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26.09.2018, Jamal Tuschick

Revolverkino im Berliner Gropius Bau - Über den Feminismus im frühen Spätwestern

Der väterliche Feind

Silvia Szymanski, Anke Stelling, Christoph Hochhäusler

 Silvia Szymanski

Sein Gesicht hält dem erdgeschichtlichen Budenzauber stand, der in dem frühen Spätwestern „One Eyed Jack“ (Der Besessene) 1961 als Kulisse herangezogen wurde – all die Tafelberge, Schründe, Kegel, Dolmen, Gipfel, Canyons, Reliefs, säulenförmige Mammutsukkulenten, Dünen, Kämme und Grate - sowie der kalifornisch-pazifische Brandungsschick unter einem dramatischen Himmel. Die Oberflächen halten lange Betrachtungen aus. Marlon Brando, der die Kamera als Schauspielerregisseur zu seinem willfährigen Spiegel machte, wusste, dass sein Gesicht dem Raum ebenbürtig war.

Zur Handlung. Im Prolog des Geschehens vollzieht sich ein Verrat unter nordamerikanischen Verbrechern in Mexiko. Der Verräter reitet mit der Beute direkt in ein neues Leben als Sheriff-Spießer. Der Verratende entkommt nach fünf Jahren einer Hafthölle und kennt nur noch einen Daseinsgrund.

„Der Hass hatte ihm geholfen, zu überleben.“

Psychologische Schusswechsel

Brando spielt den entlaufenen Sträfling Rio auf der Suche nach einem Mann, den er Dad nannte und von dem er Kid genannt wurde. Er findet den väterlichen Feind schließlich in der Rolle des Gemeindevorstands von Monterey. Dad Longworth übt die Polizeigewalt in der Manier eines Bürgermeisters aus und erscheint seiner Frau und einer Stieftochter als Patriarch, dem das Wunder einer vollständigen Verwandlung gelang.

Karl Malden spielt den Spießbürger, der für seine Gewaltlust sardonisch legale Ziele ins Auge fasst. Im Nachgespräch zum Film stellte sich die Schriftstellerin Silvia Szymanski ratlos die Frage: „Wie wird man als Mann so?“

Gemeinsam mit Christoph „Revolver“ Hochhäusler und Anke Stelling, von der ich zuletzt „Fürsorge“ gelesen habe, formulierte sie die Einsicht, dass der Film „in der Figur des Dad am meisten riskiert“. Brandos Wut auf das Establishment tobt sich in Longworth aus. Der Regisseur zeigt den größten Kriminellen weit und breit in der Maske des Gesetzeshüters als einen Ausbund der Obszönität. Etwa, wenn Longworth einen Betrunkenen heimwärts tritt und seinen Sadismus als autoritäre Fürsorge tarnt. Die Kamera kassiert den unkontrollierbaren Moment der Entladung und friert die im sadistischen Vergnügen schwelgende Physiognomie für die Ewigkeit ein.

Brando zeigt, wie es Longworth im Kreis der Familie schmeckt. Das schlechte Gewissen verkehrt sich im guten Appetit. Man muss sich nur einen von John Ford dirigierten John Wayne zur selben Zeit vorstellen, um zu begreifen, wie avant Brando ist. Er bombardiert das Genre mit „unversöhnlichen Interventionen“ (Max Czollek). Er widerspricht dem von Longworths produzierten „Normalitätsphantasma“ (Czollek).

Ich sehe den einzigen Film, in dem Brando Regie führte, in einer Revolver Vorstellung im Berliner Gropius Bau Kino gemeinsam mit fünfzig Leuten, die meisten sind in der zweiten Lebenshälfte. Ich frage mich, wie der Film auf sein Publikum Anfang der Sechzigerjahre gewirkt hat. Die Modernität von damals gibt sich manchmal noch zu erkennen unter der Protestpatina, die nicht mehr zieht. Der Brando von 1961 nimmt den alten Regisseuren den Western aus der Hand. Als Repräsentant der Vergangenheit zieht Longworth in den psychologischen Schusswechseln den Kürzeren nicht nur gegen Rio, sondern auch gegen seine Stieftochter, die von einem Beziehungsgeflecht gefangen genommen wird – einem Flechtwerk der Hoffnung.

Pina Pellicer spielt Louisa als eine Frau, die Rios Berechnungen und Balzroutine kontern kann. Sie wird schwanger im nächtlichen Gespräch, während der Stiefvater seine Frau zu vulgärem Hoppe Hoppe Reiter nötigt. Er wird abgewiesen und in die Nacht gejagt. Noch einmal schnallt er den expandierenden Embonpoint in den Rüstungswurmfortsatz eines Revolvergurts.

Noch mal meine Besprechung von „Fürsorge“

Der Körper als Kompetenzbeweis

In Anke Stellings Roman „Fürsorge“ beobachtet die allwissende Ich-Erzählerin eine ungeheuerliche Beziehung

Als Tänzerin altert man jung. Der Leib verweigert die Tortur, bevor die besten Jahre beginnen. Seine Waffe ist der Schmerz. Damit erzwingt er die Stilllegung ruinierter Teile. „Wohl dem Abbaugebiet, dass eine neue Bestimmung findet”, salbadert die allwissende Ich-Erzählerin Gesche. Ich & allwissend gehen nicht zusammen, Stelling bezeichnet „Fürsorge“ vorsorglich als „literarisches Experiment“. Das Experiment ist gelungen, der Leser nimmt Gesche als Stalkerin wahr, die das Leben der Berufstänzerin Nadja neidisch erkundet. Der Autorin gelingt ein Wunder in doppelter Ausführung. Etwas Ungeheuerliches stellt sie als unterdurchschnittliches Erleben eng begrenzter Naturen dar. Einer unglaublichen Perspektive gibt sie eine verblüffende Plausibilität.

Anke Stelling, Fürsorge, Roman, 171 Seiten, Verbrecher Verlag

Gesche weiß: „Nadja hat die Hüfte einer Siebzig- und den Hormonhaushalt einer Fünfzigjährigen“. Als Spätgebärende scheint die Fünfunddreißigjährige keine „neue Bestimmung finden“ zu können. Allerdings hat Nadja schon einen Sohn, er kam in ihrem Leben bisher nur nicht vor. Die eigene, realsozialistisch gepolte, im zehnten Stock einer Leipziger Platte verwitterte Mutter versorgt den Enkel. Für Mario ist Nadja eine Stimme am Telefon, zu der er manchmal Mutti sagt wie aus Versehen. Mutti trifft den Sechzehnjährigen in ihrer Ursprungsumgebung, sie hat nichts Besseres mehr zu tun, als einen Geburtstag ihrer Mutter abzusitzen. Mario wohnt in ihrem alten Zimmer, sogar das Bett vom VEB Möbelwerke Zeulenroda gehört original zu Nadjas Kindheit und Jugend. Der Junge hat sich mit Hanteln zur formschönen Person ausgebildet. Er fährt Auto ohne Führerschein, die Kumpel johlen, als er ihnen die fremde Frau als seine Mutter vorstellt.

Von ihrem Berliner Heimschläfer Daniel, einem Heroin fixenden Komponisten und Manufactumfreak, empfängt Nadja zunehmend höhere Dosen Fremdheit. Er ekelt sich vor ihren kaputten Füßen, sie stört sein Schlafatem. Gesche überwacht die beiden wie ein schwacher Dämon. Sie meldet Verluste, noch bevor die Verluste sich bei Nadja und Daniel gemeldet haben. Diese dem Geschehen vorauseilende Aufmerksamkeit zieht Energie aus Verunglimpfungslust. Da geht es einer zu gut. Vom Golden Goal Schützen Oliver zum Vereinsmeier Bierhoff bedeutet in Nadjas Fach als Dozentin und Juryvorsitzende das sadistische Programm ihrer aktiven Zeit im Gegenzug auf die weichen Ziele der Elevinnen einwirken zu lassen. „Schäfchen“ heißen sie in der Sprache ihrer Zurichtung. Wegen eines Schäfchen reist Nadja wieder in die alte Heimat. Sie trifft Mario, dessen körperliche Vorzüglichkeit sie sich zu Herzen nimmt. Er ist sie in der rohen Erscheinung des idealen Selbst. Das Begehren der verhornten Sadomasochistin tarnt sich nicht mit mütterlicher Fürsorge. Der Sohn funktioniert für Mutti als Tankstelle, sie für ihn als Trainingsmaschine. Natürlich ist das Verhältnis ein selbstsüchtiges, wenn auch nicht steriles Unterfangen, eine Wiederholung der Nichtannahme des Kindes mit anderen Mitteln. Die Verweigerung der Selbstannahme. Missbrauch als Folge von Missbrauch. Die Bestätigung eines Pakts mit dem Teufel. Sehr schön erzählt.

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