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26.10.2018, Jamal Tuschick

In ihrem Roman „Das brennende Mädchen“ erzählt Claire Messud vom adoleszenten Ende einer Freundschaft.

Examinierte Sterbebegleiterin

Von links: Shelly Kupferberg, Claire Messud, Irene Baumann im Berliner Palais am Festungsgraben

Sie kennen sich aus den Geburtsvorbereitungskursen ihrer Mütter. Cassie und Julia sind lange beste Freundinnen, auf eine Dritte hitzig ausschließende Weise. Die Innigkeit endet mit der Kindheit in der Pubertät. Das erzählt Claire Messud in ihrem Roman „Das brennende Mädchen“.

Claire Messud, „Das brennende Mädchen“, Roman, aus dem amerikanischen Englisch von Monika Baark, Hoffmann und Campe, 251 Seiten, 20,-

Jede Kindheit ist ein Universum, in dem alles zwingend erscheint - eine Welt in der Welt. Ein Störung in dem geschlossenen Bezugssystem kann bereits eine hochgezogene Braue auslösen, so wie ein ignorierter Gruß, eine verächtlich gemachte Werbung, eine herabsetzende Bemerkung. Im Gegenzug wirken Spielarten der Anerkennung besonders intensiv.

Darum geht es der Autorin. In einem Gespräch mit Shelly Kupferberg äußerte sie sich im Palais am Festungsgraben zur Entstehungsgeschichte des „Brennenden Mädchens“. Der Titel zitiert eine Erzählung, die wiederum auf ein Marinegedicht reagiert, in dem ein sterbender oder bereits gestorbener Kapitän seinem Sohn nicht mehr sagen kann, was er tun soll – auf einem brennenden Deck. In einer Verlängerung der Allegorie bis in die Handlungsgegenwart des Romans erklärt Messud: Kinder sind darauf angewiesen, ihre Lage normal zu finden, während es für Eltern ausgeschlossen ist, die Erwartungen ihrer Kinder zu erfüllen. Dem kindlich-totalitären Anpassungsbegehren stehen erwachsene Erfahrungen misslingender Anpassung entgegen.

Messud schildert diese planetarische Kollision als kleinstädtisches Langzeitmanöver. Cassies feministische Mutter ist examinierte Sterbebegleiterin mit „perfekt manikürten Nägeln“. Die feministische Mutter des erzählenden Ichs ist freie Journalistin, wenn man hochgreift. Sie rezensiert Filme und bewertet Restaurants für ein lokales Periodikum. Die Mütter chauffieren die Schwärme, in denen ihre Töchter existieren und gewinnen als „unsichtbare“ Steuerfrauen erstaunliche Einsichten.

Alles entgleitet ihnen, auch die Kontrolle über das Radio.

Die Hitliste im Roman entbehrt das Spekulative, erklärt Messud, die ebenfalls als Fahrerin ihrer Tochter unbeabsichtigt eingeweiht wurde. Die Mutter beschreibt den Prozess als Wiederbegegnung mit den eigenen Gefühlen im Spiegel der Pubertät einer anderen. Die Präferenzen der Pubertierenden nennt Messud tierisches Zeug, viehischen Unfug, animalische Verirrungen. Vergeblich versuchen die Frauen den Mädchen klarzumachen:

„Das Leben ist auf lange Sicht die Rache der Nerds.“

Die Schulhofeckensteher machen das Rennen, glaubt Messud, und bietet Bill Gates als Beispiel auf.

Die Mädchen driften auseinander, die soziale Differenz wird zum Erlebnis. „Zum Nicht-Wissen führt kein Weg zurück.“   

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