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23.10.2018, Jamal Tuschick

Das Mainlabor präsentiert den neuen Roman von Luna Al-Mousli in einem mehrteiligen Auszug

Als Oma, Gott und Britney sich im Wohnzimmer trafen, oder: Der Islam und ich

Luna Al-Mousli  ©Marie-Christine Gollner-Schmid

Luna Al-Mousli  ©Marie-Christine Gollner-Schmid

Das neue Buch von Luna Al-Mousli ist da! 

Nach dem Erfolgsbuch Eine Träne. Ein Lächeln. Meine Kindheit in Damaskus neue Erinnerungen an eine Kindheit zwischen Ost und West,
dem Ruf des Muezzin und den neuesten Hits von Britney Spears, zwischen unzähligen Cousinen und Cousins, Haribo und Ramadan, unverheirateten Tanten und einem sprechenden Papagei.

»Luna Al-Mouslis Geschichten sind so rührend komisch, dass sie während der Lektüre ein Lächeln ins Gesicht zaubern.« Buchkultur

Auszug aus: Als Oma, Gott und Britney sich im Wohnzimmer trafen, oder: Der Islam und ich © weissbooks.w, 2018

Ob Frühling, Sommer, Herbst oder Winter, Opa Najm blieb auf dem Land bei seinen Blumen und Bäumen. Außer zum Ramadan. Der Fastenmonat Ramadan bildet die vierte Säule des Islam und ist auch der einzige Monatsname, den ich mir vom islamischen Mondkalender gemerkt habe. Mich nach dem Mondkalender zu richten, fiel mir schwer. Denn im Gegensatz zum gregorianischen Kalender verschob sich alles ständig. Daher fasteten wir auch jedes Jahr zehn Tage früher als im Vorjahr.

Luna Al-Mousli, geb. 1990 in Melk/ Österreich, aufgewachsen in Damaskus, lebt heute in Wien. Grafik Design-Studium an der Universität für angewandte Kunst. Seit 2013 arbeitet Al-Mousli als selbstständige Grafik-Designerin und Illustratorin. Für ihr Debüt Eine Träne. Ein Lächeln. Meine Kindheit in Damaskus (weissbooks.w, 2016) wurde sie unter anderem mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2017 ausgezeichnet.

www.luniverse.xyz 

Zum Ramadan zog also selbst Opa für einen Monat zu uns nach Damaskus in die Stadt. Wer wollte schon Ramadan alleine verbringen und alleine fasten? Er hätte alles verpasst, was diesen Monat besonders und erträglicher machte. Als ich noch ganz klein war, beobachtete ich, wie die Erwachsenen fasteten, und half bei der Zubereitung des Iftār. Ich wollte eines Tages auch so fasten wie sie, obwohl ich nicht ganz verstand, was sie da genau taten. Das lernte ich erst viel später. Nachdem man von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf Essen und Trinken verzichtet hat, folgt das Iftār, das Fastenbrechen, die große, gemeinsam eingenommene Mahlzeit nach Sonnenuntergang. Im Fastenmonat ließen sich viele Veränderungen beobachten. Plötzlich wurden alle ruhiger. Plötzlich wurden alle gläubiger. Plötzlich wurden alle aufmerksamer, gegen Abend jedoch auch zunehmend gereizter. 

Mittags war die Wohnung mucksmäuschenstill, alle hatten sich für ein Mittagsschläfchen hingelegt, um die letzten Energiereserven zu sammeln, sodass dem großen Kochen später nichts im Wege stand. Bis dahin war die Küche aber wie verlassen. Erst kurz vor Sonnenuntergang wurde sie zum Mittelpunkt des Geschehens. Plötzlich hielten sich alle in diesem kleinen Raum auf und hatten eine gemeinsame Mission zu erfüllen – das Essen rechtzeitig zum Iftār fertig zu haben und zu servieren. Die Gerichte durften weder zu kalt noch zu heiß sein, sonst konnte man ja nicht gleich mit dem Essen anfangen.

Bereits am Vortag machten sich meine Oma, meine Mama und Amme Samira Gedanken darüber, was sie zum Iftār kochen könnten. Sie sammelten Ideen, fragten nach den Wünschen aller Familienmitglieder und erkundigten sich sogar, was Freunde und Nachbarn in den letzten Tagen gegessen hatten. Rechtzeitig wurden die fehlenden Zutaten im kleinen Supermarkt nebenan gekauft oder aus dem Abstellraum geholt, der sich in einer Zwischenetage über der Küche befand. Meistens war es Mama oder eine meiner Tanten, die von dort oben Lebensmittel holten. Dafür musste extra die große Metallleiter aufgestellt werden. 

Ich wäre immer am liebsten den ganzen Tag in diesem Abstellraum geblieben oder gleich ganz dort eingezogen, durfte aber nie hinauf, weil es zu gefährlich war. Zur Abschreckung erzählte mir Tante Shaza, dass dort oben ein Bösewicht lebe. Sie hatte Erfolg. Für einige Wochen traute ich mich nicht mehr alleine in die Küche. Ich ging nur in Begleitung meiner Schwester hinein oder wenn schon ein Erwachsener in der Küche war. 

Doch eines Tages beschloss ich nachzuschauen, denn dieser Bösewicht war erstaunlich leise. Meine Schwester, meine Cousine und ich stellten die weißen Plastikstühle übereinander und ich kletterte hinauf. Am grünen Kühlschrank neben der Luke konnte ich mich abstützen und einen Blick in den Abstellraum werfen. Es war dunkel, also tastete ich mich an der kalten Wand entlang und vor bis zum Lichtschalter, während meine Cousine und meine Schwester gespannt auf ein Zeichen warteten. Ich warf eine der Klopapierrollen runter, die ebenfalls im Abstellraum aufbewahrt wurden. Anstelle des Bösewichts fand ich aber nur Lebensmittel, Packungen mit Taschen­tüchern, Aleppo-Seife, Klopapier und Kerzen. 

Da wusste ich, dass der Abstellraum wie für mich geschaffen war. Ich passte perfekt hinein. Wenn ich mich ausstreckte, konnte ich die Decke berühren und fühlte mich endlich groß. Mama hingegen musste sich bücken. In diesem Abstellraum gab es alles: Reis, Nudeln, Bulgur, Linsen, Mehl und Zucker. Alles war in riesige Säcke verpackt, die so schwer waren, dass sie immer von zwei Personen hinaufgebracht werden mussten. Damit wir zum Kochen nicht wieder die ganzen Säcke runterbringen mussten, wurde von jedem Lebensmittel ein Glas abgefüllt, das erst wieder aufgefüllt wurde, wenn es leer war. Papa und Opa kauften diese Lebensmittel auch nur einmal im Jahr. Das Olivenöl wurde in einem großen Kanister gelagert und für den Normalgebrauch in Glasflaschen umgefüllt. Nüsse und ganz viel eingelegtes Gemüse war in kleinen und großen Gläsern nebeneinander aufgereiht. Das Gemüse kam selbstverständlich aus Opas Garten. Am häufigsten sah man Gläser mit grünen und schwarzen Oliven, Roter Beete und Gurken. Auch Opas selbst gemachte Marmelade wurde im Abstellraum aufbewahrt. Ich war sicher, dass es diese Marillenmarmelade auch im Paradies geben würde, denn es war die beste Marmelade der Welt. Ich erkannte sie genau am Geschmack und an der Konsistenz und aß auch immer nur diese Sorte. Im Verwandtenkreis wurden oft Gläser mit hausgemachten Lebensmitteln ausgetauscht, denn jeder hatte seine eigene Rezeptur. 

Nachdem alle notwendigen Zutaten aus dem Abstellraum geholt worden waren, begann die Iftār-Vorbereitung. Orangen wurden gepresst, Zwiebeln gehackt, Soßen gerührt. Es wurde gekocht, gebacken und gebraten – und zwar auf gut Glück, denn Abschmecken durfte man nicht, damit hätte man sein Fasten gebrochen. Meine Tanten sahen das allerdings nicht alle gleich streng. Die eine kostete und sagte der anderen, ob noch Salz oder Pfeffer fehlte. Aber es fehlte trotzdem meist noch etwas.

Während des Ramadan wurden wir ständig eingeladen oder luden selbst Gäste ein. Die servierten Speisen waren daher immer so besonders und aufwendig, dass ich mich oft nach einfachem Reis mit Joghurt sehnte. Ich liebte es, wenn ich bei den Vorbereitungen helfen durfte, und übernahm gern unterschiedliche Aufgaben. Wenn wir Bulgur kochten, wurde dieser genauestens untersucht. Auf einem Tablett überprüften wir jedes Korn, denn manchmal versteckten sich kleine Steine dazwischen. Ein Korn nach dem anderen wurde zur guten oder zur schlechten Seite geschoben. Dann schüttete meine Mama die nächste Portion Bulgur aufs Tablett, und die Arbeit begann von vorn. 

Oma konnte während des Ramadan nicht die ganze Großfamilie zu sich einladen, weil wir bei ihr in Schichten hätten essen müssen, aus Platzgründen. Iftār war aber eine Mahlzeit, die alle gemeinsam und gleichzeitig zu sich nahmen. Im Wohnzimmer schaltete Opa auf den Lokalsender um, damit wir ganz genau hörten, wann der Muezzin »Allahu Akbar«, also »Gott ist groß«, und somit auch zum Iftār rief. In der Küche hing zur Orientierung ein spezieller Kalender mit den genauen Zeiten des Sonnenuntergangs. In den letzten zehn Minuten vor dem Iftār wurden alle nervös. Sobald die ersten Töne des Adhān aus dem Fernseher kamen, strömten alle in die Küche. Gleichzeitig ertönte der Gebetsruf auch aus allen Moscheen in der unmittelbaren Nähe. Die Speisen standen punktgenau auf dem Tisch und die Gläser wurden mit Wasser gefüllt. Nach dem Tischgebet wurde zuerst eine Schachtel mit Datteln herumgereicht. Unser Dattelkonsum stieg zum Ramadan auf das Tausendfache! Außerdem gab es ganz verschiedene Dattelsorten. Je nach Herkunftsland unterschied sich die Konsistenz, der Geschmack und die Größe der Datteln. Manche waren süßer als Schokolade.

Jetzt konnte das große Essen beginnen. Teller, Gläser, Schüsseln und Töpfe wanderten von einer Hand in die nächste. Sobald alle etwas auf dem Teller hatten, herrschte Stille, bis irgendjemand mit einer Geschichte anfing oder das Essen lobte. Oma hatte die Gabe, die Menge des Essens immer genau richtig einzuschätzen, selten blieb etwas übrig für den nächsten Tag.

 Ich kann mich an mein erstes Fasten sehr gut erinnern. Meine gleichaltrige Cousine Laila und ich nahmen es uns gemeinsam vor. Sie übernachtete bei mir. Mitten in der Nacht (oder eher am sehr frühen Morgen), bevor die Sonne sich zeigte, wurden wir liebevoll zu Sahūr aufgeweckt. Aber eigentlich hatten wir gar nicht richtig geschlafen, sondern die ganze Nacht hindurch getratscht und im Bett Rätsel gelöst. 

Sahūr ist die Mahlzeit vor Sonnenaufgang und ähnelt einem großen Frühstück. Wir konnten also zunächst etwas essen und trinken, bevor dann mit dem Sonnenaufgang das Fasten begann. Auch die übrigen Familienmitglieder wurden eines nach dem anderen geweckt. Meistens war es Oma Habiba, die diesen Dominoeffekt auslöste. Sie legte sich erst nach Sahūr schlafen. Bis dahin las sie im Koran, betete und schaute fern. Während des Ramadan kamen lauter neue Serien raus, die wollte sie auf keinen Fall verpassen. Sie wusste genau, welche Serie auf welchem Sender lief und ob beziehungsweise wann sie wiederholt wurde. Dank eines genau ausgetüftelten Plans war sie in der Lage, mehr als zehn unterschiedliche Serien und Shows zu verfolgen. Während der Werbung schaltete sie um und schaute für ungefähr zwei Minuten eine andere Serie, bevor sie wieder zurückschaltete. Die Fernbedienung wich nicht von ihrer Seite. 

Diese Serien erzählten zwar unterschiedliche Geschichten, doch oft traten die gleichen Schauspielerinnen und Schauspieler auf. Das fand ich äußerst verwirrend. Es gab auch eine Zeit, in der sich jede Schauspielerin einer Schönheitsoperation unterzog. Ob sie wohl Gruppenrabatt bekamen? Hinterher hatten sie alle die gleiche spitze Nase, die gleichen überbetonten Wangen und die gleichen aufgespritzten Lippen, da tat ich mich noch schwerer damit, sie auseinanderzuhalten. Manchmal schaltete Oma nach Sahūr den Fernseher an und schaute ein paar Folgen. Damals konnte man noch nicht streamen, also musste sie ständig auf die Uhr schauen und pünktlich den Fernseher anschalten, um nichts zu verpassen.

 

 

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