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27.09.2018, Jamal Tuschick

In der DDR wurde nicht entnazifiziert, sondern umgeschult.

Relativierende Selbstbegnadigung

Max Czollek und Necati Öziri im Textland

„Wir haben den Willen, ein besseres Deutschland zu errichten ohne jene drohenden Züge, die in eine von uns bekämpfte und bekämpfenswerte Vergangenheit weisen.“

Stephan Hermlin glorifiziert so die junge Republik seiner Wahl als jenes Deutschland, das den Nationalsozialismus überwunden hat. Die Willenserklärung verbindet er mit einer Ortsbestimmung der DDR. Sie verwirklicht den Sozialismus in den „deutschesten“ Gegenden. Da hat der „faschistische Hass auf … Juden“, da haben Faschisten keine Chance.

Das Paradigma der Mehrheitsgesellschaft, so fasse ich Max Czollek wieder einmal kurz zusammen, gründet auf dem „trügerischen Selbstbild“ vom geläuterten Deutschen und verzeihenden Juden. Man hat sich selbst begnadigt und den Opfern ihre Rollen im „Gedächtnistheater“ (Y. Michal Bodemann) vorgeschrieben. Das Zauberwort lautet Normalität. Die Deutschen haben sich eine neue Normalität herbei phantasiert. Das Phantasma erlaubt es, die Opfer auf dem Altar der Selbstgerechtigkeit sowie mit infamen Absichten weiter zu opfern – sie zu funktionalisieren und im Opfermodus duldungsstarr zu halten.

Wie war das historisch möglich?

Eckart Britsch listet auf.

Nehmen Sie Ernst Melsheimer – erster Generalstaatsanwalt der DDR und oberster Ankläger seit 1949. Auf sein Konto gehen circa achthundert Todesurteile nach dem Krieg. Er verhängte neunzehn lebenslange Haftstrafen. In seinem Tätigkeitsbericht finden sich hundert weitere politisch motivierte Terrorurteile. Dr. jur. Melsheimer wurde nicht entnazifiziert. In der DDR schulte man um. Melsheimer wurde vom Gerichtsdirektor beim Landgericht 3 und späteren Kammergerichtsrat in Berlin zum Generalstaatsanwalt der DDR umgeschult. Fachkräfte waren rar. Dass er als Angehöriger des NS-Rechtswahrerbundes mit Roland Freisler, dem Vorsitzenden des Volksgerichtshofes, befreundet war, tat seiner Karriere keinen Abbruch.

Ein über die Grenzen der DDR hinaus bekannter Wissenschaftler war Prof. Dr. Peter Adolf Thiessen. Bis 1956 lebte er in der UdSSR und beteiligte sich an der Entwicklung der sowjetischen Atombombe. In der DDR wurde er Direktor des Instituts für physikalische Chemie der Akademie der Wissenschaften. Von 1957 bis 1965 amtierte er als Vorsitzender des Forschungsrates der DDR. Von 1960 bis 1963 war Dr. Thiessen zusammen mit Walter Ulbricht Angehöriger des Staatsrates. Einer der wenigen Porschefahrer in der DDR, Stalin-Preisträger. Seine Vorgeschichte: Am 9. März 1925 Eintritt in die NASDAP. 1928 tritt Thiessen aus, am 3. Mai 1933 tritt er wieder ein; ein ungeduldiger Patron. Er will unbedingt nach oben. Von 1935 bis 1945 wirkt er als Direktor des Instituts für physikalische Chemie und Elektrochemie der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Erfahrungen für den Bombenbau sammelte er als Leiter der Fachsparte „Allgemeine und Anorganische Chemie“ im Reichsforschungsrat.

Egbert von Frankenberg und Proschlitz, Spross schlesischen Uradels, Major der Wehrmacht und schon vor Dreiunddreißig Mitglied der NSDAP und der 1925 von Hitler als persönliche Leib- und Prügelgarde gegründeten SS, reüssierte ab 1951 als NDPD-Volkskammerabgeordneter. Er machte Karriere als militärpolitischer Chefkommentator bei Radio DDR. Für seine Verdienste erhielt er die Auszeichnung „Medaille für Kämpfer gegen den Faschismus“. Als Condor Legionär besaß Egbert aber auch das vom Führer persönlich verliehene „Spanienkreuz in Gold“.

Die antifaschistische Vergangenheit der DDR ist genauso eine Fiktion wie die gesamtdeutsch ausgestandene Schuld im Geist der relativierenden Selbstbegnadigung.

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