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18.01.2019, Jamal Tuschick

Fortsetzung von „Woman Warrior“ - Deutsche Asiat*innen/Make Noise/Young Migrants

Hybride Identitäten

In Deutschland hat jede fünfte Person einen Migrationshintergrund. Trotzdem sind diasporische Diskurse und Bikulturalität immer noch Randthemen in der deutschen Gesellschaft. Während sich die Wirklichkeit der „doppelten Identität“ von Diasporen in Deutschland sich weder im Mainstream noch in der Wissenschaft etabliert hat, versteht man in den USA Bikulturalität lange nicht mehr als Nischenexistenz, sondern als Lebensrealität vieler Amerikaner*innen. Eine vergleichende, transnationale Analyse von Integration, Identitäten und Diskussionskulturen ist deswegen hinreichend, um selbstkritisch über Integration und ihre Grenzen (und Rassismus) in Deutschland reflektieren zu können.

Donna Haraways „A Cyborg Manifesto“ (1984) beschreibt die Dekonstruktion von Dualismen als Überwindungsprozedere von binären Lebensrealitäten. Der Cyborg, halb Mensch und halb Maschine, ist eine Metapher aus der Zukunft. Plurale Identitäten sind die Norm. Die immer wieder auftretenden Dualismen „Mann/Frau“, „Zivilisation/Wildnis“, „Organismus/Maschine“ und „Physikalischem/ Nicht-Physikalischem“ zeichnen eine Gesellschaft, in denen es unmöglich erscheint sich vom eingeschränkten binären Denken zu trennen. Das Konzept des Cyborg-Seins passt daher gut, wenn man sich zum Beispiel die Lebensrealität von vietnamesischen Diasporen anschaut, die sowohl Deutsch als auch vietnamesisch sind. Diasporen bewegen sich im Spannungsverhältnis zwischen „kosmopolitischer Losgelöstheit“ und radikalem Nationalismus und sind eher von einer „Zerstreuung und Fragmentierung“ geprägt, während Einwanderinnen und „Nicht-Einwanderinnen“ einen lokalen Bezugspunkt vorweisen können, der Teil ihrer Identitätskonstruktion darstellt.

Allein der Begriff Asian American macht wegen seiner Vagheit deutlich, dass eine identitätspolitische und essentialistische Zuschreibung unzureichend ist. Im Vordergrund des Asian American Movements stand nicht die gemeinsame Abstammung oder gar Rückkehrbewegung zu einer gemeinsamen Heimat, sondern die asiatisch-amerikanische Erfahrung.

Dies spiegelt sich auch in den an US-Amerikanischen Universitäten etablierten Asian American Studies wider, die „als erste politische und akademische Bewegung, die rückwärtsgewandten Zielsetzungen von Nationalismus und ethnischer Identitätspolitik gleichermaßen überwand.“ Nichtsdestotrotz hat auch die Diaspora ihre Grenzen und spiegelt sich in der gesellschaftlichen Praxis wider: wer ist mehr oder weniger diasporisch? Welche Aspekte spielen Staatsbürgerschaft, Sprache und Religion?

Einwanderergruppen werden in Deutschland immer noch als Parallelgesellschaften stigmatisiert. Bikulturalität ist ein Fremdbegriff, der sich mit dem „Deutschsein“ nicht vereinbaren lässt. Während in den USA das Americanness oftmals als Bezugspunkt von Minderheitsbewegungen dient, zeichnet sich das „Deutschsein“ selbst durch seine Pluralität an Definitionen als unzugänglich. Die Nischenexistenz, die Einwanderern und People of Color in Deutschland zugeschrieben wird, geht mit einer „Mitleidskultur“ der dominanten Kultur der deutschen Gesellschaft einher. Diese „Mitleidskultur“ bezeichnet die Pflichtübung der dominanten Kultur „andere“ Kulturen zu akzeptieren und zu verstehen. Migranten werden als Opfer gesehen, ausgeschlossen von der deutschen Gesellschaft, die nicht imstande sind mit den „Deutschen“ zu kommunizieren. Es entwickelt sich eine „liberale Sympathie“ für den „Anderen“, die paradoxerweise mit einer Verfestigung von „ethnischen Stereotypen“ einhergeht.

Die „Anderen“ und die von ihnen verkörperte Kultur werden akzeptiert und verstanden, dennoch stehen sie immer der Mehrheitsgesellschaft entgegen und finden sich beliebig exotisiert in der Gesellschaft wieder.

Eine kritische Hinterfragung von hegemonialen Strukturen ist deswegen notwendig, um diasporische Diskurse in deutsche Integrationsdebatten einbinden zu können.

Literatur

Beth, Uta und Anja Tuckermann (2012): Geschichte, Arbeit und Alltag vietnamesischer

Migrant_innen. In: Ha, Kien Nghi (Hrgs.). Asiatische Deutsche. Vietnamesische Diaspora

and Beyond. Berlin und Hamburg: Verlag Assoziation A, 99-117.

Mayer, Ruth (2011):“Die asiatische Diaspora: Begriffe, Geschichte, Debatten.” Asiatische

Deutsche. Vietnamesische Diaspora und Beyond. Ed. Kien Nghi Ha. Berlin: Assoziation A,

2011, 43-56.

 

 

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