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12.12.2018, Jamal Tuschick

Mely Kiyaks „Aufstand“ funktioniert auf der Studiobühne des Maxim Gorki Theaters wie Literatur.

Leidenskapital

Mehmet Yılmaz

Berlin

Ein Mann steht im Nebel und erzählt von Tränengasattacken auf dem Taksim-Platz und im Gezi-Park. Er weiß, Wasser hilft nicht gegen Gas. Er hält Zitronen in Reserve, in Istanbul hielt er es nicht lange aus. Seine Heimat liegt am Tigris, Dicle sagt man in Diyarbakır zu einem Fluss im Zweistromland. Der Mann ist türkischer Lehrer bis halbeins und kurdischer Künstler am Nachmittag. Wären seine Urgroßeltern Armenier gewesen, würde ihn Frankreich als Künstler vielleicht feiern. Er kann sich aber nicht schick machen in der Diaspora. In Diyarbakır ist noch alles da für eine kurdische Identität.

Mehmet Yılmaz spielt den wütenden Künstler. Seine Mittel liefert ihm Repression, das ist der Witz. „Voicing Resistance“ heißt die Reihe in der Mely Kiyaks „Aufstand“ über die Bühne geht. Das Vertrauen der Autorin in die Publikumsbereitschaft, Sätze aufzufüllen mit eigener Fantasie, eigenen Erfahrungen und Farben, könnte nicht größer sein. Mitunter lässt das Bühnengeschehen den Zuschauer hängen wie in einer telefonischen Warteschleife. Dann verhakt sich der Text.

Mely Kiyak schickt Konflikte durch Filter eines an sich laborierenden Ichs. Ja, Bênav war im Gezi-Park, doch passte ihm da kein Wir. Er hätte nur bei Leuten mitmachen können, die ihn schon einmal mit einer ethnischen Begründung ausgeschlossen haben. Das wäre nicht das Richtige gewesen – mit den Falschen gemeinsam Angst zu haben. Bênav exponiert die Angst: „Du gehst raus und hast Angst.” Er fürchtet: „Rümbrüllen, das sieht doch nicht aus.”

„Bênav” ist eine Protestnote als Selbstzuschreibung - Becketts „Namenloser” auf kurdisch. In der Gegenwart des Stücks erlebt Bênav Berlin als DAAD-Stipendiat. Er identifiziert sich als Aufbegehrender auf der Couch einer Alimentation. Er bereitet eine Video-Performance vor, deren Übertragung nach Istanbul wie in der Ära der ersten Mondlandung ständig zusammenbricht. Stundenlang fängt er gleich an. Eine Kamera ist die wichtigste Requisite im Bühnenbild von Moïra Gilliéron.

Bênav hat in Berlin demonstriert, um zu sehen, „wie das in einem freien Land ist”. Er parodiert die Antifa: „Bleiberecht für alle - Um Europa keine Mauer.” Er artikuliert ein Unbehagen daran, dass solche Aufzüge so viel mediale Beachtung finden, während in Mesopotamien unter Ausschluss der Öffentlichkeit geschossen wird. Bênav referiert seinen türkisch-kurdischen Alltag. Wie er als Lehrer Schülern den Tigris einbläut. Dass jeder Tropfen schon einmal Zeuge einer anderen Zeit gewesen sei. Hydrosphäre als Kassiber einer Subversion.

Bênav: „Erinnern ist Widerstand.“ Die Macht der Täter äußert sich im Schweigen ihrer Opfer. Der Künstler führt das illustrativ aus, er malt ein Bild in die Luft. Und noch eins. Die Bilder zeigen eine Folklore des Todes.

Die Vertreibung der Kurden aus angestammten Gebieten ist das Agens dieser Produktivität. Bênavs Kunst kommt aus Flucht und Unterdrückung. Die Inszenierung von András Dömötör treibt den Künstler jedoch in die Selbstentblößung. Sie zeigt, dass Bênav einen poetischen Mehrwert aus dem kurdischen Leidenskapital zieht.

Zum Schluss erfasst die Kamera das Auditorium. Bênav mischt sich unter das Volk, das sich auf einer Leinwand spiegelt. Das Bild bleibt hängen, in der Flüchtigkeit der Erinnerung bedeutet es noch tagelang immer wieder etwas anderes.

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