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26.10.2018, Jamal Tuschick

Eine Geschichte der Gastarbeit in Osthessen VII. Folge

Sozialistische Tischordnung

Nächtliche Szene in Finkenherd

Der auf einem osthessischen Knick in einer Enge zwischen Thüringen und Franken ansässige Unternehmer Amiran Vanilisi beschäftigt fast ausschließlich Migranten in seiner Fabrik für Schuhbodenteile. Seine Vorfahren flohen von einem Ufer zum anderen aus Georgien in die Türkei und bildeten da die nicht anerkannte Minderheit der Lasen. Das sind in der Mehrzahl sunnitische Muslime, vereinzelt auch orthodoxe Christen. Die kulturellen Trennlinien verlaufen umgekehrt proportional zu den Demarkationen zwischen den christlichen und den muslimischen Armeniern (Hemşinli), die sich in den gleichen Gebieten ausdifferenziert haben. Amirans Vorfahren stammen bis zur Generation seiner Eltern ausnahmslos aus der Provinz Düzce. Obwohl sie mit keiner markanten Ethnie auf dem Staatsgebiet der Türkei verwandt sind, nimmt man sie als Türken wahr.

Die Geschichte der Gastarbeit muss noch geschrieben.

Der Ausschuss wird in eine Mühle gesaugt. Das Mahlgut landet in einem Kasten, der im Lager über der Produktionsebene steht. Die weiträumige Trennung der Maschinen vom Material dient der Sicherheit. Wir verarbeiten Granulat. Kleinste Ausschüttungen, die vorschriftswidrig liegenbleiben, können jemandem bei einer Rutschpartie das Genick brechen.  

Wieder frage ich mich, warum sich an dieser Stelle der Abläufe keine durchgreifenden Verbesserungen aus Erfahrungen ergeben. Seit dreißig Jahren wird im Lager auf die gleiche Weise gewirtschaftet, mit einer Mitarbeiterfluktuation wie sonst nirgendwo im Kasten. Zurzeit untersteht das Lager Said, Spross einer syrischen Diplomatendynastie, der seine Kindheit in England verbracht hat und nur seiner Frau Alima zuliebe nach Deutschland gekommen ist.

Ich beobachte einen Akt der Völkerverständigung. Der Nigerianer Jens begrüßt den Russen Michail mit Gesten in einer komplexen Abfolge, die er sich ausgedacht haben könnte, um besonders exotisch rüberzukommen. Ich bin mit allen im Betrieb per du, nur Jens verweigert die Zwanglosigkeit. Er erwartet von mir Regelungen seiner privaten Angelegenheiten. Er trägt Forderungen als Wünsche vor, die kein Nein vertragen. Ich habe Jens schon schwer enttäuscht.

Michail war in der Sowjetunion mit titanischen Bauvorhaben befasst. Als Ingenieur und Spezialist für Katastrophenmanagement gab er sechzig Leuten Anweisungen. Jetzt erschöpft sich seine Führungsaufgabe im Verhältnis zu einer Maschine, die er beherrscht wie kein zweiter. Ich beschäftige Michail seit fünfzehn Jahren mit gleichbleibender Hochachtung. Kündigt sich bei ihm eine Erkältung an, legt er sie aufs Wochenende. In seiner Loyalität steckt aber auch Frustration. Michail ist ein Mann der Verantwortung, jemand, der sich auszeichnen will. Ich glaube, er bittet Gott täglich um neue Herausforderungen.

Ich beschäftige sieben neue Flüchtlinge, Alima und Said, den Iraker Massud, die Nigerianer Jens und Kio. Die Ukrainer Yaroslav und Oleksander verstehen sich gut mit den siebzig Russlanddeutschen und anderen Zuwanderern aus Staaten der ehemaligen Sowjetunion im Betrieb.

Zu den Alt-Flüchtlingen zählt der Südvietnamese Gan. Er gelangte als Schiffsbrüchiger vor Malaysia erst an Bord des Hospitalschiffs Helgoland und dann in das Grenzdurchgangslager Friedland. Weihnachten Achtundsiebzig verbrachte er an der Tafel des niedersächsischen Ministerpräsidenten Albrecht auf einer Gala in Hannover.

Neunzehnhundertneunzig saugte der Kasten Dennis an. Er sah aus wie Wolfgang Petry, im Stillen nannte ich ihn Vokuhila. Er hatte an der Humboldt Universität auf Diplom-Kriminalist studiert und war Chef einer Ostberliner Mordkommission gewesen, bis zu seiner Suspendierung im Januar Neunzig. Irgendwann kannten alle die Geschichte, in der Vokuhila seine rumänische M 74 abgeben musste, weil sein Vater, ein Spitzenfunktionär, ihm unter die Arme gegriffen hatte.

Ein Volkskammerausschuss zerlegte Dennis wegen Amtsmissbrauchs, es ging spießig um die Finanzierung eines Fertighauses Typ Stralsund für 90.000 Ostmark, eines Mazda 322 GLX 1.5 (Neupreis 25.000 Ostmark) und eines Peugeot 305 (Neupreis 44.000 Ostmark). Dennis hatte in Wandlitz gratis getankt, den Funktionärsservice (des VEB Spezialbau nicht zuletzt) genutzt und am korrupten Ohr von Bauminister Junker gekaut. Er war mit seiner Familie auf Staatskosten in die Ferien geflogen.

Deshalb hatte Vokuhila den Anschluss an die neue Zeit verpasst, während seine Kollegen Hauptstadtpolizisten geblieben waren. Er betonte, gegen keine Strafrechtsnorm verstoßen zu haben. Er erfand einen alten Satz neu. Was früher Recht war, kann heute nicht Unrecht sein. Im Sauerland gab es zwei Kinder und eine an Dennis nicht mehr interessierte Angela. Der Ex-Major zeigte Familienfotos. Höhepunkte der Kollektion waren nach der Rammstein-Ästhetik inszenierte Aufnahmen von der Ehefrau.

Eine Sehnsucht fand in der aufgelassenen DDR neue Ziele. Auch ich ging auf Ostsafari. Ich musste nicht weit fahren. Es gab noch Lothar de Maizière als Kohls Statthalter. Das westliche Interesse wurde schon als Heimsuchung empfunden. Die Bundesbürger versauten mit ihrer Währung die Preise. Sie erschienen wie Landsknechte in Tanzlokalen, wo man Aufforderungen mit höflicher Ansprache verband und egokompakte Alleingänge unbekannt waren.

Da war er plötzlich, der Malle erfahrene Manta Tiger mit seinen zwo Mille nach allen Abzügen. Daran gewöhnt, Rede und Antwort zu stehen, wo es um die Frage ging: Und was hast du so auf der Naht? Stand kein Aschenbecher parat, wurde die Kippe auf dem Flor flachgetreten. Dagegen erhobene Einwände waren unzulässige Bevormundung von viel zu lang Bevormundeten.

Man musste über achtzig sein, um sich als DDR-Bürger an eine freie und geheime Parlamentswahl erinnern zu können: vor der CDU-Party am 18. März. Seit der Reichstagswahl vom 6. November 1932 kannte der zum Behuf der Beitrittswilligkeit hart gefreite Ossi nur den Strich der Parteilinie.

Manta Tiger durfte nicht einfach die Kerzen auf dem Tisch anzünden. Die Kellnerin erschien zur festgesetzten Zeit und wehe, man griff ihr vor. Besondere Wünsche wurden als unangebrachte Extrawürste abgewürgt.

„Bei uns bestellt man die Gerichte so, wie sie auf der Karte stehen.“

Das schrieb die sozialistische Tischordnung vor, sie musste mit Humor genommen werden.

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