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21.11.2018, Jamal Tuschick

Aus Zahlen werden Menschen - von Kristin Helberg

Kristin Helberg

Sie ist die deutsche Journalistin, die sich wahrscheinlich am besten auskennt mit Syrien. Sie nennt das Land ein „Massengrab der Menschlichkeit“. Seit Jahren versucht Kristin Helberg, Licht ins Dunkel des Krieges zu bringen, bei dem viele es längst aufgegeben haben, ihn verstehen zu wollen.

Der Beitrag erschien zuerst hier. Er gehört zu dem von Kristina Milz und Anja Tuckermann herausgegebenen Band Todesursache: Flucht

Kristin Helberg lebte sieben Jahre in Damaskus und war dort lange die einzige offiziell akkreditierte westliche Korrespondentin. Als freie Journalistin arbeitet sie insbesondere für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Sie hat in den vergangenen Jahren mehrere Bücher über Syrien geschrieben, zuletzt erschien von ihr „Der Syrien-Krieg. Lösung eines Weltkonflikts“. Kristin Helberg erörtert in diesem Buch Voraussetzungen für eine langfristige Befriedung des Landes. Warum sie unser Buchprojekt unterstützt, hat sie uns geschrieben:

35.000 Tote in 25 Jahren? Naja, klingt gar nicht so schlimm. Anderswo sterben die Menschen schneller – in Syrien etwa. Trotzdem sind es, statistisch betrachtet, vier Menschen, die seit einem Vierteljahrhundert jeden Tag auf der Flucht nach Europa umkommen. Weil sie vor Krieg, Gewalt oder Hunger fliehen, verfolgt sind, oder weil sie von einem besseren Leben träumen. Das sind freilich nur die registrierten Toten, wer unbemerkt stirbt, hinterlässt keine Spur, nur eine Lücke. „Wir können nicht die ganze Welt aufnehmen“ – schon klar. Aktuell sind es nicht mal vier Prozent der weltweit Geflüchteten, die nach Europa gelangen. 2,6 Millionen von 68,5 Millionen.

Doch genug der Zahlen. Es geht inzwischen nicht mehr nur darum, Menschen zu retten, sondern unsere Menschlichkeit, die Fähigkeit zur Empathie. Und dafür müssen wir aus Zahlen wieder Menschen machen, die Ziffern durch Schicksale ersetzen. Die Idee, die Namen möglichst vieler auf der Flucht Gestorbener aufzuschreiben und die Geschichten Einzelner zu erzählen, ist deshalb so wichtig.

Noch wichtiger wäre die Lösung der Krise im Mittelmeer, die längst auf den Tischen europäischer Entscheidungsträger liegt: eine schnelle, aber rechtsstaatliche Bearbeitung von Asylanträgen, eine zügige Rückführung von Geflüchteten, denen kein Schutz gewährt wird, und legale Wege der Einwanderung.

Abschottung und Abschreckung bringen nicht weniger Flüchtende, sondern mehr Tote, bessere Geschäfte für die Schlepper und eine Entmenschlichung der Debatte. Statt Rückführungszentren einzurichten, Mauern hochzuziehen und private Seenotretter zu kriminalisieren, sollten wir Kontrolle zurückgewinnen. Wie? Indem wir Migration aktiv gestalten statt sie passiv abzuwehren. Es ist höchste Zeit. Die Grundlagen unseres Zusammenlebens stehen auf dem Spiel – jene Werte, für die Europa so viel Blut vergossen und so lange mit sich gerungen hat: Freiheit, Toleranz, gleiche Rechte für alle. Retten wir sie, indem wir genau hinschauen, damit aus den Zahlen wieder Menschen werden. Dieses Buch wird uns dabei helfen.

 

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