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29.10.2018, Jamal Tuschick

Bis dahin ist „Der Affront“ die Geschichte einer Eskalation in einem christlichen Viertel von Beirut. Danach verwandelt sich der Film in ein Gerichtsdrama. Ein Vater und seine Tochter begegnen sich elegant konfrontativ und elaboriert kompetitiv. Die Tochter verteidigt Yasser. Sie tritt gegen einen Connoisseur mit Killercharme auf. Camille Salamé spielt einen levantinischen Grandseigneur, der Babylon mit dem Mondflug in Einklang bringt. Ihm scheint niemand gewachsen.

Die Toten von Damur

Eingebetteter Medieninhalt

Nein, er ist nicht einfach nur genervt vom Dreck & Lärm im Zuge politisch motivierter, an den Bedürfnissen der Bevölkerung vorbeigehender Baumaßnahmen vor seiner Haustür. Toni, ein Mechaniker mit eigener Werkstatt, hat gewichtigere Gründe, um dem Bauleiter einen schönen Gruß von seiner Verachtung auszurichten. Die Verachtung deckt einen Schmerz ab. Am Ende, wenn alle einen zu hohen Preis für alle möglichen Einsichten gezahlt haben werden, heißt es lapidar:

„Kein Mensch hat ein Monopol auf Leid.“

„Der Affront“, Belgien/Frankreich/Libanon/USA/Zypern 2017 Regie: Ziad Doueiri. Mit Adel Karam, Kamel El Basha, Camille Salamé, Diamand Bou Abboud Yasser.

Vorderhand geht es um eine Beleidigung. Der Bauleiter nennt Toni einen „Scheißkerl“. Weil ist egal. Toni lebt in einer robusten Welt. Es wird nicht lange gefackelt und nach Worten gesucht. Aber, und das ist der Dreh- und Angelpunkt der zusammengeschusterten Halbkomödie, Bauleiter Yasser ist Palästinenser, ein von den Machtverhältnissen im Dauereinsatz degradierter Ingenieur; zerrissen von Ungerechtigkeiten. Das Schlechte der Welt ballt sich in seiner Biografie.

Doch für Toni gehört Yasser zu den Mördern seiner Angehörigen. Der Film bezieht sich auf historische Ereignisse. Toni stammt aus dem Badeort Damur an der Beiruter Peripherie. Im Verlauf des libanesischen Bürgerkrieges fand da am 9. Januar 1976 ein Massaker an der christlichen Dorfgemeinschaft statt. Das Verbrechen wird mit der PLO in Verbindung gebracht.

Toni will sich von so einem nicht Scheißkerl nennen lassen. Er verlangt eine Entschuldigung. Er denkt, das ist billig. Das ist gar nichts. Aber Yasser sprengt die Vorstellung, sich als Mitglied einer geschlagenen Minderheit noch tiefer zu bücken.

Kamel El Basha spielt den Palästinenser. Er zeigt ihn als Produkt der Lager, furchtbar angespannt im inneren Widerstreit.

Yasser ist ein Mann, der sich stets im Recht wähnt und sich zugleich einer ungerechten Behandlung ausgesetzt sieht. Er hält sich für geduldig und nachgiebig. Ab und zu explodiert er, sonst funktioniert er. Das beschreibt eine deformierte Persönlichkeit.

Adel Karam spielt den Antagonisten mit dem Heimvorteil. Er war zu jung, um als christlicher Milizionär im libanesischen Bürgerkrieg zum Täter zu werden. Er zählt sich zu den Opfern von Flüchtlingen, die in seinem Land marodier(t)en. Seine Werkstatt floriert, seine Frau macht das Büro. Sie ist hochschwanger. Bei einem letzten Versuch, die Sache außergerichtlich zu regeln, verliert er die Nerven, bevor Yasser die Nerven verliert und sich mit einer Körperverletzung entblösst.

Bis dahin ist „Der Affront“ die Geschichte einer Eskalation in einem christlichen Viertel von Beirut. Danach verwandelt sich der Film in ein Gerichtsdrama. Ein Vater und seine Tochter begegnen sich elegant konfrontativ und elaboriert kompetitiv. Die Tochter verteidigt Yasser. Sie tritt gegen einen Connoisseur mit Killercharme auf. Camille Salamé spielt einen levantinischen Grandseigneur, der Babylon mit dem Mondflug in Einklang bringt. Ihm scheint niemand gewachsen.

In den Schlagabtauschszenen wird der Film zur Burleske. Yasser und Toni verlieren ihre Kaliber an den Maître und die zukünftige Chefin einer Spitzenkanzlei. Der dramaturgische Bruch ist leichter zu verkraften als die süffige Erzählmanier des mit Volksaufstandchichi gepimpten Rests. Salamés Orientexpress-Ausstrahlung zerstört außerdem den realistischen Aufbau des Anfangs, der in seinen besten Momenten an Kleists „Michael Kohlhaas“ erinnert.

Natürlich fragt man sich, ob es sich für Toni gelohnt hat, wegen einmal Scheißkerl ein Riesenfass aufgemacht zu haben? Ob Yasser als nachgebender Underdog nicht besser gefahren wäre? Dann sieht man wieder Toni nachts in einer Bananenplantage vor Damur – ein Kind auf der Flucht vor irregulären Truppen. Es schleppt einen Verletzten. In seinem Rücken fallen Schüsse. Man sieht Yasser in der ungeheuren Tristesse eines Flüchtlingslagers … und plötzlich begreift man, dass der „Affront“ nicht die Novelle vom Flügelschlag eines Schmetterlings in Indien, der vor der japanischen Küste einen Tsunami ankommen lässt, nacherzählt, sondern von einem Tsunami erzählt, der sich in einem Faustschlag verniedlicht.

Yasser sagt das: „Ich habe dich doch kaum berührt.“ – Wie viel Schmerz konnte ich dir schon zufügen in Anbetracht der Ungerechtigkeiten, die ich und meine Leute erleiden mussten. Toni antwortet als Advokat seiner Toten: Wie viel Ärger konnte ich dir schon bereiten in Anbetracht der Massakrierten von Damur.

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