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31.12.2018, Jamal Tuschick

Nacht für Nacht balancieren sie in Sophiatown auf des Messers Schneide. Ihr Credo lautet: „Wir leben schnell, sterben jung und hinterlassen gutaussehende Leichen.” Sie sind Journalisten, Boxer, Gangster, Schriftsteller und Musiker. Sie sind schwarz in Johannisburg. Während die Dekolonisation sonst überall in die heiße Phase geht und sich die militärischen Arme der Unterdrückten erheben, wird in Südafrika das Rad der Geschichte zurückgedreht.

Drum – Wahrheit um jeden Preis

Nacht für Nacht balancieren sie in Sophiatown auf des Messers Schneide. Ihr Credo lautet: „Wir leben schnell, sterben jung und hinterlassen gutaussehende Leichen.” Sie sind Journalisten, Boxer, Gangster, Schriftsteller und Musiker. Sie sind schwarz in Johannisburg. Während die Dekolonisation sonst überall in die heiße Phase geht und sich die militärischen Arme der Unterdrückten erheben, wird in Südafrika das Rad der Geschichte zurückgedreht. In diesem Klima verwandelt sich ein Lebensstil-Magazin in einen Hort des Widerstands. Gegründet wurde „Drum” von Engländern, die ihrer privilegierten Herkunft überdrüssig geworden waren. Sie bieten schwarzen Schreibern eine Chance, groß herauszukommen. Star der Szene ist Henry Nxumalo. Gemeinsam mit dem deutschen Fotografen Jürgen Schadeberg (Gabriel Mann) macht er Sportberichterstattung. Am Ring trifft er Nelson Mandela (Lindane Nkosi). Der junge Anwalt setzt auf den falschen Kämpfer, sein Irrtum füllt Henrys Taschen. Noch glaubt der Reporter, er könne den Rassismus des Regimes auspendeln, sich wegducken und den Spaß privatisieren. Er verkörpert den überlegenen Zaungast der eigenen Verhältnisse. Die Spaltung ist typisch, ihre Krise entfaltet kaum Virulenz. Ihre Katharsis führt zur Katastrophe. Das passiert, wenn Ereignisse zu früh stattfinden. Brecht: Die Bauernkriege waren das größte deutsche Unglück, weil sie zu früh stattfanden und folglich das revolutionäre Potential zerschlagen werden konnte.

Südafrika/Deutschland/USA 2004, Regie: Zola Maseko

Henry könnte sich weiter arrangieren, das will seine Frau nicht: „Du hast eine Stimme. Nutze sie.” Im Handumdrehen kultiviert Henry eine Undercover-Persönlichkeit. Für seine Geschichten geht er in den Knast, er lässt sich an eine Chain Gang ketten. Er porträtiert den Paten von Sophiatown. Den Bewohnern steht ihre Vertreibung ins Haus. Das schwarze Quartier „in europäischen Gefilden” erwartet die Planierung. Mandela bündelt Kräfte des gewaltfreien Widerstands, vor laufenden Kameras nimmt er seine Verhaftung hin.

Seiner Geliebten erzählt Henry im Bett von einem tödlichen Messerkampf. Seine Schilderung spannt „heroisch” an „barbarisch”. „Es schien darum zu gehen, jemand zu sein und nicht bloß ein Kaffer”, bilanziert er verträumt. Ja, Henry geht fremd. Jetzt ist er der tanzende Vulkan. Mit glühendem Kern und gereizt bis ins Mark, legt er sich mit den Instanzen an. Er entblößt eine Sklavenhalter-Gesellschaft, lässt sich aus einer „weißen” Kirche prügeln, Jürgen schießt die Bilder. Doch wenn Henry zulange auf einer Party bleibt, muss ihm sein Boss eine Heimweg-Lizenz für Putzkräfte ausstellen.

 

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