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07.12.2018, Jamal Tuschick

Amos Mokadi - Engel in der Kuppel - 8. Folge

Einstein im Meeresrauschen

Amos Mokadi - Engel in der Kuppel - 8. Folge

Einstein im Meeresrauschen

Was zuvor geschah.

Der Krieg verändert alles. Er macht einen anderen Menschen aus dir. Zwanzig Jahre nach dem Tod seines Vaters im Sechstagekrieg hat Jonah sein eigenes Gewalttrauma abbekommen. Seine Sandkastenfreunde und treusten Anhänger Eitan, Gadi und Usi sind entgegen eines Schwurs ohne ihn in einem Begegnungsgefecht gefallen, während Jonah auf einem Offizierslehrgang in Sicherheit war. Das zerreißt den Kriegshalbwaisen, der bei seinen deutschen Großeltern Judith (Berta) und Ascher (Erich) Pomeranz aufgewachsen ist. Den vielfach gebeutelten Kibbuzveteranen läuft der Krieg wie ein Hund hinterher. Jonahs nichtjüdisch-deutsche Mutter wurde als Minderjährige schwanger und verschwand nach Jonahs Geburt und dem Tod von Jonahs Vater sang- und klanglos. Jonahs Kindheit und Jugend vollzog sich in einem Glaskasten der lärmenden Fürsorge und Aufmerksamkeit, überstrahlt von der israelischen Sonne und überschattet von dem Stigma, nicht richtig jüdisch, aber ziemlich deutsch zu sein.

Seine Freunde erkennen in ihm aber einen wahren Sabra – Israeli. Jonah hat eine Araberin und deren Kind sterben lassen. Er steckt mit allen anderen in der ersten Intifada und erlebt den 1986 in Hebron gegründeten Aufstieg der Hamas, die die Straßenkämpfe dirigiert und den Feuereifer der palästinensischen Jugendlichen in Kriegsbahnen lenkt. Sigal, die vom Autor ohne Vorrede ins Geschehen geschickt wird, interessiert sich für den seelisch Kollabierten.

So geht es weiter.

Jonah raspelt:

„Ich habe ein seltsames Gefühl, wenn ich dir in die Augen schaue.“

„Was seltsam?“

„Die Farbe.“

„Bist du farbenblind?“

„Nein, aber ich habe bisher nicht darauf geachtet.“

„Das dachte ich mir. Deshalb habe ich beschlossen, etwas zu tun, dass du drauf achtest.“

„Beschlossen?“

„Die meisten Frauen machen das so: sie beschließen etwas und tun es dann.“

„Kann man das in Kursen lernen?“

„Idiot.“

„Sie beschließen etwas, tun es und zahlen am Ende den Preis?“

„Wie recht du hast. Ich werde auch noch für meinen Entschluss zahlen müssen. Nein, Kurse gibt es dafür nicht. Auch wenn die meisten Männer an nichts anderes denken.“

„Und Frauen nicht?“

„Auch, aber anders.“

„Dann erklär mir, wie das bei euch funktioniert.“

„Das kann man nicht erklären.“

„Dann ist es also richtig, was ich fühle.“

„Und was fühlst du?“

„Dass ich in deinen Augen versinke, wenn ich nicht aufpasse.“

„Das widerspricht den physikalischen Gesetzen.“

„Nach Einstein wirft Meeresrauschen im Mondschein diese Gesetze über den Haufen.“

Sigal streift Jonah mit einem Blick.

„Das hat er nicht gesagt.“

„Deshalb musst du es mir erklären.“

„Worüber reden wir eigentlich?“

„Weißt du das nicht?“

Sigal zögert.

„Wenn du eine Erklärung willst, musst du mir erst erklären, was du fühlst.“

„Da gibt es nichts zu erklären.“

„Siehst du? Auch bei dir ist das nicht möglich.“

Sigal schweigt kurz und dramatisch.

„Aber du kannst mir bestimmt erklären, was du dir gedacht hast, als ich dich in der Uni auf dem Gang angesprochen habe.“

„Dass es schon im Seminar angefangen hat.“

„Im Seminar hast du mich nicht angeschaut!“

„Da irrst du dich aber. Ich hatte so ein Gefühl …als ob mit dir etwas passiert könnte, dass mein Leben in Ordnung bringt.“

„So ein Leben dauert lange. Sag mal…“

„Ja?“

„Was heißt das in deinen Augen versinken?“

„Vergiss es.“

„Das sagt man nicht einfach so dahin.“

„Du kannst es auslegen, wie du willst.“

„Würdest du dich etwas klarer ausdrücken?“

„In Bezug auf was?“

„In Bezug auf alles.“

 

„Hm… Ich kann dir sagen, wie sich das alles aus meiner Sicht abgespielt hat.“

„Also los!“

„Lass mich nachdenken… Ich sitze da so ganz für mich im Hörsaal, möglichst weit hinten, und versuche diesem blassen Wicht, wie heißt er noch, Ruben Callaghan, zuzuhören, der labert und labert, weiß Gott worüber…“

„Über englische Liebesgedichte der Renaissance. Die ich übrigens wunderbar finde.“

„Aber unrealistisch, das musst du doch zugeben. Du glaubst doch nicht wirklich, dass solche philosophischen Gedichte Liebe erwecken können. „In den Augen erst gehegt, / Wird Liebeslust durch schaun gepflegt; / Stirbt das Kindchen, beigelegt / In der Wiege, die es trägt.“

Sigal lächelt und spielt mit ihren schneeweißen Zehen, die auf dem schwarzen Felsen über dem Strand leuchten.

„Ich weiß nicht“, sagt sie. „Wir sind jetzt nicht im Seminar.“

Jonah presst die Lippen zusammen.

„Wer den Krieg kennt, dem sagt das alles nichts.“

„Was hast du denn erwartet, als du den Kurs belegt hast?“

„Keine Ahnung.“

„Sicher keine schwarzäugigen Nervensägen.“

„Sagen wir mal, dass meine Pläne in dieser Richtung noch offen sind.“

„Aber was hast du dir vorgestellt? An irgendwas musst du doch gedacht haben.“

„Bestimmt nicht an das, was sich zwei Studentinnen gegenseitig in die Hefte kritzeln.“

„Rate mal, was wir geschrieben haben.“

„Ich musste mich darauf konzentrieren, jedes Mal den Kopf zu senken, wenn ihr zu mir rüber geguckt habt.“

„Und ich war sicher, dass du das gar nicht gemerkt hast.“

„In der Armee lernt man, seine Absichten vor dem Feind zu verbergen.“

„Man muss sich vor dir in Acht nehmen. Du bist gefährlich.“

„Nicht so gefährlich wie du.“

„Und ich war sicher, dass du jedes Wort mitschreibst, das Ruben sagt!“

„Ablenkungsmanöver, das ABC im Nahkampf. Und was ging dir im Kopf herum?“

„Damals oder jetzt?“

„Wir sind noch nicht beim Jetzt.“

„Rina schob mir ihr Heft rüber und zeichnete einen Pfeil, der auf dich zeigte. ‚Weißt du, wer da sitzt?‛ - ‚Wo?‛ -  ‚Nicht gucken!‛ zischte sie und zeigte mir mit einer Kopfbewegung, dass sie dich meinte. Sie krallte sich mein Heft und schrieb auf den Rand, ganz Israel wüsste, dass du Araber frisst, und als sie sah, dass ich immer noch nicht kapierte, schrieb sie: ‚Er hat die Araberin und ihr Baby sterben lassen, du kennst doch die Geschichte‛, und dann dämmerte es mir, ich guckte noch mal zu dir und verspürte den heißen Wunsch, dir zu sagen, dass es nicht deine Schuld war. Mir wurde schwindlig.“

Morgen mehr.

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