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29.11.2018, Jamal Tuschick

Ein Märchen aus ألف ليلة وليلة

Der Fluch

Als dem Kalifen Harun al-Raschid, dem Diener Gottes, sein erster Sohn, Hassan Abdallah, geboren wurde, bekam auch sein treuer Freund, der Wesir Hamdan Ali, einen Sohn, den er Muhannad, das Schwert, nannte. Der Name sollte ihm Mut und Kraft verleihen, es seinem Vater gleichzutun und die Feinde des Kalifen zu vernichten. Im ganzen Reich war die Freude groß. Nur die Rebellen im Norden, die mehr als einmal das Schwert des Abu-Muhannad zu spüren bekommen hatten, belegten die neugeborenen Kinder mit einem Fluch, der schrecklicher war als alles, was ihr verfluchter Landstrich jemals hervorgebracht hatte. Und so lautete der Fluch: ‚Am achtzehnten Geburtstag der beiden Söhne wird Muhannad ein Messer nehmen und es dem Kronprinzen, dem Liebling des Volkes, ins Herz stoßen!‛ Außer den beiden Vätern erfuhr niemand von dem Fluch, der am zwölften Geburtstag der Knaben, anlässlich ihrer Beschneidung, in einer versiegelten Rolle überreicht wurde. Die Beschneidung wurde mit einem Fest gefeiert, wie Bagdad es seit Menschengedenken nicht gesehen hatte. Inmitten der Feststimmungzogen sich Harun al-Raschid und Hamdan Ali schweren Herzens in den Ratssaal zurück und beratschlagten, wie man den Fluch der Entehrer des Namens Gottes und der Menschen abwenden könnte.

‚Verflucht seien die Götzenanbeter, die nur darauf sinnen, den rechtgläubigen Frommen Unheil zu bringen‛, sagte der Kalif mit einem tiefen Seufzer. Sein Wesir erwiderte: ‚Lass dich nicht betrüben, Nachfolger des Propheten Ali auf Erden! Die Ketzer haben uns keinen Fluch gesandt, sondern Sorge und Kummer, damit wir uns sechs Jahre lang den Kopf zerbrechen, wie wir ihre bösen Absichten vereiteln können. Doch in Wirklichkeit haben sie uns in ihrer Blindheit kostbare Zeit geschenkt, in der wir das Verhängnis abwenden können! Dein Sohn Hassan ist klüger und besonnener als alle Männer im Reich und hat goldene Hände, um jedes Handwerk auszuüben. In drei Jahren ‚wenn er sein fünfzehntes Lebensjahr erreicht, schicken wir ihn mit einem Gefolge treuer Diener und einem reich beladenen Schiff ostwärts zur fernsten Insel des Orients, und wenn seine Begleiter zurückkehren, töten wir sie, damit niemand, Gott behüte, das Geheimnis seines Aufenthalts verraten kann. So wird Hassan vor allem Unheil geschützt, bis drei Jahre und ein Tag vergangen sind!‘

Der Kalif nahm den Rat des treuen Wesir mit Freuden an und spann den Plan weiter:‚Wenn sein achtzehnter Geburtstag naht, schicken wir auch deinen Sohn, Muhannad Ibn-Hamdan, mit einem vollbeladenen Schiff soweit nach Westen wie irgend möglich, und wenn dann die Ketzer ihren Fluch bekannt machen, um Angst und Verwirrung im Volk zu säen, werden unsere Söhne so weit voneinander entfernt sein, dass auch ein Zauberteppich nicht ausreicht, um tausende von Meilen zu überbrücken!‘

Und so geschah es. An seinem fünfzehnten Geburtstag wurde Hassan zu einer einsamen Insel im Osten gebracht, und als seine Begleiter zurückkamen, wurden sie enthauptet und an einem unbekannten Ort begraben. Drei Monate vor seinem und Hassans achtzehnten Geburtstag segelte Muhannad mit einem prächtigen Schiff nach Westen, in die Weite des Ozeans, zu dem Ort, wo die Erde auf vier riesigen Elefanten ruht, um ihn so weit wie möglich von seinem besten Freund zu entfernen.

Doch das Schicksal hatte es anders bestimmt. Der Fluch war grausam und schrecklich. Gewaltige Sturmwinde warfen Muhannads Schiff hin und her wie eine Nussschale und seine Gefolgsleute wurden einer nach dem anderen von den Wogen ins Meer gerissen. Der Sturm ließ nicht nach und von Tag zu Tag sank die Hoffnung der Überlebenden, bis zu dem schrecklichen Augenblick, in dem das Schiff von einem Magneten angezogen zerbrach. Die Nägel lösten sich aus den Planken, die durcheinander gewirbelt wurden wie Strohhalme. Muhannad klammerte sich an einem Brett fest und trieb die ganze Nacht auf dem Meer. Als der Sturm sich legte, sah er auf und fühlte festes Land unter den Füßen. Und zu seinem grenzenlosen Staunen stand sein geliebter Freund Hassan Ibn-Harun vor ihm!

Die Jünglinge wussten sich vor Freude über das wundersame Wiedersehen nicht zu lassen. Sie erzählten sich, was sie erlebt hatten und als sich herausstellte, dass man sie wegen des Fluchs bis ans Ende der Welt geschickt hatte, brachen sie in schallendes Gelächter aus. Warum sollte ihre innige Freundschaft am Tag ihrer Volljährigkeit enden? Wie würden ihre Eltern staunen, wenn sie einen Tag nach ihrem achtzehnten Geburtstag ihre beiden Söhne heil und gesund auf der Insel antreffen würden! Die Freunde verbrachten eine glückliche Zeit zusammen. Am Tag vor dem Geburtstag salbten sie sich mit Öl und fasteten, um sich zu läutern und dem Schöpfer für seine Gnade zu danken.

Am Morgen ihres achtzehnten Geburtstags, dem Tag, an dem das Schiff des Kalifen eintreffen sollte, schlief Hassan noch, während sein Freund ihn betrachtete und sich an seiner Schönheit labte. Muhannad wollte Hassan mit einer kühlen Wassermelone überraschen, die er für das gemeinsame Fastenbrechen bereitgelegt hatte und streckte die Hand nach dem Messer auf dem Bord über dem Schlafenden aus, um die Melone zu zerteilen. Doch das Messer entglitt ihm und traf Hassan mitten ins Herz.

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