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23.01.2019, Jamal Tuschick

Die schöne Krise

Die Mutter wünschte ihm die Pest des Scheiterns an den Hals. Ihr war der Sohn zu lebensblöd für ein großes Werk. Dass es ihm trotzdem zukam, empfand sie als gefährliche Ungerechtigkeit.

Da das Kind kaum sprach, glaubte man, dass es nicht lesen könne. Von seinem Schweigen schloss man auf das Schriftvermögen. Gustave Flaubert war „der Idiot der Familie“. Indes enthielt jeder Satz für den Knaben „eine voluminöse Präsenz“. Gustave nahm ihn als „Geschenk“ an und arrangierte ihn auf der Tafel seiner Imagination. 

Notiert nach einer Lesung von Gerrit Confurius. Der Autor entwickelt eine „Phänomenologie der Krise, Analyse ihrer Logik und kritische Betrachtung der für sie zuständigen Theorien, Praktiken und Institutionen, der Sprachregelungen, Denkmodelle und Denkzwänge.“ Confurius stellt fest: Mit dem Tod werden wir „unweigerlich zur Beute der Meute.“ Für den Kriseninhaber gilt zunächst: „Das Spiel ist aus.“

Für Gustave besitzt Sprache die Materialität einer körperlichen Maßnahme. Diese Sonderwahrnehmung verursacht eine Krise - die Krise der abweichenden Auffassung. Sie sondert Flaubert ab und „kommt einem sozialen Tod gleich“. Es stellt sich die Frage, wie findet er zurück ins Spiel. Confurius lässt Flaubert eine Weile stehen, der Analytiker zieht sich hinter einen Vorhang aus Rauch zurück, wer nicht raucht, der fliegt, „die vermeintliche Idiotie des kleinen Gustave ist uns nicht so fremd, wie wir es gerne hätten“. Beschränkt man sich auf das, was man sieht, verfehlt man die Dimension der symbolischen Repräsentanz. Ein Richter mag verrufen sein, doch sein Amt sichert ihn auf der Domäne „symbolischer Autorität“. Der Analysant unterstellt dem Analytiker etwas, worauf sich dann sein Begehren richtet. Das ist zwar eine Illusion, aber, so sagt es Confurius, um sich auf Lacan zu beziehen, „eine notwendige Illusion. – Die einzige Möglichkeit, eine neue Bedeutung hervorzubringen, ist der Weg durch die illusorische Voraussetzung, dieses Wissen sei schon vorhanden.“

Gustave geht davon aus, dass sein Sprachempfinden für andere überprüfbar ist. Er unterstellt anderen sogar einen Vorsprung. Das ist Übertragung. Andere reagieren darauf, indem sie den Knaben vorführen. Gustave lässt sich düpieren. Confurius zitiert weiter Lacan: „Wer sich nicht düpieren lassen kann, ist eigentlich der Dumme.“

Also, wie findet Gustave zurück ins Spiel? Er halluziniert das ihm Versagte. Das Willkommensein nach dem „contrat narcissique“ (Aulagnier), „der dem Kind einen Platz in der Familie und in der Gesellschaft einräumt, in die es hineingeboren wird.“ Gustave startet ein „Notprogramm. Das Umschalten in diesen Modus bringt es mit sich, dass bereits eingespielte Routinen … vorläufig ausgesetzt werden und das Symbolische dem Imaginären wieder den Vortritt lassen muss.“

Der Kriseninhaber erlebt sich gesteigert, er verspürt „Allmacht“, er türmt erneut die Last auf, „sich und die Welt und das Willkommensein in ihr allein herstellen ... zu müssen.“

Confurius beschreibt diesen Zustand als „phantasmatische Selbstüberforderung“. „Die in die Sackgasse der Ohnmacht geratene dialogische Struktur wird durch eine andere ersetzt, die in der frühen Kindheit die allein angemessene und einzig mögliche war.“

Und so geht die Überlieferung: Das Kind Gustave war von einer „Naivität“, die es sein Leben lang behalten sollte.

 

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