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28.11.2018, Jamal Tuschick

Janet Uyar erinnert sich

Turşu mu kuracaksin?

Janet Uyar - Eine in Deutschland lebende, christliche Syrerin mit türkischem Pass. Oder: Eine Türkin mit christlich-arabischen Wurzeln, zuhause in Deutschland. 

Alles war so schnell gegangen. Tante Dahiba, eine Großcousine meines Vaters, die in Frankfurt am Main lebte, stellte im Herbst 1979 den Kontakt her. An einem Sonntagmorgen rief sie meine Mutter an. „Ich habe einen Mann für deine Tochter“, schrie sie aufgeregt in den Hörer, noch bevor beide die üblichen Höflichkeiten austauschen konnten.

„So eilig habe ich es nicht, meine Tochter zu verheiraten.“

Mutter versuchte, neutral zu klingen.

„Sie ist gerade erst achtzehn geworden!“

„Ja eben, du weißt, was die Leute reden, wenn du sie zu spät verheiratest!“

Mutter wusste das genau.

„Turşu mu kuracaksin?“, fragt man höhnisch, das bedeutet, willst du eingelegtes Essiggemüse aus ihr machen? 

Meine Mutter kommt aus Yayladağ. Das ist ein türkisches Dorf an der syrischen Grenze. Da existiert eine arabisch-christliche Gemeinschaft, von der Kreisverwaltung schlicht „Die Christen in den Olivenhainen“ genannt. Das ist auch eine Anschrift. Sie kann gefährlich sein. 

Die Christen in den Hainen sind Griechisch-Orthodox. Griechisch-Orthodoxe werden Rum-Orthodox genannt. Rum ist ein griechisches Lehnwort, rhomaios - römisch.

Bis zur Einschulung sprechen fast alle Kinder in Yayladağ arabisch, erst in der Schule lernen sie türkisch.


„Kennst du seine Eltern?“, fragte Mutter um Fassung ringend.

„Ja, natürlich, es ist die Familie Zili. Er heißt Daniel. Seine Familie ist christlich und kommt auch aus Yayladağ. Sie haben sich ruiniert, um den Jungen nach Deutschland reisen lassen zu können. Der Anwalt sagt, Daniel kann nur bleiben, wenn er heiratet.“

„Und meine Tochter soll ihm dabei behilflich sein?“   

„Ja, meine Tochter ist noch zu jung, um zu heiraten, sie ist erst siebzehn“, antwortete Tante Dahiba wie zu ihrer Verteidigung.

Mutter überlegte. Seit kurzem machte sie sich Sorgen um mich. Ich glaube, sie hatte Angst, dass ich mich wieder mit Kerim, einem muslimischen Jungen treffen könnte, wenn sie mich nicht bald verheiratete.

„Ja, was ist denn jetzt? Seine Familie will nächste Woche kommen!“

Tante Dahiba drängte. Jeden ersten Sonntag im Monat rief sie an. Das Gespräch dauerte selten länger als eine Minute und lief im Telegrammstil ab: „Merhaba, Cousine Amira, wie geht es dir? Wie geht es deinen Kindern? Mir geht es gut, meinen Kindern auch. Hast du etwas aus der Heimat gehört?“ Diese Frage durfte auf keinen Fall fehlen und falls es etwas Neues gab, ging das Blitzgespräch in die Verlängerung. 

Morgen mehr.

 

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