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29.10.2018, Jamal Tuschick

Eine Tasse voller Luft

Tonträger werden konfisziert, Frisierorgien geahndet. Das Kind Luna wähnt sich zwar in der Obhut ihrer ausufernden, in wechselnden Besetzungen zusammenkommenden, ständig wachsenden Familie bestens aufgehoben. Die eigenen Interessen gegen ein Heer interventionistischer Erwachsener durchzusetzen, bleibt als Notwendigkeit gleichwohl abenteuerlich anstrengend.

Luna Al-Mousli, Eine Träne. Ein Lächeln. Meine Kindheit in Damaskus. Arab./Dt. weissbooks.w., 38,-

Und doch. Luna Al-Mousli schildert eine Gemeinschaft, in der alle mitgenommen werden. Man ist nie zu jung oder zu alt für eine Beteiligung am Großen und Ganzen des Familienlebens. Unterliegt man einem Kaffeeverbot, trinkt man eben die heiße Luft aus der leeren Tasse - eine Tasse voller Luft. Die Verteilung von exotischen, das heißt westlichen Süßigkeiten, erfolgt unter gerechtigkeitsfanatischen Beobachtungen.

Erwachsene Eingriffe dienen mitunter nur der Profilierung. Tante Amal zum Beispiel zensiert leidenschaftlich gern die Lyrik von Eminem. Sie löscht Wörter, die Kinder halten die Leerstellen für Kunstpausen. Den Wunsch, Kinder von erwachsenen Gepflogenheiten abzuschirmen, entlarvt Luna ohne Weiteres als bigott. Ihr Al-Mousli-Familienbetrieb hat etwas von einem Hochhausbau in Rekordzeit. Im Keller der Ereignisse finden Begutachtungen der Anwärter statt. Oft fällt die Schlüssellochkritik vernichtend aus. Doch besteht kein revolutionärer Einwand gegen die Modalitäten arrangierter Ehen, die sich unverzüglich als fruchtbare Verbindungen beweisen müssen. Bei der Abweisung ungeeigneter Bewerber ist aber Phantasie erlaubt.

Die mit der Autorin identische Erzählerin schnurrt so vor sich hin. Schauplatz (von erinnertem Glück) illuminierter Szenen ist Damaskus im Frieden. Die Drohungen einer bösen Zukunft erscheinen an einem erahnten Horizont durchaus nicht in der Flammenschrift des Menetekels. Luna Al-Mousli kam 2004 als Vierzehnjährige nach Österreich. Die syrische Revolution begann 2011. Assad hat über sieben Millionen Bürger*innen Syriens ins Exil getrieben, Luna Al-Mouslis Familie liefert der Zerstreuung Personal. Es wird in Damaskus keine Zusammenkünfte der Großfamilie mehr geben. Diese Tatsache liegt wie ein Schatten auf dem Text. 

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