MenuMENU

zurück zu Main Labor

18.12.2018, Jamal Tuschick

Sie sind Frauen und Mütter von Ermordeten. Unter dem Titel „Die Frauen von Srebrenica“ zeigt Sead Husic in seinem „Atelier Berlin“ traumatisierte Physiognomien.

Bahra Hasanovic, gesehen von Sead Husic

Husic gelingt es, dass Besondere seiner eigenen Herkunftsgeschichte in die Gegenwart zu transportieren, obwohl es kaum noch Referenzpunkte gibt.

Das Foto finden Sie hier in Gesellschaft.

Nein, das ist nicht Nada, die Tochter eines serbischen Schweinebauern, deren Name Hoffnung bedeutet und zwar die Hoffnung auf einen Sohn, der den väterlichen Hof übernehmen wird. Nada bekommt keinen Bruder, und deshalb gilt ihre Mutter als unfruchtbar. Die Mutter kann nur Mädchen gebären, das bedeutet nichts – nada in der Schweinebauernwelt, die Sead Husic in seinem Roman „Gegen die Träume“ mit hinterhältiger Präzision schildert. Seine Erzählmanier ist voller Widerhaken. Sie setzt sich fest.

Husic beschreibt das Interieur der Gastarbeit zu einer Zeit, als sich die beiden staatstragenden Helmuts, familiennamentlich Kohl & Schmidt, in einem Punkt einig sind: dass Deutschland nicht taugt zum Einwanderungsland. Doch die Gastarbeiter*innen haben längst ihre Familien nachgeholt und Tatsachen geschaffen. Sie produzieren für den eigenen Bedarf Lebensmittel nach ihrem Geschmack, die von Deutschen noch nicht als Spezialitäten wahrgenommen werden. Sie übernehmen Vereinsheime und machen daraus landsmannschaftlich homogene Treffpunkte. Sie vermitteln Verwandten Jobs und Wohnungen in Deutschland. So kurbeln sie eine ethnisch definierte Migration an.

Nada wirkt in diesem Kontext als Logistikerin. Sie checkt, was geht. Strategisch betrügt sie ihren einfältigen Mann Sava mit dem umtriebigen Hotelchef Bernd Busch. Einmal erklärt sie der Bosnierin Mersija: Ehe ist das Instrument der Männer, Frauen zu kontrollieren. Mich wird niemand kontrollieren.“

Nada führt aus:

„Die Deutschen haben sechs Millionen Juden ermordet, sie sind über die halbe Welt hergefallen … Und jetzt? Sie rechtfertigen sich nicht. Sie leiden nicht. Nein, sie häufen schon wieder Reichtum an.“

Das ist ein erzählerischer Dreh- und Angelpunkt. Nada begreift zwar die deutsche Ruchlosigkeit, aber noch weiß sie nicht, wo die Tür zum Wohlstand für sie aufgeht. Sie studiert Busch, er fasziniert sie mit einer Mischung aus Jovialität, schlauer Dummheit und Skrupellosigkeit.

Nada denkt an ihre Mutter, die mit den Schweinen lachte, solange sie jung war und der man das Lachen ausgetrieben hat.

Das Gesicht der Frau auf dem Foto von Husic zeigt eine Landschaft, die es nicht gut meint mit den Verwurzelten. Ich glaube, Nadas Mutter hat so ein Gesicht vom Schicksal längst verpasst bekommen, während ihre Tochter in Traunstein noch an ihr Glück glaubt.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen