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31.10.2018, Jamal Tuschick

Eine Geschichte der Gastarbeit in Osthessen XI. Folge

Das Design des Fußschweißes

Bodrozic, Kupferberg, Rabinyan im Konferenzraum bei einem Vorgespräch

Der auf einem osthessischen Knick in einer Enge zwischen Thüringen und Franken ansässige Unternehmer Amiran Vanilisi beschäftigt fast ausschließlich Migranten in seiner Fabrik für Schuhbodenteile – genannt der Kasten. Seine Vorfahren flohen von einem Ufer zum anderen aus Georgien in die Türkei und bildeten da die nicht anerkannte Minderheit der Lasen. Das sind in der Mehrzahl sunnitische Muslime, vereinzelt auch orthodoxe Christen. Die kulturellen Trennlinien verlaufen umgekehrt proportional zu den Demarkationen zwischen den christlichen und den muslimischen Armeniern (Hemşinli), die sich in den gleichen Gebieten ausdifferenziert haben. Amirans Vorfahren stammen bis zur Generation seiner Eltern ausnahmslos aus der Provinz Düzce. Obwohl sie mit keiner markanten Ethnie auf dem Staatsgebiet der Türkei verwandt sind, nimmt man sie als Türken wahr.

Die Geschichte der Gastarbeit muss noch geschrieben werden

Neuen Kunden stelle ich den Kasten „als verlängerte Werkbank des orthopädischen Schuhmachers“ vor. Ich spreche von einer „Rückkehr zur Manufaktur“. Wir haben uns so weit von den Anmutungen des klassischen Gesundheitsschuhs und den Assoziationen in seinem Umfeld entfernt, dass unsere Anteile am Produkt wie Sportartikel vermarktet werden können.

Unser Portfolio ist sexy. Getestet, präsentiert und repräsentiert von Osthessens erfolgreichsten Triathleten. Sie bilden eine Leistungsgemeinschaft, die zu dem Bild passt, dass in Zukunft mehr noch als heute Mainschuh als Edelmarke zeigen soll. Ihre Energie ist mir im Betrieb willkommen. Sie organisieren sich als Halbprofis und machen jede Gaudi mit, um im Gespräch zu bleiben. Sie sind Stars des Speckstein Kalenders, in dem Leute wie du und ich sich halbnackt zeigen. Kein Fest im Landkreis findet ohne meine Sportler statt.

Ich habe mich auch schon für den Kalender ausgezogen. Wer weiß, wie lange ich noch so sichtbar gut in Form bin. Meine urdeutschen Konkurrenten sind körperlich bequemer als ich ohne Ausnahme. Sie verbringen viel mehr Zeit in Bars und suchen Bestätigung für viel Geld. Das sind alles Fremdgänger.   

Ich kann mir nicht vorstellen, dass mein Vater je fremdgegangen ist. Er hat Abschlüsse in einem Kreis Abhängiger gefeiert. Er kam herum auf Geschäftsreisen. Er hatte einen Riecher für Gelegenheiten und als es soweit war, konnte er sogar loslassen. Das bedeutete, mich machen zu lassen. Gewiss hätte ich in jugendlichem Ungestüm meine nachhinkenden Geschwister vor den Kopf gestoßen: ohne die väterlichen Lektionen. Vater lehrte mich, den Wert des Burgfriedens zu erkennen. Meine Schwester Lika (und ihr Mann Sasa) und mein Bruder Levan (und seine Frau Nina) sind anspruchsvolle Nutznießer (Parasiten) unternehmerischer Weitsicht in der dritten Generation.

Sobald ihm klargeworden war, wie ernst ich meine Juniorchefrolle nahm, half Vater, wo er konnte. Er überraschte mich mit einem Coup. Bei unserer Hausbank machte er einen Millionenkredit locker, angeblich für einen Neubau, den ich überdimensioniert fand.

„Du wirst jeden Zentimeter brauchen“, sah Vater voraus.

Er behielt Recht. Mit dem Geld schoben wir eine neue Produktion an und setzten noch eine Halle auf den Hof, deren vollständige Ausnutzung sich im nächsten Schritt ergab. Mein Engagement wendete eine Pleite ab. 

Ich habe gestern gesagt, dass mein Vater zweimal kurz vor der Pleite stand, dann aber nur das letzte fast finale Desaster beschrieben. Anfang der Neunziger wurde die europäische Schuhindustrie zum Schauplatz eines Massensterbens. Vater erlebte einen Markt in Agonie. Seine Partner in Osteuropa gingen reihenweise in die Insolvenz. Die planwirtschaftliche Vollbeschäftigung funktionierte von jetzt auf gleich nicht mehr. So endete eine Erfolgsgeschichte. Vater hatte in den Achtzigerjahren in Düsseldorf den ersten Vertrag mit einem polnischen Staatsbetrieb abgeschlossen. Von da an belieferten wir einen Betrieb in der Oberschlesischen Industrieregion (polnisch Górnośląski Okręg Przemysłowy) mit thermoplastischem Kautschuk, der dem Kriegswaffenkontrollgesetz unterworfen war. Die Sache war so heikel, dass Ausschuss versiegelt zurück in den Westen geschafft werden musste. Unser Partnerbetrieb hatte die Ausmaße einer Stadt. Seine Versorgungszentren wurden während der Arbeitszeiten genutzt, bis 1992 sechsunddreißigtausend auf einen Schlag entlassen wurden. In den frühen Neunzigerjahren liquidiert der Ostblock eine Industrie, die in erster Linie der Devisenbeschaffung gedient hatte.

Zum ersten Mal an der Pleite schrammte Vater vorbei, als keiner mehr Plateauabsätze wollte. Der Vorgänger meines Großvaters hatte in den 1950er Jahren mit Holzabsätzen angefangen und wäre vielleicht an den Plateauabsätzen zugrunde gegangen, hätte er nicht kurz vor Waterloo an Großvater übergeben. Dazu später mehr.

Absätze lieferten Jahrzehnte die Geschäftsgrundlage, nun ging nichts mehr auf der Absatzschiene. Vater sattelte um auf Einlagen, er hatte die Idee, auch Einlagen ließen sich ästhetisch ansprechend besser verkaufen als im Design des Fußschweißes. Da war er gut, der Leidenskasper, der ganz ohne Mitleid auskommen musste, weil es Mitleid sowenig gab wie türkisches Gebäck in einer deutschen Bäckerei um 1970.

Vielleicht war er seiner Zeit voraus.

Ich war zwölf, ein Nachmittagsgewitter löste Spannungen und gab dem Garten, den in Schuss zu halten für mich eine samstäglich wiederkehrende Strafarbeit war, ein ursprüngliches Gepräge. Das Wetter triumphierte über alle Kleinlichkeit und ich sah meine Zukunft als Terminator der Schuhbodenindustrie mit einer perfekten Frau in einem paradiesischen Alltag. In der Vision war ich dreißig und hatte nach fünf Jahren Ehe vier Kinder.

Ich fing an zu sparen, gewann einen gründlichen, etwas schrulligen Sparkassenangestellten als Finanzberater. Bald war ich fit in Anlagefragen. Ich begnügte mich mit der Mittleren Reife und lernte Verfahrensmechaniker für Kunststofftechnik. Kunststoffformgeber sagt man heute. Die Lehre war für mich ein langer Urlaub. Im Jahr der Gesellenprüfung baute ich mir mein eigenes Reich im Kasten, ziemlich genauso wie ich es als Zwölfjähriger gesehen hatte.

Ein paar Jahre bewegte ich mich selbständig und manchmal mühsam auf meine Ziele zu, bis ich in den Bann einer wunderbaren Kraft geriet und ohne eigenen Aufwand weiterkam. Wie auf Eis und Kufen glitt ich über meine Ideallinie. Die Vision wurde zu einer sich selbst beinah vollständig erfüllenden Prophezeiung. Alle Voraussagen erfüllten sich mit geringen Abweichungen. Das Große und Ganze des Gelingens ist unbestreitbar.

Zu Großvaters einzigem Waterloo. 1974 gewann Abba in Brighton den Eurovision Song Contest mit „Waterloo“. Alle Bandmitglieder trugen Stiefel mit Plateauabsätzen. Bis dahin konnten Bleistiftabsätze gar nicht dünn genug sein. Deshalb war eine ganze Industrie mit der Stabilisierung möglichst dünner Absätze beschäftigt gewesen. Im Kasten wurden Spannhülsen produziert. Die brauchte nach dem Sieg von Abba kein Mensch mehr. Von einem Tag auf den anderen war alles vorbei, was vorher zwanzig Jahre lang Geld gebracht hatte.

Du hast dir vielleicht den Mist im Fernseher angeguckt und am nächsten Tag erfährst du von deiner Arbeitslosigkeit in nächster Zukunft. Das ist Produktionshelfern passiert. Der alte Schlosser, der 1952 in einer Halle auf einer Wiese vor Finkenherd die Maschinen angeworfen hatte, stand nur noch beratend zur Verfügung. Nur, dass Großvater sich nicht beraten lassen wollte. Er startete seine Cheflaufbahn unter katastrophalen Bedingungen. Als kulturell Abgehängter und seelisch Unbeteiligter im Deutsch-Europäischen Vergnügungspark fehlte ihm die Fähigkeit, Entwicklungen vorauszusehen. Er sondierte das Sortiment der Schuhgeschäfte in Fulda und Kassel, um festzustellen, dass die hässlichen Sohlenblöcke alles andere verdrängt hatten. Darauf stellte er den Kasten um und als er wieder Arbeiter brauchte, griff er nicht auf jene zurück, die die zu regulären Arbeitern aufgestiegenen Finkenherder Tagelöhner verdrängt hatten, sondern fischte aus der nächsten Migrantenwelle Vietnamesen und die ersten Spätaussiedler, deren Nachkommen heute den Belegschaftsstamm bilden. Großvaters Phantasie gehörte einem hungernden und frierenden Kind. Er suchte praktische Lösungen 

Morgen mehr.  

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