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19.12.2018, Jamal Tuschick

Die Autorin hat für das Mainlabor das 15. Kapitel ihres ersten Romans „Die Reise zum ersten Kuss – Eine Kosovarin in Kreuzberg“ poliert - Wir freuen uns, nun die Droge Arta in kleinen Dosen abgeben zu können. Letzte Folge

Von links: Karosh Taha, Jamal Tuschick, Arta Ramadani

Die Reise zum ersten Kuss endet in Kreuzberg.

Ich schwänzte zweimal den Nachhilfeunterricht. Ich hatte

Schiss, ich wusste nicht, wie ich ihm begegnen sollte. Immerhin

war ich diejenige, die ihn geküsst hatte. Er wiederum hatte nichts

von mir; keine Telefonnummer, keine Adresse, er konnte mich

gar nicht finden, selbst wenn er wollte.

Mit meinen Eltern wollte ich gar nicht über den Kuss reden.

Sie würden mir bestimmt tausend Vorträge halten. Wie ich mich

schützen soll, nicht schwanger werden soll, bla.

Und jetzt? Thilara war stinkig auf mich, obwohl ich ihr nichts

getan hatte. Außerdem hatte Thilara noch gar keinen Jungen geküsst,

so konnte ich mit ihr nicht darüber reden. Helena auch

nicht. Aurora war irgendwie total verändert, sie schien viel zu sehr

damit beschäftigt zu sein, ihre Beziehung zu Branko geheim zu

halten, als sich meine Geschichten anzuhören. Sie hatte genug

eigene Probleme.

So musste ich die Sache wohl oder übel erstmal für mich behalten.

Vielleicht wäre Bletas Party nächste Woche eine gute Gelegenheit,

mit ihr darüber zu reden.

Eine Woche war seit dem Konzert und Salims Verschwinden

vergangen. Meine Eltern freuten sich auf unsere Zukunft in

Deutschland. Seit der Sache mit den deutschen Papieren durch

war, schienen sie zufriedener. Oma Emine ging es nach wie vor

ganz gut, obwohl der Krieg im Kosovo noch nicht vorbei war.

Alles schien so schön und friedlich in meinem neuen Leben,

so dass ich mir so langsam wie im Märchen vorkam. Mit Thilara

hatte ich noch immer nicht gesprochen, aber ich war mir sicher,

irgendwann würde sie mit mir sprechen wollen. Sie brauchte bestimmt

Zeit zum Nachdenken.

Am Sonntag wollte ich den ganzen Tag mit meinen Eltern im

Heim verbringen. Ich kochte mit ihnen das Mittagessen, es gab

Kartoffelbrei mit Karotten und Rindergulasch.

Mein Papa scherzte: „Aus dir machen wir noch eine richtige

Hausfrau, Era.“

„Macht nix Papa, leckeres Essen kochen sollte jeder können“,

sagte ich.

Das Essen schmeckte sooo gut. Beim Mittagessen beschlossen

wir, abends einen Film zu schauen. Mein Papa hatte einen Film

für sich entdeckt. „Tatort“ hieß er. Kam jeden Sonntag am Abend,

nach den Nachrichten mit der schrecklichen blonden Frau.

Dann am Abend, als wir es uns gemütlich machten, Tee tranken,

genau ein paar Minuten vor dem Film, klopfte es an unserer

Tür. Eine Frau meinte, am Telefon im Aufenthaltsraum hätte ein

Mädchen nach mir verlangt. Ich ging runter, meine Eltern kamen

mit.

Es war Bleta mit zittriger Stimme.

„Was ist denn los? Bist du krank?“, fragte ich.

„Kannst du kommen?“, sagte sie im Ernst. „Hier ist überall

Polizei.“

„Okay, wir kommen sofort.“ Ich wusste nicht, was los war,

aber wir zogen los und waren schnell da.

Vor Bletas Haus wimmelte es nur so von Polizisten. So als wären

Bleta und ihre Familie gefährliche Terroristen, die den Bundeskanzler

umbringen wollten. Wir gingen hoch, alle weinten.

Überall lagen Sachen herum, Turnschuhe, Klamotten, Schminke,

Bettwäsche, Tassen und Teller.

Bleta rannte in meine Richtung und umarmte mich. Ein Polizist

rief: „Beeilung.“ Sie hatte nur eine kleine Tasche in der Hand.

Sie trug eine enge schwarze Hose, ein weißes langes Shirt mit der

Aufschrift „I love Berlin“, die Haare hatte sie zu einem Knoten

zusammengesteckt. Sie weinte. Ich weinte mit ihr mit.

Wir hielten uns fest, bis sie sagte: „Wir werden nach Skopje

gebracht. Sie haben uns eine halbe Stunde Zeit gegeben, alles zu

packen. Stell dir vor, eine halbe Stunde!“, dann zeigte sie mir ihre

Tasche.

Eine Zahnbürste, ihr Schminkbeutel, ein Schlafanzug, Socken,

T-Shirts zum Wechseln, CDs von Michael Jackson.

„Das hier darf ich mitnehmen. Der Rest bleibt hier. Nimmst

du ein paar Sachen mit? ...“ – ihre Gedanken flogen sonst wohin,

sie war völlig fertig.

„Du hast solches Glück, Era, dass du hierbleiben darfst. Mazedonien

ist ein fremdes Land für mich. Was soll ich da? Warum

tun sie uns das an?“

„Ich weiß nicht Bleta, ich weiß es nicht. Es tut mir sehr

leid.“

Ich hatte keine Antworten für sie, und meine Eltern natürlich

auch nicht. Sie schüttelten einfach stumm den Kopf. Ich hatte

 

nur warme Tränen, die mir die Wange herunterschossen und mir

das Gefühl gaben, an meiner Sprachlosigkeit zu ersticken.

Ich brachte nur ein, „Viel Glück, ich habe dich lieb und ich

komme dich bald besuchen“, über die Lippen. Mehr nicht. Wir

hielten uns einige Minuten fest. Sie roch wie immer nach frischen

Äpfeln. Danach wurden sie in das Polizeiauto abgeführt.

Ihre Eltern, ihre Geschwister alle wurden wie Gefangene behandelt.

Fast nichts durften sie mitnehmen, ein leichtes Gepäckstück.

Und dann wurden sie einzeln abgeführt, wie Schwerverbrecher.

Bleta weinte. Sie wischte sich immer wieder übers Gesicht.

Auch ihre Eltern weinten. Ihre Geschwister waren wie eingefroren.

Einige hatten nur ihre Schlafanzüge an. Niemand, auch

nicht meine Eltern, verstanden, warum das so sein musste. Alles

ging so schnell.

Als der Polizeiwagen losfuhr, drehte Bleta sich um, um mir zu

winken. Ich winkte ihr, bis der Wagen nicht mehr zu sehen war.

Sogar mein Papa weinte. Das war das zweite Mal, dass ich ihn

weinen sah.

In diesem Moment, dachte ich, passiert eine der größten Ungerechtigkeiten

der Welt. Man hat nicht einmal die Wahl, selbst

zu entscheiden, in welchem Land man leben wollte.

„Was kann Bleta denn dafür, dass sie jetzt abgeschoben wird?

Warum darf sie nicht hierbleiben?“, schrie ich fast schon.

Meine Eltern konnten mir keine Antwort geben.

Deutschland mochte ich an diesem Tag nicht. Bletas schlimme

Geschichte erinnerte mich stark an das, was Oma Emine über

ihre Freundin Lana und die Deutschen erzählte.

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