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05.01.2019, Jamal Tuschick

Gerasimos Bekas präsentiert im Mainlabor einen Auszug seines gerade durch die Decke gehenden Romans "Alle Guten waren tot". Das Mainlabor sagt Danke.

Ich könnte deine Oma sein

Gerasimos Bekas

Frau Xenaki war an ihr Bett geschnallt, hatte den Kopf auf der linken Schulter abgelegt und schaute aus dem Fenster. Aris räusperte sich und nickte ihr zu, bevor er die Kanülen aus der Tasche seines Pflegerkittels zog und sie zu beschriften begann.

Frau Xenaki musterte ihn ohne ersichtliche Regung. Ihren Augen nach zu urteilen, war sie etwas über den Durst sediert worden. Mit einem Ruck richtete sie sich jedoch auf und schien hellwach.

Gerasimos Bekas, „Alle Guten waren tot“, Roman, Rowohlt, 251 Seiten, 20,-  

«Und was willst du jetzt von mir?»

«Guten Tag, Frau Xenaki. Einmal Blutabnehmen, bitte.»

«Warum?»

«Das Blut schicken wir ins Labor, und dann wissen wir mehr über Ihren Zustand.»

«Mein Zustand geht keinen etwas an. Warum arbeitest du für die?»

«Warum ich hier arbeite?»

«Ja, warum lernst du keinen richtigen Beruf?»

«Also Altenpfleger ist ein richtiger Beruf, mit viel Zukunft.»

«Warst du nicht klug in der Schule?»

«Bitte?»

«Hast du Drogen genommen und dein Gehirn kaputt gemacht? Kiffe, Kiffe?»

«Nein, Frau Xenaki, mein Gehirn funktioniert, danke.»

Frau Xenaki hob die linke Augenbraue und blickte ihn prüfend an.

«Das verstehe ich nicht. Was sagt deine Mutter dazu, dass du hier arbeiten musst?»

«Ich muss nicht. Keiner zwingt mich, hier zu arbeiten.»

«Schämt sie sich, deine Mutter? Die Arme. Nur wer Kinder hat, kann dieses Leid verstehen. Du kannst ja nichts dafür, sie hätte sich um dich kümmern müssen, dir den richtigen Weg zeigen.»

«Darf ich Ihnen jetzt Blut abnehmen?»

«Wenn du das schlecht machst, beiße ich dich.»

«Danke, das ist sehr motivierend.»

 

Ihre Venen waren einwandfrei, sie war nicht so ausgetrocknet wie die anderen Leute hier, derentwegen Dracula verhungern müsste, wie Claudia oft scherzte. Mit etwas Glück würde Aris in unter fünf Minuten mit drei Kanülen durch sein. Voll im Soll. Frau Xenaki schien es trotz ihrer Drohung egal zu sein, was er da an ihrem Arm machte. Sie ließ ihn nicht aus den Augen, bis ihre Unterlippe nach vorne ploppte und sie weiterredete.

«Sag mal, was bist du eigentlich für ein Grieche?»

«Ist mein Griechisch nicht in Ordnung?»

«Dein Griechisch ist mir egal. Aber du siehst komisch aus.»

«Ich bin ganz zufrieden.»

«Du bist so groß wie ein Türke, und du guckst wie ein Jude.»

«Bei Ihnen war Rassenkunde wohl Hauptfach.»

«Diese traurigen Augen, da wird man ja lebensmüde.»

«Wir geben hier alles für Sie. Das erschöpft eben.»

«Zu hell für einen Kleinasiaten, zu dunkel für einen Walachen, nicht breit genug für einen Makedonen. Die Nase ist zu gerade für einen Pontus-Griechen. Und überhaupt zu wenig Kanten für einen Mann. Du hast keine Freundin.»

In seiner Phantasie zog Aris eine Beruhigungsspritze wie ein Wurfmesser aus seinem Gürtel und traf Frau Xenaki, ohne hinzusehen, in den Oberschenkel. Sie schlief auf der Stelle ein, und er verließ den Raum, ohne sich noch mal umzudrehen. Im Gehen zündete er sich eine Zigarette an, löste dadurch den Feueralarm aus und verließ unbemerkt das Spital.

«Guck nicht so. Du bist zottelig. Keine Frau der Welt würde dich so herumlaufen lassen. Nicht mal eine Deutsche. Du bist traurig, einsam und unglücklich. Du hast keine Eltern. Du bist ein Waisenkind.»

Aris errötete, versuchte aber trotzdem, möglichst unbeeindruckt zu wirken.

«Wollen Sie mir vielleicht noch die Zukunft aus der Tasse lesen?»

«Nicht nötig, ich brauche kein Hokuspokus. Ich bin Psychologos.»

«In Ihrer Akte steht, Sie waren Gastwirtin.»

«Was ist ein Wirt anderes als ein Psychologos? Du musst wissen, warum die Leute sich betrinken wollen, damit du weißt, was du ihnen zu trinken gibst und vor allem wie viel.» «Apothekerin sind Sie also auch noch?»

«Du musst die Menschen glücklicher nach Hause schicken, als sie zu dir gekommen sind. Weniger traurig. Sonst kommen sie nicht wieder. Und du musst sie austricksen, damit sie Trinkgeld geben, obwohl das Bier zu teuer ist.»

«Gut, ich glaube, wir haben eine unterschiedliche Definition von Psychologie, Frau Xenaki. Aber ich verstehe, Sie sind Psychologos, und ich bin jetzt fertig. Ich komme morgen wieder vorbei.»

«Warte, mach mich los. Ich bin doch keine Kriminelle.»

«Erzählen Sie das mal meiner Kollegin.»

«Mir hat man als Kind beigebracht, auch Alte wie Menschen zu behandeln. Aber das ist wohl nicht mehr in Mode. Ich könnte deine Oma sein.»

Aris tat, als würde er ihren vorwurfsvollen Blick ignorieren, lockerte Frau Xenakis Gurte beiläufig etwas, versicherte sich aber, dass sie trotzdem keinem gefährlich werden konnte. Dann ging er wortlos Richtung Tür.

«Erzähl mir morgen, wo du herkommst, kleiner Mann.»

«Sie können mich auch Aris nennen.»

«Oder ich nenne dich einfach kleiner Mann, kleiner Mann.»

Sie kicherte und griff zur Fernbedienung, um die Rückenlehne ihres Bettes herunterzulassen. Aris bekam Gänsehaut vom Surren der Hydraulik und atmete tief durch, als er die Tür hinter sich schloss.

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