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13.09.2018, Jamal Tuschick

#omasgegenrechts #wirsindmehr #unteilbar

Omas gegen rechts - Ein Beitrag von Christa Ritter

Gestern Abend: Sechs Leute zwischen dreißig und vierzig treffen sich, ich als Ausnahme-Oma, nur die, die einlud und als Einzige alle kennt. Thema: AfD und diese ätzenden Rechten, diese dröhnenden Nazis. Warum? Schnell sind wir bei der Frage: Ob nicht hinter diesen hässlichen Posen der Provokation etwas anderes steckt. Weder Faschismus-Revival, noch Fremdenhass. Die sind ja wie der Trump, sagt dann jemand. Hetzen, Aufmischen weil er für seine Wähler was Besseres again sucht. Ja, nein, ein Millionär als nicht-von-der-Wallstreet-gekauft kann sich trauen. Barbarisch, sind wir uns einig. Wer hat so jemanden gewählt und warum? Ähnlichkeiten, die uns Angst machen? Versteckt sich diese Fratze hinter unserem aufgeklärten Schöngeist?

Obwohl außer mir alle in der Runde studiert haben, drei sogar Politik, gerät die Diskussion schnell in, wie ich finde, sympathische Schieflage. Wird emotional, wie das heute so schön genannt wird. Lachen, Draufreden, Protest, Unterbrechen, Empörung und, ja auch, Zuhören. Verstärkt durch Weißwein, viel Weißwein. Die Echokammer umkreist und fetzt schließlich bis nach Zwölf. Dabei streifen wir: Die Ossis wollten Banane. Nicht wirklich unseren Kapitalismus, unseren Konsum. Wollten sie Reisefreiheit? Kühne Geistesblitze? Jedenfalls ein anderes Leben! Bekamen sie bis heute nicht wirklich. Nur leere Versprechungen. Ein Land taumelt. Enttäuschung? Der Jurist sagt plötzlich, diese Rechten hätten ja keinen Funken Vernunft. Ihre Argumente sind unvernünftig? Darauf habe ich gewartet. Was issen das? Die Vernunft hat uns doch dieses Abseits beschert, keinen ewigen Frieden gebracht, rufe ich und fühle mich endlich mittendrin. Aufklärung, Ratio, haha. Meine eigentliche Seite setzt nach: Mit Vernunft am Abgrund. Da sind wir, raus aus der Komfortzone und ich habe Angst. Erstaunen. Darf ich als vernünftig gepolte lästerhaft aussprechen, verteidige ich mich. Versuche schon eine lange Weile zur Selbstoptimierung, meine zweite Begabung, das Irrationale/Intuitive zu verbreitern. Ohne Droge mühsam.

Nochmal: Bloß nicht vernünftig? Aufschrei, verwirrte Zustimmung, besonders der Psychologe scheint plötzlich zu „sehen“. Schon driften wir zum Begriff Herrschaftssprache, die wollen die Rechten nicht mehr, dieses „von oben“ der Leute, die sich an die Wirtschaft verkauft haben. Und die Jungen, ihr Jüngere, wo steht ihr? Zwei sind Beamte, haben geheiratet. Der Psychologe, der auch Musik macht, interessiert mich besonders. Er hört meist zu und fasst irgendwann zusammen, was die anderen ins Spiel brachten. Und die Jüngeren? Elitäres interessiert sie nicht, sagt mein Gegenüber. Sie verdummen mit dem Internet, heißt es oft abschätzig von den Alten, statt Lernen googeln die ja nur. Es ist anders! Die Intelligenz wertet sich um. Also auch hier in das Irrationale? Ein anderes Irrationales, als wir bisher kennen. Wir zappeln zurück zu den Rechten, diesen Fratzen, diesen Faschisten. Sie wollen die Vernunft der Selbstgerechten nicht, sie sind anders. Vielleicht sind sie gar keine Faschisten? Oder wir sind es alle, so faschistisch und erheben uns nur künstlich? Das Hin und Her unter uns an diesem Abend könnte AfDlern gefallen: Die Besitzstände des Systems Deutschland bröckelt an allen Ecken und Enden. „Emotionalisiert“ sich. Was für ein Deutschland wollen diese Leute? Was wollen wir? Wohin bewegt sich unser Land?

Heute, am Tag danach, habe auch ich im gestrigen Furor etwas „eingesehen“. Finde nicht so leicht dafür eine Sprache, auch hier nicht. Die Gastgeberin rief mich eben an und sagte: Gestern Abend habe sie plötzlich verstanden. Mehr als Verstand. Ich glaube, faschistisch ist das nicht, sagt sie noch. Die besetzen etwas, was letztlich uns allen Impulse geben sollte. Finde ich auch.

 
 
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