MenuMENU

zurück zu Main Labor

26.10.2018, Jamal Tuschick

Arta Ramadani in der Berliner Botschaft des Kosovo

Trottoirilluminationen

Arta Ramadani und Botschafter Beqe Cufaj 

Schon wieder habe ich mich erst verfahren und dann verlaufen; inzwischen sehe ich im Dunklen so schlecht, dass sich außer dem Alarmgehör auch der Tastsinn einschalten will. Das verbiete ich ihm. Jetzt bestehen die Rekorde darin, sich in der Hinfälligkeit nicht auffällig zu machen.

Ich bin halbblind und desorientiert.

Ein Polizist hilft mir weiter. Während Postboten, Schaffner, Hausmeister und Nachrichtensprecher ihre amtliche Autorität für immer verloren haben, gewinnt der Polizist als Schutzmann in den selbsthypnotischen Altersrückversetzungen sein ursprüngliches Fürstentum im Kinderkosmos zurück. Das kommt aus der Regression und geht dahin. Ich zappe den Mehrwert weg, ich brauche keine Trottoirilluminationen.

Endlich erreiche ich die Botschaft des Kosovo in der Wallstraße ...

Das migrantische Wir

Durch so viel Formen geschritten, durch Ich und Wir und Du, doch alles blieb erlitten durch die ewige Frage: wozu? G. Benn

In der Bestandsaufnahme von Jana Hensel und Wolfgang Engler „Wer wir sind – Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein“ wird ein „Wir“ formuliert, das zu der Frage Anlass gab: Gibt es dreißig Jahre nach dem Mauerfall überhaupt ein ostdeutsches „Wir“ – einen politischen Plural. Jana Hensel antwortete:Wir, also die Autor*innen, sind uns bewusst, dass das „Wir“ eine rhetorische Figur ist.

Interessant finde ich die Frage, ob es über solch eine Konstruktion hinaus so etwas wie ein migrantisches „Wir“ gibt und sei es als poetischer Plural, der einer Einlassung von Sven Regener entgegen treten könnte, der zuletzt in dieser Zeitung feststellte: „Unsinnig ist es, Migranten, Einwanderern oder Flüchtlingen eine kollektive Identität zu verleihen: Die sind alle islamistisch, haben ein verkorkstes Frauenbild und sind sexuell übergriffig.“

Sie sehen, worauf es hinausläuft: auf negative Zuschreibungen, die vor jedem anderen Text da zu sein scheinen, als wären sie aus einem Automaten gezogen worden. Denen entgegen tritt auf jeden Fall Arta Ramadani. Sie betrachtet sich als ein Beispiel für gelungene Integration. Sie sagt: „Es ist schade, dass die Medien so sehr auf migrantische Problemfälle anspringen. Schaut mich an - Ist es nicht schön zu sehen, dass es auch Migrantinnen wie mich gibt? Denen das Leben glückt. Ich möchte Mädchen aus traditionellen Familien dazu inspirieren, an sich zu glauben und ihren Weg konsequent selbstbestimmt zu gehen.“

Arta Ramadani wurde 1981 im Kosovo geboren und kam mit ihren ultra-progressiven Eltern nach Deutschland.Sie musste sich nicht emanzipieren, sondern bewähren, indem sie den hohen Emanzipationsstandard der Eltern nicht unterschritt.

„Ich hätte jederzeit ledig Mutter werden dürfen. Ein Schulabbruch wäre aber eine Katastrophe gewesen.“

Ihr literarisches Debüt, „Die Reise zum ersten Kuss: eine Kosovarin in Kreuzberg“, veröffentlichte sie 2018 im Drava Verlag. Sie arbeitet als Redakteurin beim ZDF.

Arta stellt mich dem Botschafter vor, ein Schriftsteller auch er. Wir wechseln ein paar Worte, angetan von unserer offensichtlichen Anspruchslosigkeit. Beqe Cufaj füllt sein Amt mit Zurückhaltung aus.

Arta stammt aus einer Familie von Widerstandskämpfern. Ein Urgroßvater wurde wegen einer militant abweichenden Auffassung von den Staatszielen standrechtlich erschossen. Ein Großvater und der Vater gingen für ihre Überzeugungen ins Gefängnis.

Vater und Mutter lerne ich jetzt kennen, angenehme Leute, die ihrer Entschlossenheit keinen Ausdruck gestatten.

„Meine Familie hat mit vielen Traditionen gebrochen“, erklärte die Autorin bei einer älteren Gelegenheit. Sie beschrieb ihren Vater als Rebellen, stark in seinen Überzeugungen und weich in ihren Darstellungen. Er hat der Tochter beigebracht, energisch zu sein, ohne Wimpel zu setzen.

So überlebt man als Dissident in robusten Regimen. Ramadani (Jahrgang 1981) stammt aus Prishtina, der Hauptstadt des Kosovo, so wie die Heldin ihres ersten Romans – einer Madonna Hörigen. Halb verschossen in Onkel Agim, der sie auf die Spur ihrer musikalischen Vorlieben setzt. Ein großes Kind in den Neunzehnhundertneunzigern, das „der Oma beim Weinen hilft“ und seine Stadt im Belagerungszustand erlebt. Serbische Polizisten kontrollieren die Bürger mitunter nur aus Langeweile oder um Frauen wie Eras Mutter einen Flirt aufzuzwingen. Era erkennt und beschreibt naiv Haltungsschäden: verursacht von der Duldungsstarre Unterworfener. Die Familie wandert schweren Herzens nach Berlin aus und landet in einem Kreuzberger Flüchtlingsheim.

Gleich wird Arta aus dem Roman lesen, im Rahmen eines gesellschaftlichen Ereignisses. Im Kosovo genießt Literatur höchstes Ansehen.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen