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30.11.2018, Jamal Tuschick

Amos Mokadi - Engel in der Kuppel 7. Folge

Glücklich an der Frostgrenze

Die meisten Menschen werden von ihrer Sexualität angetrieben und wenn das Spiel für sie vorbei ist, verranzen sie, bis sie nur noch schnaufender Wanst und lebhafte Inkontinenz sind. Es gibt aber welche, bei denen ist was verrutscht oder verschoben, die haben schon mit achtzehn keine Sexphantasie. Noch viel weniger sind glücklich an der Frostgrenze, wo sie sich eingegraben haben. Du kommst noch nicht mal in ihre Nähe, weil es keinen Grund für dich gibt, da zu sein. Wärst du da, sähest du sie nicht. Issachar ist so einer, der tagelang allein sein kann und sogar seiner Aufgabe gegenüber gleichgültig bleibt. Das ist wichtig. Es darf kein Feuer in einem Einzelkämpfer brennen. Triffst du so einen am Strand in der Badehose, denkst du unwillkürlich an einen toten Fisch. Und du fragst dich, wie man nur so undankbar einem schönen Tag gegenüber sein, bei der Fresse, die der zieht.   

Issachar ist ein Enkel jenes Issachar, der holländische Stiere noch in der Mandatszeit nach Palästina geschmuggelt und ein Zuchtprogramm realisiert hat, bei dem die hebräische Kuh herausgekommen ist. Issachar wuchs in dem Kibbuz auf, dass der ersten, längst geschlossenen Zuchtstation angeschlossen wurde. Man betrachtet die Station als historische Stätte, wenigstens Spezialisten sehen sie so. Es gibt in der Nähe einen Steingarten, der sich als Treffpunkt eignet. Junge Leute kommen im Garten zusammen, versorgt mit Sicherheitsnadeln und sterilem Verbandzeug. Sie rauchen, um die Zeit totzuschlagen, dann machen sie sich (im Gemeinschaftstrott) auf dem Weg zur Busstation. Sie haben alle das gleiche Ziel. Lili spricht Issachar an, wohl wissend, dass Jonah und Ehud Zeugen der Anmache sind.  

Die Hügel und Dörfer, die an Issachar im Bus vorüber gleiten, nimmt er nicht wahr. Er schläft beinah. Er muss sich um nichts kümmern. Das Einzelzimmer, das jedem Soldaten im Urlaub zur Verfügung steht, hat er sich nicht einmal angesehen. Er hat im Freien geschlafen, in einem Felsenschnitt, der ihn genau aufnimmt und eckig rahmt. Issachar versucht sich vor der Erkenntnis zu bewahren, dass er inzwischen Angst hat vor Dingen, die sonst keinen beunruhigen so wie geschlossene Räume. Er hat auch Angst vor Menschen. Lilis Interesse nimmt er als unvermeidlich hin. So was kommt immer wieder vor und läuft stets auf das Gleiche hinaus.

Wochen später.

Sie schweigen sich Lilis verwaistem Elternhaus entgegen. Es liegt versteckt hinter einer aufgegebenen Plantage. Wie viel Arbeit und Hoffnung verloren gegangen sind. Issachar betritt einen Raum mit verschlissenen Teppichen, einem Teetisch im Kolonialstil, zwei antiken Sesseln und einem Sofa, wie man es sogar im Kibbuz nicht mehr oft sieht.  

Issachar setzt sich sprungbereit auf die Sesselkante. Lili bringt Wasser. Lächelt zitiert sie die Internationale: „Wacht auf, Verdammte dieser Erde, die stets man noch zum Hungern zwingt.“  

Issachar reagiert nicht. Da bricht es aus Lili:

„Sag mir, Issachar, wie kommt es, dass ein gesunder Junge wie du seine Sexualität so perfekt verdrängt?“

Issachar ist bestürzt. Alles hat er erwartet, nur das nicht. Er versteift sich und klammert sich lautlos an seine Überlebenssätze, die er nie braucht, wenn er allein draußen ist. 

„Was meinst du?“, fragt er, um Zeit zu schinden.

„Als ob du das nicht wüsstest. Wenn es nicht die Sexualität ist, die dich antreibt, was ist es dann?“  

„Man kann schon Sex mit mir haben. Das weißt du doch.“

„Aber es bedeutet dir so viel weniger als den anderen.“

Morgen mehr.

 

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