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22.10.2018, Jamal Tuschick

Die Geschichte der Gastarbeit in Osthessen

Prisen der Zugehörigkeit

Nina sah aus wie Michelle Pfeiffer

Der auf einem osthessischen Knick in einer Enge zwischen Thüringen und Franken ansässige Unternehmer Amiran Vanilisi beschäftigt fast ausschließlich Migranten in seiner Fabrik für Schuhbodenteile. Seine Vorfahren flohen von einem Ufer zum anderen aus Georgien in die Türkei und bildeten da die nicht anerkannte Minderheit der Lasen. Das sind in der Mehrzahl sunnitische Muslime, vereinzelt auch orthodoxe Christen. Die kulturellen Trennlinien verlaufen umgekehrt proportional zu den Demarkationen zwischen den christlichen und den muslimischen Armeniern (Hemşinli), die sich in den gleichen Gebieten ausdifferenziert haben. Amirans Vorfahren stammen bis zur Generation seiner Eltern ausnahmslos aus der Provinz Düzce. Obwohl sie mit keiner markanten Ethnie auf dem Staatsgebiet der Türkei verwandt sind, nimmt man sie als Türken wahr.

Die Geschichte der Gastarbeit muss noch geschrieben werden.

Warum fällt es mir so schwer, die Verdienste meines Vaters hervorzuheben? Ich rede gern über Großvater und ich denke sehr gern an die Frau meines Bruders. Nina hat sich nicht aus einer Not in die Ehe gerettet, sondern kam mit einer enormen Bugwelle in den Kasten (Familienmund für die Fabrik). Nie zeigte sich die ehemalige Flugbegleiterin überfordert; anders als Kadira. Ihre Eltern sind bosnische Kriegsflüchtlinge, Traumatisierte, die von ihren Nachbarn (Generationen im vertrauten Umgang) in die Hölle geschickt wurden. Das Unbegreifliche warf sie um. Kadira wuchs in einem verschwiegenen Wahn auf. Sie nennt mich ihren Mann, obwohl sie sicher weiß, dass ich nicht noch einmal heiraten werde. Ihre Töchter haben einen schwarzen Kubaner zum Vater, der Kadira jahrelang drangsalierte. Er behandelte Kadira wie einen Gegenstand. Er verfügte über ihr Einkommen. Sie ernährte die Familie, hatte aber nicht das Recht zu fragen, woher die Mittel stammten, die ihrem Mann außerdem reichlich zuflossen. Er unterzog sie einer Gehirnwäsche und erklärte seine Töchter zu Vormündern ihrer Mutter. Er wollte Kadira seelisch erdrosseln, in einer Spielart des perfekten Verbrechens und der absoluten Herrschaft. Die ältere Tochter, Arianna, lehnte sich zwar unbewusst gegen die väterliche Forderung auf, folgte aber ohne jede Zurückhaltung der jüngeren Schwester, die bereitwillig den Auftrag annahm. Die Mädchen tyrannisierten ihre Mutter gnadenlos. Sie errichteten eine Kinderdiktatur, die ich zu ihrer Erleichterung beendete. Ich befreite sie von ihrer Sucht nach Fertiggerichten, die einherging mit einem Hass auf Obst.

Arianna und Chisoma können sich schon lange wieder ohne Brechreiz gesund ernähren. Sie haben die Vorteile vorbildlichen Verhaltens erkannt. Seit Chisoma ihre Mutter nicht mehr terrorisieren darf, versucht sie Kadira zu überflügeln und auszustechen. Sie möchte nun einen Gemüsegarten ausgerechnet da anlegen, wo die Schaukel und die Wippe meiner leiblichen Kinder neben einem leeren Sandkasten verrotten. Chisoma weiß nicht, dass es von ihrem Plan eine historische Vorzeichnung gibt. Ich habe dem Spielplatz großmütterliche Beete geopfert. Ich erinnere mich an Großmutter, kniend in ihrem Salat. Mit einem Kneipchen sticht sie den Kopf aus. Ich sehe mich bei der Johannisbeerenernte ihr kindlich zur Hand gehen, auf einem Grasstreifen neben der Rübenreihe unter Miere. Im Weiteren bin ich Zeuge monumentaler Veränderungen.

Die Fabrik rückt gerade ins Zentrum eines Neubaugebiets. Teerrinnen durchziehen ihn. Sie sind nach verlorenen Ostgebieten benannt. Die Verluste klingen nicht Deutsch. Die Breslauer Straße quert einen Schienenstrang, der im Gelände vor einer Steinbruchhalde endet. Eine Grabsteinernte liegt zerschlagen in einer Mulde. Eine Esse ragt auf, ohne jede architektonische Umgebung.

Manchmal erinnert nur noch ein leeres, zur Litanei verkommenes Ritual an eine aufgegebene Lebensform. Das vergessene Wissen der häuslichen Steinbearbeitung. Viele Wörter für ein Ding, das belanglos erscheint, deuten auf verlorengegangene Bedeutungen hin. In handschriftlichen Rezeptsammlungen kursieren bäurisch-bildhafte Beschreibungen der halluzinogenen Wirkungen des spitzkegeligen Kahlkopfs. Der Pilz spielt eine Rolle in Großvaters Allegorien. Der alte Lase gibt vor, Prozeduren der Giftgewinnung zu kennen.

In Feldnischen nahe dem Kasten kobolzen kolossalbauchige Figuren, die prähistorischen Idolen oder Fernando Botero oder doch nur dem Michelin-Männchen nachempfunden sind. Großvater behauptet, sie seien von unseren Feinden aufgestellt worden. Die Feldnischen geraten nun unter die Räder zugezogenen Wohlstands. Aus dem so frei wie ein Aussiedlerhof in der Landschaft stehenden Kasten wird ein Ensembleelement. In der Nachbarschaft liegt bald keine freie Fläche mehr, die groß genug wäre, um ein Haus darauf zu stellen.

Die Freude an Gartenarbeit ist mir vor langer Zeit abhandengekommen. Ich habe keine Lust, irgendwas aus dem Boden zu ziehen und die Erde von den Wurzeln zu trennen. Ich stelle mir Chisoma vor, wie sie der Natur Einhalt gebietet und ihr die menschliche Floraordnung diktiert. Ich finde meine Ziehtochter viel zu charismatisch für eine stille Beschäftigung. Sie muss einen Raum nur betreten, um alle Aufmerksamkeit zu kriegen.

Die Esse wurde abgebrochen, die Halde abgetragen. Den Strang ließ man liegen. An seinem Ende steht nun ein Hotel in der Landschaft als kostengünstige Alternative zur Bettenburg im Ballungsraum. Luciano Montana hatte die Idee. Der Pate von Finkenherd hatte einmal wieder den richtigen Riecher. Ich bin an der Sache beteiligt. Das weiß kaum einer.

Ich schweife ab und weiche aus.

Ich muss über meinen Vater reden, diesen zögerlichen, peniblen, stets besorgten und unzufriedenen Mann. Er hatte wenig von einem Aufsteiger. Er war nicht stattlich und souverän. In einem engen zeitlichen Rahmen spielte er da mit, wo die Söhne der Gastarbeiter im ländlichen Raum vorkamen, im Eiscafé, am Billardtisch, auf dem Fußballplatz und auf der Ringermatte. Auch ein Parkplatz war wichtig, als sonntäglicher Treffpunkt der migrantischen Jugend.

Man blieb unter sich. Die organisierten Türken, die Vereinsmeier, Gesellschaftshuber und Betriebsnudeln, sammelten ein, was es hinter Fulda noch so gab an Lasen und Kurden und halben Syriern. Solange man sich an die Spielregeln hielt, fiel jede Differenz unter den Tisch. Lasen waren selbstverständlich richtige Türken. Urtürken geradezu.

Vater betrieb manische Vorratshaltung. Er sammelte Fernsehmitschnitte und überspielte am laufenden Band Filme auf VHS-Kassetten. Er hatte vier Rekorder. Manchmal lieh er in der Videothek seines Vertrauens zehn Filme aus und kopierte alle, ohne sich auch nur einen anzugucken. Er hortete die Konserven, nur um sie zu besitzen. Nirgendwo zeigte sich die unbewältigte Devianz deutlicher als in der Einlagerung von zehntausend Stunden ungesehener Unterhaltung.

Im Todesjahr seines Vaters zog mein Vater den ersten Kontrakt mit einer polnischen Devisenbeschaffungsgesellschaft an Land, die sich als staatliches Unternehmen tarnte, sich in Düsseldorf eine feudal eingerichtete Filiale auf zwei Stockwerken leistete und alle sechs Monate das für den Kasten jahrelang wichtigste Abkommen neu verhandelte. Vater reiste allein nach Düsseldorf und erwehrte sich der Wodkaattacken mit Trinkfestigkeit. Der sonst komplett Abstinente trank die Polen unter den Tisch. Das ist verbürgt. Morgens um vier zeigte er sich noch unterschriftsfähig.

Seine Vertragspartner verewigten diese Einzigartigkeit in einem Lied, das ich nie zu hören bekam und dessen Übersetzung ein Versäumnis blieb. Im Gegenzug garantierte mein sonst sehr sparsamer Vater den für Schmeicheleien empfänglichen Funktionären festliche Wochenenden in einem Fünfsternehotel. Er stellte für seine Goldesel eine fürstliche Bewirtung sicher. Die Familie spielte mit. Familie gehört in Polen wie überall in Osteuropa zum Geschäft. Osteuropäer interessiert der Hintergrund ihrer Geschäftspartner. Sie erkundigen sich nach der Verfassung von Frau und Kindern, um zu erfahren, ob der Andere zurzeit auf der Höhe seiner Intelligenz Entscheidungen treffen kann oder abgelenkt wird von Dingen, die schwerer wiegen als das Geschäft.

Die Rasputins der Gegenwart

Der alte Lase hatte den Kasten von einem Aschaffenburger übernommen, dessen Vorfahren Schlappeflicker und Altmacher in der Pfalz gewesen waren. Der Fuhrmann Anton Schlosser stellte seine Fabrik Anfang der 1950er Jahre auf eine verseuchte Wiese neben Feldern. Er war der erste Gründer vor Ort. Schlosser beschäftigte Sonderbare und Ausgestoßene. Ungelernte aus der Landwirtschaft. Evangelische Schnapsbrenner und Fallensteller (in einer erzkatholischen Gegend). Deformierte, die nie zuvor in einem ordentlichen Beschäftigungsverhältnis gestanden hatten, und im Goldenen Grund der Klingenbacher Aue zwischen Wildrosen und Schwalbenwurz wie Aussätzige vegetierten, fanden im Kasten ein Auskommen ohne Volksschulabschluss. Sie unterlagen in einem Verdrängungswettbewerb anderen Einwanderern, die sich ebenfalls auf ihre deutschen Wurzeln beriefen.

Man nannte sie Spätaussiedler. Sie kamen aus der Sowjetunion.

Die Sieger sind in der Gegenwart von 2018 im Mittelstand angekommene Arbeiter, deren Kinder studieren und so einen Anschluss herstellen zu den Bildungswegen ihrer Großeltern, die als Bauingenieure und Lehrerinnen nach Deutschland gekommen waren und da froh sein mussten, von meinem Vater als Produktionshelfer*innen beschäftigt zu werden. Besonderen Wert legen sie auf die musikalische Bildung. Sie leben in Clanstrukturen und bewegen sich flockig zwischen Sprachen und Kulturen. Sie erscheinen offen, doch das sind sie nicht. Sie haben ihre eigene Spiritualität in einem parallelgesellschaftlichen Rahmen. Sie haben ihre Rasputins. Die Heiler wirken auch als Streitschlichter. Viele praktizieren eine esoterische Bewegungslehre zwischen Gymnastik und Krafttraining.

Ihnen folgten Einwanderer aus den ehemaligen GUS-Staaten. Auf den ersten Blick unterscheiden sie sich kaum von den deutschstämmigen Russen, die ab 1980 kamen, und doch stehen sich die Gruppen wenigstens so fern wie Lasen und Türken. Die einvernehmlich gutturale Aussprache deutscher Wörter täuscht über die Unterschiede hinweg.

Wieder trifft mich die Einsicht, dass die allerengsten Beziehungen Einfallstore des Verrats sind. Ich muss mich vor denen am meisten schützen, denen ich am liebsten überhaupt nichts entgegensetzen möchte. Ich stelle den Wagen auf den Parkplatz vom Lüdersbacher Hof ab. Das Bewirtungsgeschäft ruht. Ich bin in diesem Lokal so gut wie daheim und bekäme meinen Cappuccino, notfalls auch koffeinfrei, jederzeit bei den Wirtsleuten im Wohnzimmer mit einem Keks serviert. Ich streiche solche Prisen der Zugehörigkeit gern ein. Seit Vaters Tod erfüllt die Lüdersbacher Schlucht die Funktion des wissenden Zuhörers. Den Wald an den Hängen erlebe ich als Resonanzkörper meiner Gedanken. Ich stelle Fragen in den Raum und finde Antworten bei mir. So erging es mir manchmal in Gesprächen mit dem Vater. Ich unterbreitete ihm meine Ideen. Der wissende Zuhörer beschränkte sich meist auf stille Teilhabe und am Ende waren wir beide klüger.

Ursprünglich gab der Lüdersbach sein Wasser an die Fulda ab. Er ist nur noch ein Zulauf des Hauptgrabens, der seinen quellenlosen Anfang als stehendes Gewässer in einer Wiese hat. Lüdersbach heißt auch der Ortsteil von Finkenherd auf dem Höhenzugsattel des Hahnenkamms. Die Schlucht führt zu dem wurzelechten Hochmoor in der Klingenbacher Aue. Das Moor wächst weiter und hat sein eigenes Klima. Jahrhundertelang war es ein Zufluchtsort der Gesetzlosen. Heute ist das Moor ein Abenteuerspielplatz. Ich treffe Nina an einer Stelle. Sie betrügt meinen Bruder mit mir seit drei Jahren … Sie ist mit ihrem neuen Elektrofahrrad gekommen. Es hat fast fünftausend Euro gekostet.

Morgen mehr.

 
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