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06.10.2018, Jamal Tuschick

Der metaphysische Griff in den Völkernacken

Decolonising the Mind

1986 veröffentlichte der kenianische Schriftsteller und ewige Nobelpreiskandidat Ngũgĩ wa Thiong‘o unter dem Titel „Decolonising the Mind“ eine Essaysammlung. Die deutsche Übersetzung erschien mit dramatischer Verspätung 2017. Ngũgĩ wa Thiong‘o untersucht in dem Band Folgen des kolonialen Fallouts. Er zeigt, wie kulturelle Enteignung das Bewusstsein deformiert. Die weiße Suprematie zerstört Leben. Ngũgĩ wa Thiong‘o lässt den Leser begreifen, wie zentral afrikanische Sprachen für die Anschlussmontagen an die ursprünglichen gesellschaftlichen Temperamente sind. Gleichwohl ist Englisch die Lingua franca der schwarzen Kritik im und am Jetzt geblieben. Zweifelhaft erscheint manchen, ob man in einer Usurpatorensprache überhaupt zum Beat des Eigenen findet. Stellt euch vor, die deutsche Literatur gäbe es nur auf Französisch.

Solange Poesie ein aristokratisches Vergnügen und dem Volk entzogen war, galt das in deutschen Ländern. Dichtung war ein höfisches Privileg und der Hof sprach Französisch. Das Beispiel beleuchtet das Verhältnis von Sprache und Herrschaft. Die physische Potenz des Empires hat sich verflüchtigt, aber der metaphysische Griff in den Völkernacken wurde nicht gelockert. Wir sprechen, also denken wir in einem kontaminierten Kontext. Die Kolonisierung des Bewusstseins geht weiter, auch wenn Gegenkräfte spürbar sind. Die Infarkte des Ursprünglichen schwächen weiter die Emanzipation.

Die Sprache gehört zur Geschichte mehr als zur Kultur. Englischsprachige Afrikaner haben keinen Zugang zu der weißbritischen Geschichte. Folglich sind sie von der Sprache ausgeschlossen, die ihren Alltag gesetzlich regelt.

 

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