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11.09.2018, Jamal Tuschick

Internationales Literaturfestival - P.E.N. Präsidentin Jennifer Clement beschreibt in "Gun Love" Folgen des 2. Zusatzartikels zur Verfassung der Vereinigten Staaten

Alles toxisch

Jennifer Clement

Laksmi Pamuntjak

Jennifer Clement hat einen Roman voller Poesie geschrieben

„Ich wuchs in einem Auto auf.“

Pearl ist die Tochter einer Wohlstandsverweigerin, die als Siebzehnjährige ihren Ford Mercury Topaz Automatik auf dem Besucherparkplatz einer Wohnwagensiedlung in Florida abstellte und zur Wohnung erklärte. Pearl und Margot essen von Limoges Porzellan, als Hommage an die Herkunft der Mutter. Margot wurde als höhere Tochter schwanger. Die Prekären leben auf verseuchtem Boden und in direkter Nachbarschaft einer giftig stinkenden Müllhalde auf der selben sozialen Stufe wie Obdachlose. Die kaputte Erde ist der Ersten Nation noch heilig. Ans Ursprüngliche erinnert allein der Name der Behelfssiedlung. Die Bewohner des „Indian Waters Trailer Park“ sind schießwütig. Der Bodensatz lässt seine Kinder mit Pistolen spielen und kennt von der Verfassung nur den 2. Zusatzartikel (Second Amendment to the United States Constitution), der es seit 1791 jeder Regierung verbietet, das Recht auf Waffenbesitz einzuschränken.

Jennifer Clement, „Gun Love“, Suhrkamp, 251 Seiten, 22,-   

„Das Leben war wie ein Schuh am falschen Fuß.“

Pearls Verhältnisse erzeugen lauter Oppositionen zu gut. Alles ist umgekippt, auch ein zur Jauche verkommener Bach, der hochtrabend Fluss genannt wird. Einmal taucht ein siamesischer Zwillingsalligator auf, dem Ei kaum entschlüpft. Er wird abgeknallt. Das erzählt Jennifer Clement in „Gun Love“ aus der Perspektive der Heranwachsenden. Pearl erleidet in der Handlungsgegenwart den bis eben nicht für möglichen gehaltenen Verlust ihrer stärksten Bindung. Lange war ihre Beziehung zu der jungen Mutter partnerschaftlich-symbiotisch. Beide besorgte die Aussicht, eine Behörde oder ein Abschleppdienst könne ihr familiäres Provisorium beenden. Sie hielten Abstand zur Menschheit und schützten ihre Lebensgemeinschaft vor Penetrationen.

„Ein Freund kann schnell zum Richter werden“, erklärte Margot.

Das gilt nicht mehr, seit Margot sich verliebt hat. Der Liebhaber verdrängt Pearl buchstäblich aus ihrer Wohnung.  

Clement addiert in „Gun Love“ Massaker zu beliebigen Bilanzen. Als Gast des Internationalen Literaturfestivals sprach sie darüber mit Daniel Schreiber. Clement lebt in Mexiko, wo jährlich eine Viertelmillionen nordamerikanische Schusswaffen eingeführt werden. Illegaler Waffenhandel treibt auch die Romanhandlung an.

Clement ist Präsidentin des P.E.N. International und hat eine feministische Mission. Sie riet zum weiblichen Sturm auf Spitzenpositionen und zu einer strategischen Besetzung von Männerdomänen. Clement weiß, dass sich US-Waffengesetze nicht europäisieren lassen. Für viele Amerikaner sind Schusswaffen Garanten ihrer Integrität. Ihr Staatsbegriff geht nicht von einer fürsorglichen Übermacht aus, sondern von einem Leviathan, der in Schach gehalten werden muss. Der Patriotismus bezieht sich auf das Land, nicht auf eine Regierung.

Dieses Konzept fördert eine schrankenlose, das heißt oft bewaffnete Individualisierung. Das Museum der National Rifle Association in Washington nennt Clement eine Kirche. Sie sprach die erotische Dimension von Feuerwaffen an.

Gun Love/ZZTop

She likes to shoot her gun,
Shootin' at the target of love.
She likes to load her chamber,
Hot and tight like a black leather glove.
She's a little freak, but she'll take you in.
You might be sittin' at the end of a firing pin.
Gun love, gun love, gun love,
She's a real gun lover, 
Gun love, gun love, gun love,
She's a real gun lover tonight.

Folsom Prison Blues/Johnny Cash

When I was just a baby
My Mama told me, Son
Always be a good boy
Don't ever play with guns, 
But I shot a man in Reno
Just to watch him die.

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