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14.12.2018, Jamal Tuschick

Ramadani Arta - Die Reise zum ersten Kuss - Eine Kosovarin in Berlin

Die Autorin hat für das Mainlabor das 15. Kapitel ihres ersten Romans poliert - Und wir freuen uns, nun die Droge Arta in kleinen Dosen abgeben zu können. 2. Folge

Arta Ramadani

Die Reise zum ersten Kuss

Ich erzählte meinen Eltern beim Essen fast alles brühwarm.

Gut, dass mit dem Kuss behielt ich für mich, ich glaube Bleta

hatte recht, Eltern müssen nicht immer alles wissen. Aber alles

drum herum. Vor allem, dass ich Aurora getroffen hätte.

Sie waren auch sehr froh, dass ich endlich diese Madonna live

sah. Ich hatte sie ja über die Jahre damit genervt. Als ich über

das Konzert erzählte, strahlte meine Mutter vor Freude und mein

Vater grinste und schüttelte nur den Kopf.

Dann sagte er zu meiner Mutter: „Was dieses Mädchen sich in

den Kopf gesetzt hat, bekommt sie auch.“

„Sie ist ja auch deine Tochter“, sagte sie zu ihm.

Ich war zwar auf der einen Seite im siebten Himmel, aber auf

der anderen Seite war ich auch sehr traurig. Ich war hin und hergerissen.

Ich erzählte ihnen von Salims Verschwinden. Meine Eltern

waren besorgt um ihn, aber nicht wirklich überrascht.

„Es werden immer mehr Leute abgeschoben, auch hier im

Flüchtlingsheim. Aber er war so lange in Deutschland. Er hatte

gute Chancen, für immer hier zu bleiben. Wie konnte der arme

Junge einfach so verschwinden“, fragte Mutter.

„Hat ihn vielleicht jemand abgeholt? Hat er Verwandte hier?“,

fragte mein Vater.

„Er ist bestimmt in einer Moschee untergetaucht. Sie brauchen

junge Leute, die sie für ihr radikales Zeug gewinnen können.“

„Nein, Papa, Salim betet nur ab und zu, das macht ihn doch

noch lange nicht zu einem radikalen Moslem. Außerdem geht er

nie in die Moschee. Er mag es dort nicht“, sagte ich genervt.

„Ich hoffe, du hast recht, Era.“

„Ich wünsche ihm nur das Beste, ich mag Salim und hoffe, er

hat es gut da, wo er grad ist“, dann kullerten mir ein paar Tränen

herunter.

Bleta hatte recht, vielleicht war ich eine Prinzessin. Entweder

schwebte ich schnell davon auf der siebten Wolke, oder ich heulte

 

 

herum. Aber was soll ich machen. Die Tränen kamen nun mal

schnell bei mir.

Der Gedanke, dass Salim so alleine war, machte mich unendlich

traurig.

Meine Mutter beruhigte mich, indem sie mich umarmte und

mir sagte: „Er ist ein Überlebenskünstler, er weiß sich zu helfen,

mach dir nicht so viele Sorgen, lass ein paar Wochen vergehen

und er wird sich melden.“

Bei all den Geschehnissen waren meine Eltern gar nicht dazu

gekommen, mir die eigentlichen Neuigkeiten zu erzählen.

„Era, Fräulein. Hör mal.“ Er nickte hinter sich Richtung

Tisch, auf dem zwei Umschläge lagen.

„Eure Papiere sind gekommen, Mama und du dürft in

Deutschland bleiben. Wenn wir weiter gut Deutsch lernen, erfüllen

wir alle Voraussetzungen, sogar eine eigene Wohnung zu

bekommen. Es dauert allerdings noch ein bisschen, bis das Amt

für uns eine Wohnung findet.“

Ich fragte erstaunt: „Wow, wir bekommen dann eine Wohnung,

wie Helena und Thilara und wie die richtigen Deutschen

hier?“

„Ja, genauso sieht es aus“, sagten meine Eltern und schauten

sich an.

Dann weinte ich noch mehr. Es waren Freuden- und Trauertränen

zusammen.

„Aber Era, hör doch jetzt mal auf zu weinen, ich ertrage das

nicht mehr. Es gibt doch keinen Grund dafür.“

Ich war so durcheinander und hatte seit gestern so viele Eindrücke

gesammelt, dass ich mich ausruhen musste. Ich hörte

zwar ab und zu das Geschirr klimpern, aber ich döste friedlich.

Als ich gegen Abend aufwachte, sagte ich meinen Eltern, dass ich

zu Bleta gehen möchte.

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