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21.01.2019, Jamal Tuschick

„Stella“ - Leider ist Takis Würgers zweiter Roman nicht viel besser als sein Ruf.

Jüdin wider Willen

Takis Würger

Stella Goldschlag war als aufgeflogene Untergetauchte mit der Erwartung, ihre Eltern und sich selbst vor der Deportation bewahren zu können, zur Denunziantin geworden.

Eingebetteter Medieninhalt

Bruno Latour beschreibt den Faschismus der 1920er und -30er Jahre als ein Amalgam von Traum & Technik. Die Protagonisten der faschistischen Keimzeit verbanden „die Rückkehr zu einer erträumten Vergangenheit (Rom, Germania) mit revolutionären Idealen und der industriellen Modernisierung“. Wie in den Prozessen des akuten Jetzt liefen ihnen, von der roten Fahne gehend, Arbeiter in Scharen zu. Die Geschichte wiederholt sich vielleicht nicht nur im Pendelschlag zwischen Tragödie und Farce (Marx).

Doch nicht die von der Globalisierung im Zeichen des neoliberalen Furors bedrohten Mehrheiten zeigen die Zeit zuerst an. Futuristen stellten Mussolini den Wecker. An einen historischen Anfang gesetzt, erscheint nun der Erzähler in Takis Würgers zweitem Roman „Stella“. Im ersten Absatz klärt Würger die Koordinaten. Im Geburtsjahr des Erzählers Friedrich, dem in Genf aufgewachsenen Sohn einer deutschen Malerin und eines Schweizer Fabrikanten, wird Adolf Hitler wegen Landfriedensbruch verurteilt und Josef Stalin zum Generalsekretär der KPdSU erhoben. Den kulturellen Rahmen liefern die Erstveröffentlichung des Ulysses - und die Entdeckung des Grabes von Tutanchamun. Sie stößt ein Fenster in die Vergangenheit auf und verlegt eine gewaltige Zeitachse; so wie der Ulysses in die Zukunft stößt und seine Generationsgenossen aus Papier blass aussehen lässt.

Takis Würger, „Stella“, Hanser, 220 Seiten, 22,-

Friedrich lernt aus lauter Wahrheitsliebe, was eine Blessur ist. Ein Kutscher bringt ihm einen Schmiss bei, der bis auf den Knochen geht. Der Gezeichnete ist neunzehn, als die Wehrmacht Libyen überrollt, die allzeit blaue Mutter eine Hakenkreuzfahne hisst und der Vater die Ehe beendet. Ein Stallbursche geht mit Gerüchten aus der Reichshauptstadt hausieren. Die Exzessbereitschaft einer Gesellschaft im Ausnahmezustand lockt Friedrich.

Das erzählt Würger halbwegs federnd auf den ersten dreißig Seiten. Die Sprache macht es ihm nicht leicht, man liest die Anstrengung. Doch gibt es schöne Stellen. Friedrich bereitet sich mit Fontane auf Berlin vor. Dann ist es soweit.

Im Jahr der Wannseekonferenz und der Geburt von Cassius Clay aka Muhammad Ali steigt Friedrich in einem der ersten Berliner Häuser am Pariser Platz mit Blick auf das Brandenburger Tor ab. Er bindet sich die Fliege eines Zeichenschülers, studiert die Emanationen des Mangels in einer Kriegswirtschaft und verliebt sich in ein Aktmodell. Der Rest der Geschichte ist in den letzten Tagen oft besprochen und als ethischer Leichtsinn verworfen worden.

Die entscheidende Frage lautet:

Darf man so über den Holocaust schreiben: dass man eine Person der Zeitgeschichte wie die Juden denunzierende Jüdin Stella Goldschlag durchsichtig fiktionalisiert, die Fiktionalisierung mit gerichtlichen Aussagen aufhebt und den Mix mit Amore peppt?  

Stella Goldschlag war als aufgeflogene Untergetauchte mit der Erwartung, ihre Eltern und sich selbst vor der Deportation bewahren zu können, zur Denunziantin geworden. Sie bewies einen Eifer, der über ihre Not hinausging. Ich weiß, die Formulierung ist unangemessen.

Der nationalsozialistische Antisemitismus hatte den weit fortgeschrittenen Anpassungsprozess der Goldschlags an die christliche Mehrheit erst unterbrochen und dann rückgängig gemacht. Die Goldschlags waren Juden wider Willen.   

„Stella war das Produkt jüdischer Assimilation“, schreibt Peter Wyden https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Wyden. – Ein „Mitglied jener versnobten Anpasser, die sich „Deutsche jüdischer Herkunft“ nannten. Wären nicht so viele von ihnen einfach durch ihr Aussehen aufgefallen, hätten sie sich von den Nichtjuden überhaupt nicht unterschieden.“

„Stella … verabscheute es, jüdisch zu sein.“  Peter Wyden

Das erklärt nichts und erlaubt keine Schlussfolgerungen. Aber die Konstellation arbeitet natürlich in jedem, der sie sich vergegenwärtigt. Würger ist kein so schlechter Autor, dass er nicht dezent dem Zusammenhang zwischen den immer noch wie Sieger aussehenden Deutschen und Stella Goldschlags zugeschriebenem Elend heimleuchtet.

Ganz andere Potenzen wie etwa Hannah Arendt mussten sich ermächtigen, um den Herausforderungen des Faschismus mit einer Art jüdischem Patriotismus zu begegnen.

„Wer als Jude angegriffen wird, muss sich als Jude verteidigen.“

Würger beschreibt das Gegenteil einer großartigen Haltung. Er schildert eine bis zur Halbwelt abgesunkene bourgeoise Person, die lieblich nach Ballistol duftet und mit dem Zungenschlag ihrer Heimat landläufige Schlagfertigkeit beweist.

Der Roman kolportiert in zwölf - dem kalendarischen Jahreslauf folgenden – Abschnitten Ereignisse im Jahr 1942; im Gips der Erzählung, der wiederum ummantelt wird von Würgers Vorliebe für den Zweikampf. In seinem Debüt misst sich eine Elite mit Schlag- und Hebeltechniken; in dem Nachfolger gipfelt die Liebe unter Männern, die Rede ist von einem rollendissidenten SS-Aristokraten namens Tristan von Appen, der in einer ausufernden Wohnung Camembert-Séancen abhält und verbotenen Jazz hört, im Degenduell. Tristan adelt Friedrich mit den Worten:

„Du hast es im Blut.“

Im Weiteren findet er zu der Feststellung:

„Schmauch ist schon ein herrlicher Geruch.“  

Da ist er, der Kitsch, der vor „mein lieber Scholli“ nicht zurückschreckt. Das sprachliche Lokalkolorit liefert Passagen an die Unglaubwürdigkeit aus – und da liegt das Problem. Kunst darf alles, doch was darf ein Text, der nicht sämtlichen Einwänden die Stirn bieten kann?  

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