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28.09.2018, Jamal Tuschick

Von Friedland bis Ankerzentrum – Martha Dudzinski plädiert für mehr Differenzierung im Migrationsdiskurs.

Nicht alle Italiener sind weiß

Martha Dudzinski ist Gründerin der SWANS Initiative. Sie wurde von Angela Merkel mit dem Award der Startsocial-Bundesauswahl für soziales Engagement ausgezeichnet. 

Der Artikel erschien zuerst in Todesursache Flucht

Seit den rassistischen Aufmärschen in Chemnitz wird überall gefordert, zwischen „richtigen“ Neonazis und Menschen mit etwas weniger ausgeprägtem Rassismus zu unterscheiden. Gleichzeitig beweisen aber genau diese Menschen, dass es ihnen eben nicht nur um neu angekommene Geflüchtete geht, sondern sie Vorurteile gegenüber allen Menschen mit brauner und schwarzer Hautfarbe haben. Ist Ihnen diese Formulierung unangenehm? Gut. Das bedeutet, dass Sie sich Ihrer eigenen Hautfarbe bewusst geworden sind. Weißen Menschen passiert das selten. Allen anderen jeden Tag.

Wenn im Diskurs der respektvolle Umgang miteinander fehlt, hört man auf, die anderen als Individuen, als Menschen wahrzunehmen. Das passiert gerade: Seit etwa zwei Jahren fällt es den Deutschen immer schwerer, zwischen Biografien von Menschen zu unterscheiden, die familiäre Bezugspunkte zu anderen Ländern haben. Plötzlich werden seit Jahrzehnten in Deutschland lebende Menschen über einen Kamm geschert mit Geflüchteten, politisches Asyl gleichgesetzt mit krimineller Energie, langjährige Staatsbürger mit Neuankömmlingen ohne Pass.

Diese Undifferenziertheit begegnet uns bei der SWANS Initiative ständig: Wir organisieren Seminare zum Berufseinstieg für in Deutschland aufgewachsene, engagierte Studentinnen und Absolventinnen mit Zuwanderungsgeschichte und Women of Color. Allein die Tatsache, dass man das nicht kürzer auf den Punkt bringen kann, sagt viel über unseren Umgang mit aus dem Ausland abstammenden Menschen aus. Diese umständliche Formulierung ist notwendig, weil ansonsten davon ausgegangen wird, dass unsere Zielgruppe geflüchtete Frauen sind oder Studentinnen aus dem Ausland. In den Köpfen scheint die Verbindung zu absurd zu sein, dass es deutsche Studentinnen gibt, deren Eltern aus der Türkei, aus Pakistan, aus Bosnien und Herzegowina stammen. Die hier aufgewachsen sind und das Recht haben, als Deutsche wahrgenommen zu werden und ihrer Kompetenz entsprechend in den Beruf einzusteigen.

Migrationshintergrund, Migranten, Zuwanderungsgeschichte: Deutschland ist ein sprachlicher Schwurbelmeister, um das Offensichtliche nicht sagen zu müssen: Es geht um Hautfarben. Wir sagen „Migrationshintergrund“, wenn wir Menschen nicht-weißer Hautfarbe aus sozioökonomisch benachteiligten Familien meinen. Und wir wissen das. Wir grinsen, wenn jemand aus den USA oder aus Schweden als Mensch mit Migrationshintergrund bezeichnet wird. Weil wir uns dessen bewusst sind, dass es nicht um den Akt der Einwanderung geht. Weil der Begriff abstempelt: Es geht um die Hautfarbe, die Religion, die soziale Schicht, den ökonomischen Status des Abstammungslandes.

Eine in Deutschland aufgewachsene Studentin, die als Kind mit ihrer Familie aus Afghanistan, dem Kosovo oder Somalia geflohen ist, ist in allererster Linie eine deutsche Studentin. Auch sie kann eine Fluchtgeschichte erzählen – wenn sie will. Aber vor allem ist sie ein selbstverständlicher Teil dieser Gesellschaft. Keine Ausnahme von der Regel. Viele Aspekte ihrer Biografie unterscheiden sie von Geflüchteten oder so genannten „Expats“ (– so nennt man Migrantinnen und Migranten, wenn sie weiß und studiert sind) und Menschen mit niedrigem Bildungsstand.

Wir wissen, dass es diesen Unterschied gibt. Aber wir haben uns von der AfD und ihren Konsorten unsere Sprache verwässern lassen. Jetzt unterscheiden weite Teile der Gesellschaft zwischen „den Deutschen“ und „den Ausländern“, obwohl viele türkischstämmige Deutsche länger Staatsbürger der Bundesrepublik sind als Ostdeutsche. Sie unterscheiden zwischen „den Deutschen“ und „den Muslimen“, obwohl in Deutschland schon Musliminnen und Muslime gelebt haben, bevor 1871 das Deutsche Kaiserreich gegründet wurde. Wer also heute mit der Reichsflagge winkt, wünscht sich nicht nur Elsaß-Lothringen und zwei Drittel Polens zurück. Sondern eine Zeit, in der es am Berliner Mehringdamm zwar noch nicht Mustafas Gemüsedöner, aber am Columbiadamm schon einen türkischen Friedhof gab.

Wir hatten in Deutschland lange vor der Diskussion um Ankerzentren das Lager Friedland für Spätaussiedler. Ein großer schlesisch-, polnisch-, postsowjetisch-stämmiger Teil unserer Gesellschaft weiß, wie es ist, neu in Deutschland anzukommen, Kleidung von der Caritas zu bekommen, einen Neustart in der Fremde zu wagen. Aber als weiße Menschen müssen sie sich diesen Stempel nicht aufdrücken. Don’t ask, don’t tell. Selbst Paul Ziemiak, Vorsitzender der Jungen Union, verschweigt inzwischen seine eigene Erfahrung, als wolle er verstecken, dass seine Biografie Parallelen zu denen der heutigen Neuankömmlinge aufweist. Und es funktioniert. Er kann sich distanzieren. Weil er als Deutscher wahrgenommen wird. Weil er weiß ist.

Spannend ist auch der Imagewandel der Italiener in Deutschland: Früher mussten sie sich als exotische Südländer bezeichnen lassen, deren Kinder pauschal klassenweise auf die Hauptschule kamen. Damals waren es sie, die sich als Knoblauchfresser, frauenverachtende Machos und Kriminelle beschimpfen lassen mussten. Nicht alle Italiener sind weiß, aber heute soll es ein Kompliment sein, wenn man einem braunen Menschen stolz verkündet, er würde als Italiener oder Spanier durchgehen. Heute können wir uns kaum vorstellen, dass sie einmal nicht dazugehört haben.

Wir brauchen mehr Ehrlichkeit im Diskurs. Meinen wir mit Integration die wirtschaftliche und gesellschaftliche Teilhabe, Sprachkenntnisse, einen Arbeitsplatz zu haben und einem Fußballverein anzugehören? Oder die Assimilation nicht-weißer Menschen an eine angeblich homogene Gesellschaft, die sich nicht einmal auf ein Nationalgericht (Schweinshaxe? Currywurst? Spätzle? Jägerschnitzel? Mettigel? Sauerkraut?) oder eine einheitliche Biergröße einigen kann?

Wenn People of Color aufgrund ihrer Hautfarbe auf offener Straße angestarrt, verbal oder gar physisch angegriffen werden, dann ist das Rassismus. Denn in dieser Situation ist es egal, welchen Pass und welchen Bildungsstand sie haben, ob sie arbeitslos oder gar Arbeitgeber sind, welche Werte sie vertreten. Wer das leugnet, ebnet den Weg für diejenigen, die ihren Rassismus unter fadenscheinigen Erklärungen zu verharmlosen versuchen. Stattdessen sollten wir denjenigen zuhören, die Rassismus in ihrem Alltag erleben. Wir müssen lernen, diese Erfahrungen anzuhören. Ernst zu nehmen. Und, für viele Weiße das Schwierigste: Wir müssen lernen, nicht reflexartig die Legitimität dieser Erfahrungen abzusprechen, zu relativieren oder sie gar anzuzweifeln.

Deshalb unterstützen wir als SWANS Initiative das Projekt „Todesursache: Flucht“. Weil wir an einem Punkt im Diskurs angekommen sind, an dem in Deutschland die Meinung vertreten werden kann, dass Leute nicht vor dem Ertrinken gerettet werden sollen. Oder wenn doch, dann „zurückgeschickt“ und in Lager gesteckt werden sollen, in denen sie erwiesenermaßen gefoltert, vergewaltigt, verkauft werden. Männer, Frauen, Kinder. Weil wir uns mit der rassistischen Gleichgültigkeit im Land auseinandersetzen müssen. Weil hinter jedem Menschen eine Geschichte steht.

Und weil wir wieder lernen müssen, zu differenzieren: Wenn Sie neu angekommene Geflüchtete oder Eingewanderte meinen, dann sagen Sie es so. Geht es um schon lange in Deutschland wohnende Menschen, dann nennen Sie das Land ihrer Abstammung nicht Herkunft oder gar Heimat. Sie sind Deutsche mit brauner oder schwarzer Hautfarbe, ihre Herkunft und Heimat ist Deutschland. Es ist nicht schwer, sich dem rassistischen Gedankenbrei von AfD, Pegida und Co zu entziehen: Differenzieren Sie zwischen nicht-weißen Menschen so, wie Sie zwischen Rassisten differenzieren.

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