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07.10.2018, Jamal Tuschick

Der Auftrag

Carter raucht nicht mehr. Deshalb sieht man ihn nicht auf dem Foto, das die Raucher Oliver Vogel und Abbas Khider zeigt.

 

Jeden Morgen fährt sich Carter im Pool des Resorts hoch. Er schwimmt erst zweitausend Meter und macht dann Wassergymnastik. Das sind seine „Übungen“. Er absolviert ein monotones Programm.

Ich finde Carter erotisch bemerkenswert, den rasierten Schädel, die langweilige Wortwahl. Die Disziplin. Das Unentwegte bei bester Gesundheit und guter Laune. Man könnte auf Carter (ihn verfehlend) schießen, ein überstandenes Attentat böte ihm gewiss keinen Grund, den Tag vor dem Abend zu tadeln. Carter nimmt das Leben bis zum Erbrechen von der heiteren Seite. Ich kenne viele Leute, die seine Ausgeglichenheit überzogen und unglaubwürdig, wenn nicht krankhaft finden.

Carter erscheint seelisch ausgespült. Er zweifelt nicht an - und hadert nicht mit sich. Das wissen wir genau. Wir bearbeiten Carter seit vier Jahren und es ist uns nicht gelungen, ihm auch nur eine Schramme beizubringen. Er erinnert mich an ein früh verstorbenes Mündel meines Bruders John. Smartie war der glücklichste Mensch, der mir begegnet ist. Das Glück arbeitete wie ein Motor in ihm. Er verdiente sich ein Taschengeld mit dem Zusammenschieben von Einkaufswagen vor einem Carrefour, der so groß wie eine Kleinstadt ist. Sein Zimmer betrachtete Smartie als TV-Studio, in dem laufend volkstümliche Hitparaden stattfanden. Smartie liebte Blasmusik und Volksfeststimmung. Das dröhnende Festzelt, die knarrenden Bohlen, ausschwenkende Kellnerinnen, eine solvente Kapelle. Im Dunstkreis der Dixie Häuschen wurde die Dorfjugend erwachsen.

Carter kehrt sichtlich aufgeräumt in seine Etage zurück. Die Glasfront gibt den Blick frei auf seinen häuslichen Betrieb. Er macht sich Kaffee in einer Espressomaschine und trinkt aus einer Tasse, Marke Souvenir oder Kindergeburtstagsgeschenk. Die Tasse passt nicht zu der couvriert-strammen Art, das Offensichtliche hartnäckig abzustreiten. Carters biografischer Panzer hat faustgroße Löcher. Es gefällt mir zu denken, dass er seine porösen Anteile zur Schau stellt, um uns zu täuschen. Jedenfalls finde ich es angebracht, gut auszusehen unter dem Schirm seiner Aufmerksamkeit. Er hat die Geschichte des amerikanischen Südens studiert, den Sezessionskrieg erforscht. Nach außen kehrt er einen linksliberalen buttercremigen Redakteur, dem sich zur Zeit wenig nachsagen lässt. Selbst Leute, die in grauer Vorzeit mit Carter im Bett waren, glauben nicht, ihm nahe gekommen zu sein. Fabrice und Bob aus der Abteilung C4 halten ihn für einen rechtsradikalen Schläfer im Meinungsdschungel. Infrage kommt er aber auch für eine islamistische Mission. Carter könnte sein, was man im Jargon des IfMH den Blackhead Clear Face Typ (BCFT) nennt.

Im Grunde ist ein BCFT nach der IfMH Definition auch nur ein legales Infiltrationsaggregat, spezialisiert auf virale Interventionen. Man erkennt den Typus an seiner emotionalen Leblosigkeit. Er kann alles kopieren und eine komplette Person auf die Beine stellen, mit der man eine Familie gründen könnte und so weiter, aber an der Emotionsmimikry scheitert er.

Bei Carter weiß man es nicht. Man hat ihn an Professor Maras Grab weinen sehen, es gab öffentliche Ausfälle, Schweißausbrüche, körperliche Niederlagen, historisch verbürgten Liebeskummer. Carter besucht beflissen seine Eltern, geht mit seiner Schwester spazieren, führt laut Selbstgespräche im Wald. Er säuft und ist noch fetter geworden, seit er nicht mehr raucht. Er gibt nächtlichen Fressanfällen an der Arbeitsfläche seiner in das Wohnzimmer integrierten Küchenzeile nach. Manchmal tritt er nachts nackt in das Sichtfeld der Beobachter und hat die Unterhose in der Hand wie ein Kind. Er schläft auf dem Sofa vor dem Fernseher ein und geht ins Bett, nachdem ihn zum ersten Mal der Harndrang geweckt hat. Das alles spricht gegen einen BCFT Aggressor.

Trotzdem sind wir uns absolut nicht sicher, ob Carter nicht irgendwo in einer beschissenen Befehlskette steckt und super heimlich super kryptische Anweisungen entgegennimmt. Er könnte auch als einsamer rechtsradikalislamistischer Wolf ausfällig werden.

Wir wissen noch nicht einmal, ob Carter eine militärische Ausbildung genossen hat. Manchmal sieht es so aus und manchmal verhält er sich so, dass man denkt, der war auf der You Tube Sonderschule und hat da Selbstverteidigung für Gehörlose studiert. Selbstverständlich ohne Abschluss.

Er ist ziemlich blind. Er sitzt fast jeden Tag wenigstens eine Kulturveranstaltung ab, gähnend gelangweilt, unbeteiligt, halb blau, abgerückt vom Gros. Wir platzieren jetzt wieder öfter jemanden neben ihm. Carter rückt stets ab und dreht sich weg. Trotzdem hatte er früher Geschlechtsverkehr. Das wissen wir zuverlässig wie gesagt. Er muss normal gern mit Menschen und ihren Teilen zu tun gehabt haben, bis 2007 vermutlich. Er kann immer noch einen regelrechten Umgang zumindest vortäuschen.

Seine Stimme ist okay.

Er parfümiert sich.

Er ist unglaublich schmerzresistent. Er hat jeden Versuch, ihn auszuhebeln, überlegen gekontert und sich nicht einmal vergriffen oder verhoben.

Carter gewinnt immer. Er - es ist unfassbar.

Bob ruft an und nennt mich Schätzchen. Er kann sich das leisten. Niemand würde mir glauben, wenn ich das dem IfHM-Frauenzentrum melden würde. Bob doch nicht.

„Schätzchen, steht dir der Sinn noch danach, Carter intensiv investigativ zu bearbeiten?“

„Lass mich noch einmal darüber nachdenken.“

„Ich sag nur eins. Falls du ihn dir richtig vornehmen willst, musst du dir vorher die Achseln rasieren. Und bitte, mach es nur, wenn du.“

Ich unterbreche die Verbindung und geh mit meiner Zehnuhrteetasse auf die Terrasse. Die Sonne scheint. Ich bin mir sicher, dass Bob nur so tut, als sei er der El Wrogul in unserem Verein. Das ist eine Retro Tour, die Masche eines Herzensguten. Gewiss bin ich mir seiner Verehrung meiner sekundären Geschlechtsmerkmale.

Carter kommt mit einem Longdrink auf die Terrasse wie gerufen. Nur in Kurzen plus Flipflops. Wie man bei all dem Training am Rumpf so beleibt bleiben kann. Das beweist den Trinker, schätze ich. Carters Busen ist beachtlich. Natürlich hat er mit dem verfetteten Thorax kein Problem.

„Das ist kein Eistee“, sage ich.

„Ich habe Feierabend.“

„Es ist kurz nach zehn.“

Carter verbeißt sich eine Entgegnung, die seine toxische Männlichkeit bloßstellen könnte. Irgendwann wird er sich nur noch hinter Rollläden betrinken oder in dem abgedichteten Souterrain, wo er seine Waffen versteckt hat, unter anderem eine Kipplaufbüchse aus der Suhler Merkel Manufaktur von der wir nur wissen, weil Schlandi Cooper da einmal eine Decke angehoben hat. Der Handspanner lag im Bett.

Schlandi war damals drauf und dran gewesen, über ihren Auftrag hinauszugehen, um herauszufinden, wie unbestimmt Carter in der Grammatik der Körper bleiben würde. Zu Carters Furunkeln zählt die Legende von der Asexualität, mit der er zum Schein Aufnahme im queeren Kosmos erheucheln wollte, als geschlechtliches Neutrum mit verkümmertem Penis. Da ihm nicht geglaubt wurde, bekannte er sich zur selbstverschuldeten (von Expert*innen angezweifelten) Impotenz.

Carter hat keinen Anspruch auf einem Platz unter dem Regenbogen, aber als nützlicher Idiot darf er unsere Ideen verbreiten. Die Ansage von ganz oben aus der Abteilung C4 lautet: wir lassen die Arbeit Carter so lange machen, bis sich eine bessere Arbeitskraft findet und solange halten sich die Unkriegerischen ihm gegenüber zurück und nutzen lediglich die Angebote, die er euch/uns macht. Wir nehmen alles mit und räumen ihn ab, wenn wir das Freiland Projekt freundlich übernehmen.

Carter kennt seine Rolle im Spiel. Er nutzt sie für Hackentricks, hält sich freihändig gerade, zaubert Autorinnen aus dem Hut, die wir längst für tot hielten, ergattert manchmal sogar interessante Beiträge, unterläuft unsere Interventionen und bleibt scheißunauffällig. Er flutscht durch die Reusen unserer Infamie. Er ist so klug, so geduldig, so gelassen … ich glaube, so gelassen kann man nur sein, wenn man einen Auftrag hat.

Wie er an mir vorbei guckend, vorbei an mir zum Beckenrand vorrückt, um mir da den Rücken zuzukehren. Menschen, die ihre Gefühle nicht preisgeben wollen, finden unwillkürlich zu einer Körpersprache, die nicht weniger eindeutig ist als ungefiltert unwillkürliche Mitteilungen via Mimik und Sprache. Jemand, der seine Ablehnung nicht zu zeigen wagt, zeigt sie trotzdem (unwillkürlich), indem er sein Gesicht verschließt und sich im Ganzen verriegelt. Jemand, dem dieser Zusammenhang bewusst ist, kann auf beiden Ebenen ursprünglichen Verhaltens Täuschungsmanöver durchführen. Der Gefoppte setzt in das eigene Urteil kein Misstrauen. Er verarmt ohne ein Erleben der Verluste.

Ich weiß nicht, ob Carter sich von mir und der Macht, die ich als IfMH-Aktivistin repräsentiere, zur Vorsicht genötigt sieht oder ob er gerade einen vorsichtigen (von meiner Autorität eingeschränkten) Mann spielt. Er setzt seinen Weg auf den Platten fort und bewegt sich weiter im Kiesgeschehen zwischen unserem Sektor und dem Power Point der Gated Community Ernesto Che Guevara.

Wir vom IfMH sind ungefähr zehntausend Frauen, Männer und Kinder, Carter habe ich immer nur allein gesehen.

Bob kommt um die Ecke und stößt sichtlich überrascht auf den keineswegs überrascht wirkenden Carter. In einem Augenblick ist nur Bobs vorderer Fuß auf dem Boden. Bob hängt in der Luft. Carter gibt dem Sturz Raum, um ihn gleich darauf abzubrechen. Die Szene kriegt mit der Handreichung einen konventionellen Anstrich. Bob bedankt sich widerwillig. Er trägt einen blauen Pullover über Hemd und Krawatte. Früher gab er den Bouncer für Fabrice, heute sitzt er nur noch am Schreibtisch und unterwandert als Berufsleserbriefschreiber rechtsradikale Periodika. Bob verkörpert ein Ensemble landsmannschaftlich sortierter anonym-begeisterter Leser*innen patriotischer Publizistik, die alle davon besessen sind, so oft wie möglich das N-Wort zu verwenden. So kanalisiert Bob seinen basalen Rassismus, den er als Linker anders nicht ausleben kann.

Ich bemerke Bobs Enttäuschung. Er kam mit der Erwartung, mich im Einklang mit seiner Phantasie zu treffen. Viele unserer Männer sind noch im Over- & UnderCELAIR Modus.

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