt: Genieß das. Und ich finde das zu ernst für diesen Strand und für uns, deswegen lache ich kurz auf, so für mich, und gehe weiter. Ich kann nicht mehr über den Sand gehen, mit nackten Füßen, sagt sie. Es sind drei Zentimeter, die ihr links fehlen. Die den Schuh jetzt klobig machen. Der Arzt sagte vor ihrer Hüft-OP, das könne passieren, dass die Beine unterschiedlich lang werden, wenn die rechte Hüfte nach der Operation wieder in ordentlicher Position ist, weil sich der Körper mit den Jahren an die Fehlstellung gewöhnt hat, die Muskeln links verkürzt sind. Jetzt trägt sie diese jahrelange Fehlbelastung als Absatz, als kleines Plateau, am linken Fuß. Ihr Gang, das alles, selbst, wenn sie nicht geht, wenn sie sitzt oder steht, im Schuh ersichtlich.

Ich langweile mich und bekomme Hunger davon. Seinen Mädels ein Wochenende Erholung, daran denke ich gerade, an diesen Satz meines Vaters, und wie unfair ich ihn finde. Wir kaufen Backfisch mit Pommes und Cola dazu und essen am Stehtisch. Meine Mutter sagt: So ein Snack ist immer gut und gibt Kraft. Ich weiß, mein Vater würde sie jetzt fragen: Muss das denn sein? Ich frage mich: Kraft wofür? Und ekel mich plötzlich davor, wie sie die einzelnen Pommes in die Mayo tunkt und sich in den Mund steckt, fast ohne zu kauen herunterschluckt.

Möwen kreisen über uns, zu spät merken wir, was sie vorhaben, eine stürzt sich herab, sie klaut ihr eine Pommes aus der Pappschale in ihrer Hand und das Herabstürzen kommt so plötzlich, sie fällt fast um, lässt die Schale fallen, schwankt, schwankt, schwankt, hält sich am Tisch fest. Steht wieder. Ah. Als hätte die Möwe geahnt, dass sich hier jemand nur schwer wehren kann. Mir fährt der Wind kalt durch die Beine, merke ich jetzt. Ich will ihr irgendetwas abnehmen, weiß aber nicht was. Ich greife nach ihrer Tasche auf dem Tisch. Öffne sie kurz, schaue hinein, weiß nicht wieso, mache sie wieder zu und frage: Alles okay?

Nicht weg ist der Pommesverkäufer in seiner Bude, so merke ich jetzt. Ich fühle mich gezwungen, verlegen zu lächeln. Es gerät nicht so ganz. Lass uns gehen, sage ich, weil wir uns schämen, finde ich. Meine Mutter sagt: Hier ist doch noch die andere Schale. Ich atme einmal tief ein, wieder aus, stelle mich neben sie, nehme mir eine Pommes. Sie schmeckt viel zu salzig.

Später. Ich helfe ihr aus der Wanne nach dem Baden. Eine Hand auf meiner Schulter, eine an den Fliesen. Sie hebt das Bein nicht ganz, sondern winkelt nur das Knie etwas an, bückt sich dann nach vorne, um über den Wannenrand zu kommen. Wie immer, ein Hieven. Sie geht vor mir ins Schlafzimmer, ich lasse das Wasser ab und will gehen. Durch den kleinen Spalt der Vorhänge kommt nur sanftes Licht. Draußen muss die Sonne noch scheinen. Sie bittet mich, sie einzucremen. Oder, nein: Sie hält mir die Creme-Tube hin, legt sich bäuchlings aufs Bett. Wartet. Sie liegt dort so ausgebreitet wie ein Fleck, dem niemand eine Kontur gegeben hat. Früher hat das dein Vater gemacht, sagt sie mir, aber jetzt wird er sauer, wenn ich ihn frage.

Ich weiß keine Antwort darauf, also gebe ich etwas Creme auf meine Finger, es duftet nach Orange oder so, wie das sein soll. Künstlich. Ich beginne an den Schultern. Im Spalt zwischen ihren Armen und ihrem Rücken quellen ihre Brüste hervor, die Haut hängt wulstig an ihr herab und ich zögere. Dann creme ich. Langsam und so, als wäre diese Schlaffheit eine Krankheit und das Fahle an ihr ansteckend. Ich berühre ihren Rücken nur mit den Fingerspitzen. Es fühlt sich warm an und weich. Das ist schön. Eine seltsame Angst beschleicht mich. Ich würde am liebsten meinen Kopf in eine dieser Falten graben und nie wieder herauskommen, aus diesen Gefilden. Aber dann kommt wieder der Ekel vor dieser Form. Form und Gefühl gehen nicht beieinander. An der Hüfte sehe ich die Narbe. Bestimmt zehn Zentimeter lang, ein Strich, gesäumt von jeweils sechs Punkten. Noch rosa und zart. Ich fahre mit den Fingern um sie herum, ich berühre sie nicht. Tut es weh?, frage ich. Das riecht gut, antwortet sie, das machst du gut, sagt sie, und ich fühle mich ertappt. Ihre Beine voller Dellen, durchzogen von Krampfadern. In ihrer Wade, beginnend in der Mitte in schwärzlichem Blau, laufen die Verästelungen fast grün aus. Teilweise so dunkel und dick, dass sie von innen gegen die Haut drücken, man schon denkt, jeden Moment werde die Haut aufplatzen, einen Strang schwarzer Perlen freigeben. Fast nirgendwo sind ihre Beine frei von diesen farbigen Linien. Die Stellen, die frei sind, sind voll mit blauen Flecken. Von den Medikamenten, sagt sie, und dass jedes noch so kleine Stoßen an Stuhlkanten, Türrahmen, was auch immer, einen Flecken hinterlässt. Dass diese Färbungen eigentlich vom Blut kommen, kann man sich kaum vorstellen. Ich zögere kurz, dann fahre ich mit meinen cremigen Händen, flach, über ihre Beine. Ich habe Angst, ihr weh zu tun, die Haut wirkt so dünn. Besonders dort, wo die Falten zusammenfallen zwischen Rücken und Po. Ich hoffe, sie wird sich nicht umdrehen und mich bitten, ihre Vorderseite auch einzucremen. In die Augen könnte ich ihr dabei nicht sehen.

Danach dusche ich im Nebenzimmer. Halb trocken betrachte ich mich im Spiegel im Bad. Nackt. Seit Kurzem kontrolliere ich täglich die Haut an meinen Oberschenkeln, sehe mich in den verschiedensten Spiegeln und Scheiben an, kneife mir in die Wangen, ziehe die Haut an meinen Augen zur Kontrolle etwas straff, und habe jeden Tag einen neuen Befund. Zu dellig, okay, zu schuppig, wer weiß. Ich drehe mich einmal links, einmal rechts und ziehe Bilanz: kleine Brüste, dicker Bauch, ausladende Oberschenkel. Ich schäme mich für irgendwas und weiß nicht vor wem. Denn ich habe keine Schmerzen, nie Schmerzen, ich komme nur nicht heraus aus diesem Körper. Schon immer nicht. Kurz denke ich daran, mich selbst zu befriedigen, um mich zu erleichtern oder so. Aber dann ziehe ich mich einfach schnell an und gehe. Wir sind unten zum Abendessen verabredet. Ich bin wie immer zu spät. Ich werde ihr nichts von meinen Beobachtungen erzählen, sie nicht fragen, ob sie in jungen Jahren dieselben Dinge sah, in der Zeit, als sie noch als Krankenschwester arbeitete. Reden werden wir übers Essen. Sie wird es, wie immer, ausgezeichnet finden, ich werde, wie immer, kaum etwas anrühren.

 

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