MenuMENU

zurück zu Main Labor

03.10.2018, Jamal Tuschick

Große Literatur wird in den Zentren oder am äußersten Rand der Zivilisation geschrieben, weil da deren Spreizung zwischen Sieg und Niederlage deutlich erscheint.

In der Tragik des Denkens - Bemerkungen zu Saul Bellow von Eckart Britsch

Saul Bellow ist einer meiner großen Helden bei der Entdeckung amerikanischer Literatur. Große Literatur wird in den Zentren oder am äußersten Rand der Zivilisation geschrieben, weil da deren Spreizung zwischen Sieg und Niederlage deutlich erscheint. Mein erste Lektüre ist "Herzog" gewesen und bleibt auch nach der Lektüre von "Der Regenkönig", "Humboldts Vermächtnis", "Die Abenteuer des Augie March“, "Das Opfer", "Mister Sammlers Planet. " u.a. mein liebstes Buch. Der ganze Jammer des amerikanischen, akademischen "Way of Life" ist in "Herzog" genial beschrieben und hat zu zahlreichen Cover-Versionen geführt. Der letzte Versuch kommt von Tom Wolfe, der ein Dampfbad in Stanford für eine Campus-Roman nimmt, das ihm aber nicht bekommt. "I am Charlotte Simmons" ist ein fader Versuch, Sex und Status mit der ihm sonst auszeichnenden Lässigkeit zu beschreiben. Der damals tot gesagte Roman bot Saul Bellow die Form, schonungslos das in die Tragik seines Denkens, Liebens und Lebens verstrickte Individuum durch eine schwer durchschaubare Welt taumeln zu lassen. Sein Personal sind meistens verzweifelte, von Trieben beherrschte und von ihrem Intellekt getriebene Männer, die unterzugehen drohen, die trotz ihres Kuddelmuddels es schaffen, sich immer wieder zu fangen. Er verstand es, die Sprache der Strasse mit einem noblen Stil zu verarbeiten. Heute scheint Saul Bellow ein wenig in Vergessenheit geraten zu sein, wenngleich seine Lektüre spannend bleibt, leben doch die meisten mit einem inneren Chaos. Wie etwa in "More Die of Heartbreak". Ein Wissenschaftler, durch die Radioaktivität während der Tage von Tschernobyl paralysiert, wird über mögliche Opfer einer nuklearen Katastrophe kritisch befragt.  Nachdem er seine Prognose geliefert hat, sagt sein Opponent "More Die on Heartbreak", was dann diesem Buch den "Titel"gibt. Eine sehr schöne Erzählung ist auch "Das Geschäft des Lebens", in der ein leicht missratener Sohn um die Anerkennung durch seinen Vater kämpft und daran scheitert. Jedenfalls hat kein anderer die polnisch-jüdische Diaspora von Chicago und den Charme der dortigen italienischen Mafia-Clans so treffend beschrieben. Ein leuchtender Stern am Vorabend des Romans, der bei Saul Bellow immer eine universalistische Ausstrahlung hat.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen