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29.10.2018, Jamal Tuschick

Christa Ritter erzählt im Mainlabor

Irgendwie grenzenlos

Es gab mal eine kurze, verrückte Zeit, da traute ich mir alles zu. Angstfrei, irgendwie grenzenlos. Es war in den Sechzigern. Kurz danach fiel ich zurück: Fühlte mich minderwertig, zutiefst verquer. In dieses alte Leben: nein! Ich sah mich frauenbewegt und an meiner Misere waren natürlich die Männer schuld.

Vielleicht beeinflusste mich die Nazi-Vergangenheit, vielleicht die bleiernen Fünfziger: Die Fähigkeit zur romantischen Liebe hatte ich nie parat. Bindungsversuche scheitern. Nach kurzem Aufbruch: Der Hass auf alles und jeden begann mich zu quälen, nach außen Lächeln, ein falsches. Versteckte Depression. Ich traf einen Mann, der anders war, unabhängig. Also dockte ich bei ihm und seinen radikalen Sucherinnen an. Wir rissen uns in dramatischen Encounter so etwas wie klebrige Fetzen misslungener Verkleidungen des alten Eva-Komplexes vom Leib und hatten sie doch am nächsten Tag schon wieder an. Seit Anfang immer wieder, immer besser. Ich war erschüttert: Die Macht als Verkleidete, als behauptetes Opfer, war riesig. Ein penetrantes Muster: Ich will geliebt werden, ohne mich selbst zu lieben, vom Mann, von der Welt. Was für ein Horror! Und doch tat sich etwas. Risse, Bröckeln? Ich würde nicht aufgeben. Was will die Frau, was will ich?

Zum großen Ganzen aller inzwischen bewegter Frauen: Ein Narrativ wäre gut, das uns die Opfermaske als Wertlose wegreißt. Uns endlich zur Täterin befreit. Denn seit jenem Aufbruch scheitern, uns kaum bewusst, beide Geschlechter zur Freiheit, zu mehr Menschsein. Zuerst formten die Männer das Internet zu neuer Heimat. Wir Frauen folgen : Die treue Eva, die Shopping Queen, auch sie kündigt dieser bürgerlichen Matrix? Was will die Frau? Ablegen der alten Verkleidung, auch durch #metoo? Angst vor Kontrollverlust, nicht mehr Geliebtzuwerden, diesem Nacktsein, einem vermuteten Nichts. Lieber würde ich sterben! Jammert es auch immer wieder in mir. Ja, Sterben als impotente Eva, genau darum geht es, schrie es iauch täglich in unserem Labor. Das bessere Narrativ mit mehr Realität könnte also lauten: Ursprünglich waren die Frauen an der Macht. Vor tausenden Jahren: Mutter, Mater, Gebärende. Aber ihr geistiger Funke drängte dann die Männer: Verlasst unser Nest, erobert die Welt, wir stützen euch. Im anschließenden Patriarchat stützten sie ihre Männer vom Nest aus, wurden für ihre Helden neben der Mutterrolle neu fruchtbar, letztlich als inspirierende Musen unserer wachsenden Kultur des Abendlandes. Keine Opfer, sondern heimliche Lenker, verdeckt kreativ aber eben vom Schlafzimmer aus sehr mächtig. Irgendwann wurde die Schattenarbeit langweilig. Den Evas reichte die Verkleidung nicht mehr. Ihre Rebellion begann. Das Problem: Eva hatte mit ständigem Blick auf den tätigen Adam vergessen, dass sie es ist, die hinter ihm zuverlässig am Steuer lenkt. Sogar sein Auftraggeber ist. Und die Täter lieferten, sie liefern inzwischen gekündigt in ihrem Auftrag. Wunderbare Männer, treue Diener, Entwickler des Internets!

Kann es daher sein, dass ich keine Angst haben muss? Nicht vor einer Macht des Mannes, nicht vor meiner Nacktheit, diesem vermeintlichen Nichts? Ich könnte den Opferblick senken, mir die Augen wischen, eine klare Brille aufsetzen und frohgemut das machen, wonach mir heute der Sinn steht. Will ich das, will das die Frau? Selbstverantwortung?

Bisher beschuldigen Feministinnen in der Öffentlichkeit , stellen sich selbst keine Frage: #metoo. Der Mann sei schuld, ihr Credo. Sind die schweigenden Frauen, diese Mehrheit schon weiter? Auch ich bin meine Schwergeburt. Aber der Weg fühlt sich zunehmend besser an, ein wenig. Als ich mit dem Labor oder Harem anfing, schien ich genau zu wissen: Ich will den Geist, einen menschlichen Geist sogar für mich als Frau. Für diesen Weg ins Unbekannte müsste ich mir einen Gefährten suchen, möglichst auch Gefährtinnen. Menschen, die denselben Weg verfolgen wollen. Die fand ich und damit begann das Schwierigste in meinem Leben. Inzwischen gibt es das Internet. Ich vermute, weil es nicht nur ein kleines Labor ist, weil es die Welt zur Community vernetzt, wird es den Weg von allen auch beschleunigen. Zu mehr Kommunikation, durch das Haten und Kotzen hindurch, diese hässlichen Restbestände alter Verkleidungen, immer weiter, alles Übungen, bis wir nackt sind, alle. Und damit Menschen? Das will auch die Frau?

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