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21.09.2018, Jamal Tuschick

Im Handgemenge der Zeit - Samuel Salzborn präsentierte sein Buch "Globaler Antisemitismus" in der Berliner Landeszentrale für politische Bildung.

Wir erleben eine antisemitische Revolution. Die Kombattanten erscheinen wie Spukgestalten in der Geisterbahn.

Samuel Salzborn

Von links: Samuel Salzborn, Esther Schapira, Felix Klein

„Es war das Nahen des zweiten Flugzeuges, das haigleich über die Freiheitsstatue hinwegglitt: Das war der entscheidende Augenblick, der alles klar werden ließ. Bis dahin glaubte Amerika, es sei lediglich Zeuge der schlimmsten Luftfahrtkatastrophe in der Geschichte gewesen; nun hatte es einen Begriff von der ungeheuerlich aggressiven Energie, die sich gegen das Land richtete.“ Martin Amis 

In den neovölkisch-identitären Sprechweisen bewährt sich ein Entkopplungsmuster, das nach Adorno seine Energie in der unmittelbaren Nachkriegszeit aus der Schuldabwehr bezog und auf eine Wissensverweigerung hinauslief. Man bereinigte die eigene Familiengeschichte. In der Summe dieser Dekontaminationen war die individuelle Schuld kein Faktor mehr. Die Post-Holocaust-Gesellschaft exkulpierte sich selbst und erlag den Illusionen eines „Normalitätsphantasmas“ (Max Czollek). Das erklärt die Rehabilitierung des Antisemitismus als bürgerliche Äußerung im Kanon der Mäßigung – die Rückkehr des institutionalisierten Antisemitismus. Jeder, der einen Schlussstrich fordert, läuft Gefahr zu wiederholen, was auch deshalb nicht verarbeitet wurde, weil die Verweigerung der Schuldannahme sanktionslos im narzisstischen Komplex der „Niederlage“ unterging.

Samuel Salzborn, „Globaler Antisemitismus - Eine Spurensuche in den Abgründen der Moderne“, Beltz, 258 Seiten, 24.95,-

Jetzt tritt alles wieder offen zu Tage, die Abspaltungsprodukte ploppen auf die Bildflächen, die letzte Schamfrist ist abgelaufen. Das erläuterte Samuel Salzborn im Rahmen der Präsentation seines Essays „Globaler Antisemitismus“ in der Berliner Landeszentrale für politische Bildung. Esther Schapira moderierte den Termin, an dem sich auch der Bundesbeauftragte gegen Antisemitismus Felix Klein beteiligte.

Salzborn nannte seine Abhandlung einen Vorschlag. Ich zitiere den Ankündigungstext: „Antisemitismus ist zur globalen Integrationsideologie von Islamisten, Neonazis, Globalisierungsfeinden und Antiimperialisten geworden. Deren aktuelles Hauptfeindbild ist Israel. In seinem Buch analysiert Samuel Salzborn sowohl die antisemitischen Realitäten seit den islamistischen Terroranschlägen von 9/11 als auch ihre Vorgeschichten. Detailliert setzt er sich mit dem rechten, linken, islamischen sowie antiisraelischen Antisemitismus auseinander und plädiert für einen neuen Universalismus, der zur Grundlage für eine erfolgreiche Bekämpfung von Antisemitismus weltweit werden kann.“

„Wir erleben eine antisemitische Revolution“, behauptet Salzborn – und zwar in lauter asymmetrischen Konstellationen. Die Kombattanten erscheinen wie Spukgestalten in der Geisterbahn. Einen Kulminationspunkt erkennt Salzborn in 9/11. Er hegt die Datierung ein. Als Politikwissenschaftler sei er (anders als Historiker) im Handgemenge der Zeit zu schnellen Schlüssen gezwungen.  

„Wenn Juden angegriffen werden, ist das stets auch ein Anschlag auf die Moderne im Geist der Aufklärung.“

Salzborn:

Die globale antisemitische Revolution ist anti-modern. Sie will eine neue Weltordnung auf der Grundlage eines autoritären Backlash schaffen. Eines ihrer Mittel ist die Spaltung von Gesellschaften. Gesellschaften spalten sich entlang ihrer Leitlinien, die das Unverzichtbare benennen.

Salzborn zeigt, wo sich Antiimperialisten und Neovölkische treffen. Den identitären Text treiben Schuldabwehr-Aktivismus und Täter-Opfer-Umkehr-Formeln an.  

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