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19.10.2018, Jamal Tuschick

Ende der 1950er -, Anfang der 1960er Jahre ist Melvin Lasky für den „Encounter“ ständig in Afrika. Er trägt noch die koloniale Brille, weiß aber schon, dass „ein neuer Rhythmus die Welt durchdringen und eine bisher unbekannte Farbe ihren Platz im Regenbogen suchen wird“ (Paul Niger).

Voodoo im Dienst der Revolution

Festung auf Sansibar

Lux Sarona improvisiert auf einer Tonspur von Melvin J. Lasky

In Nigeria wollte man die Zauberei zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen machen und im Kampf für die Unabhängigkeit einsetzen. Ein sehr ernsthaft wirkender Fachmann setzte mir die Einzelheiten auseinander – Voodoo im Dienst der Revolution. Er erwartete, dass ich mir einen Überblick verschaffte, kleinlich darauf bedacht, dass mir nichts durch die Lappen des Begreifens ging.

Er erklärte den zu gründenden Staat vorab zur Weltmacht.

Solche Begegnungen verloren ihren surrealen Charakter in meiner Wahrnehmung. Der Wahnsinn wurde zur Banalität. Auch bei Gedankenmist galt der Grundsatz caveat emptor. Im Weiteren wurde vor britischen Einflüssen gewarnt. Die Leute warfen sich vor den Ältesten auf den Boden, knieten vor ihren älteren Brüdern und nahmen selbst die Huldigung von Jüngeren entgegen. Man sagte mir, dass das mit Unterwerfung nichts zu tun habe. In der Regel betrugen die Altersabstände zwischen den Geschwistern drei Jahre. In den Zwischenzeiten fand kein Geschlechtsverkehr statt, dies vor dem Hintergrund, dass ein Mann zehn Frauen hatte und sich darauf bezog, dass sein Urgroßvater noch hundert Frauen gehabt habe. Ich zweifelte an der Verlässlichkeit der Zahlen, zumal es üblich war, falsche Angaben zu machen, um einem bösen Zauber nicht zu leichtfertig die Tür zu öffnen.

Niemand ließ sich nur von einem westlichen Arzt behandeln. Die Erfolge der Naturheiler waren unumstritten. Ein Wort dazu, das kursierte:

„Wir haben eben unsere zwei Kulturen und die sprechen nicht miteinander.“

Arrangiert wurde eine Zusammenkunft mit Immanuel Olufunmilayo Odumosu, dem Jesus von Lagos. Seine Schüler waren in einer Regeneration Group zusammengefasst und in manchen Rechtsstreit verwickelt.

Neue Kirchen entstanden. Kommunen zogen sich vor der Menschheit in Mangrovenwälder zurück. Gott war natürlich schwarz, es gab ein himmlisches Apartheidsphantasma. An der Petruspforte vermutete man das Schild: For Black Man only. Für Jesus fand man dann noch einige schwarze Nachfolger. Kombiniert wurde das schwarze Christentum mit Nationalismus und Marxismus. Nationale Führer schillerten als schwarze Christusse wie etwa Kwame Nkrumah, der maßgeblich daran beteiligt war, dass in Ghana die koloniale Herrschaft bereits 1957 endete. Bald darauf entzog Ahmed Sékou Touré Guinea den Franzosen. Der ehemalige Koranschüler brachte Charles de Gaulle bei dessen Staatsbesuch in Conakry aus der Fassung, indem er sagte: „Guinea zieht der Sklaverei im Reichtum eine Armut in Freiheit vor.“ Der General aller Franzosen entgegnete entgeistert: „Dann müssen Sie am 28. September mit Nein stimmen!“ Das taten sechsundneunzig Prozent aller Wähler Guineas. Frankreich hatte in einer neuen Verfassung seinen Kolonien das Recht zugestanden, selber zu entscheiden, ob sie sich von Paris aus regieren lassen wollten.

Guinea war im Alleingang ausgeschert und doch nur den verbliebenen französischen Kolonien vorangegangen. Die Bindungskraft des Mutterlandes hatte nur noch eine aufschiebende Wirkung.

Touré träumte von Vereinigten Westafrikanischen Staaten. Er hielt es mit der Sowjetunion und redete von einem panafrikanischen Sozialismus. Ideologien waren für ihn gleichwohl nur Instrumente der Massenmobilisierung. Er war gezwungen, eine fortschreitende Verelendung als Freiheitsgewinn zu verkaufen.

Für mich und meinen Seelenfrieden entdeckte ich in Lagos ein Dichtercafé mit malerischer Veranda. Da saß ich und sah zu wie Eidechsen vor Katzen flohen. Die Lyriker schworen auf Heineken und reimten Happiness auf Heinekes sowie Happy auf Heini. Wir rutschten mit der wandernden Sonne von Tisch zu Tisch, stets ins nächste Schattenloch. Von der Sonne inkommodiert zu werden, war das Geringste, was einem blühen konnte, in einer aufgepeitschten, von Gerüchten überschnappenden Gesellschaft am Vorabend ihrer Unabhängigkeit.

Zu kaufen gab es deutsche Schreibmaschinen, japanische Transistorradios und italienische Autos. Zugleich lebten Zehntausende in Lehmhütten.

Ich kam nach Ibadan. Die Stadt ist nach einem Stamm benannt, dessen Krieger einst einen Dschihad zum Stillstand gebracht hatten. Man verehrte eine Flussgöttin namens Oshun aus dem religiösen Kosmos der Yoruba. Oshun war mit den Sklaven nach Brasilien gefahren. Die höchste Autorität der Yoruba war Samuel Ládòkè Akíntọ́lá. Er lebte in Ogbomosho. Auf dem Weg zu ihm passierte ich katholische Kirchen und Missionshäuser, baptistische Kapellen und Schulen. Akíntọ́lá lebte nahe einer Leprastation. Er war stark skarifiziert. Er kritisierte Nasser und die europäische Linke. Er wollte Demokratie, so richtig mit Regierung und Opposition. Ich begegnete dem ersten afrikanischen Führer, der nicht von einem afrikanischen Sonderweg sprach.

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