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25.01.2019, Jamal Tuschick

„Der Boden Europas hat ein anderes Wesen angenommen“, sagt Bruno Latour.

Neapolitanische Aragonesen

Gefrorener Veitstanz - Symbolisiert Trump den Grotesken als verlachtes Idol auf der Schwelle zu einem Übergang, bevor man wieder mit den Köpfen seiner Feinde Fußball spielt?

Den 20. ging Lenz durch's Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen. Büchner/Lenz

Nach der Jagd sagte der Altförster im Haus seines Nachfolgers: „Damals war die Welt noch in Ordnung.“

So sprach er von Ereignissen in den 1950er Jahren, als die Adenauer Restauration herrschte, die Wiederbewaffnung durchgekeult, der Revanchismus hoffähig und die Täter-Opfer-Umkehr institutionalisiert wurde.

Man erkennt am Wald den Förster. (Deshalb habe ich mir den forstwirtschaftlichen Betrieb angeguckt.) Viele Hochsitze und sauber gezogene Schneisen mit bequemen Anfahrten bezeugen eine Leidenschaft, die sich im Loden einer amtlichen Begründung kaschiert. Im Zweifel ist alles Hege, doch wenn sich Hauswände unter der Last von Großwildtrophäen biegen, dann weiß man doch, hier lebt ein Lustschießer, der nur in Afrika wirklich auf seine Kosten kommt. In zwanzig Jahren wird es diese privilegierte Heimlichkeit vielleicht nicht mehr geben; stattdessen von Aktivist*innen gefällte Hochsitze, demolierte Geländefahrzeuge, umgelegte Bauwagen (ambulante Waldarbeiterruheräume), lahmgelegte Harvester und Hashtags, die den Jäger jagen. Obwohl ich jetzt schon zu bedenken geben, dass sich rurale Einheiten für Aktivismus nicht so gut eignen wie Berlin. Der Wald ist eine Welt für sich. Ich komme gerade aus den Dolomiten, da kann man sich noch tödlich verlaufen. Besser man zieht nicht ohne Fruchtriegel und Thermoskanne los. Ich habe in Südtirol auf fünf Touren keine zehn Hochsitze gezählt. Wo das Jagen mühsam ist, fehlt der Jäger. Das bemerkte einst Königin Giovanna I. (ca. 1326 - 1382), eine streitbare neapolitanische Aragonesin, die wir deshalb auch als Johanna von Aragon kennen. Sie herrschte über Neapel wie über Kalabrien, Sizilien und (nominell) über Jerusalem. Zu Johannas Zeit drehte sich fast alles um die Interventionen im Heiligen Land. Noch hielten Mauren die iberische Halbinsel fest. Die Reconquesta entsprach einem Spiel, dessen Ausgang in den Sternen stand. Die Bevölkerung erlebte sich im Zustand äußerster Entrechtung. Der Adel aber sicherte sich sogar ein Recht auf Rebellion gegen die Königin. Das war ein Freischein für den Fall des Scheiterns (eines Putsches).

Wie wichtig schon Papier war. Ein Wort, obwohl doch jeder Nennenswerte ein Schwert trug. Woher nimmt das Wort seine Bedeutung?

Die Granden wissen, dass Recht nichts und Macht alles ist. Und so erklärt sich das Weitere. Ritter garantieren die königliche Macht. Sie sind die Gewalt der Königin. Johanna hat einen Vormund und braucht einen Mann. In der Lesart ihrer Epoche sitzt sie bloß als dynastisch korrekte Puppe ihres Großvaters auf dem Thron. Der Alte hat sie stellvertretend Platz nehmen lassen, bevor er seine Reise ins himmlische Jerusalem antrat. Aber Johanna ist nicht sugar, sie macht nicht, was man ihr sagt. Der Papst (Clemens VI.) bestimmt Andreas von Ungarn zum Gatten, das überlebt der Anwärter nicht. 1345 bringt Johanna einen Sohn des Ermordeten zur Welt und nennt ihn nach einem fränkischen Hausmeier in Merowinger Diensten (und Vater des ersten karolingischen Königs) Karl Martell. – Und dann kommt die Pest im Rattenpelz der Neuzeit.

Die Pest ist eine unabweisbare Invasorin. Sie lässt sich mit Gewalt nicht einhegen. Solange man wenig über sie weiß, streitet der Glaube mit dem Aberglauben. Mich erinnert die Pest an den Klimawandel. Der Soziologe Bruno Latour behauptet, dass wir das Europa, in dem Johanna groß und die Pest mächtig war, vergessen müssen. Unsere Geschichte, so Latour, erklärt die Gegenwart nicht mehr. So wie die Pest ohne einen effektiven Antagonisten Europa im Griff hatte, so übermächtig sei nun der Temperaturanstieg.

„Der Boden Europas hat ein anderes Wesen angenommen.“

Wir, die wir uns sesshaft finden, befänden uns längst auf der Wanderung. Sind wir so blind, wie es die Leute waren, die von der Pest überfallen wurden? Es geht nicht mehr allein darum, wer die ökonomischen Hebel bewegt. Vielmehr äußert sich die Erde selbst zu unserem Nachteil.

Sagt Latour.

Er erklärt das auf die übliche Weise mit dem Schwinden von Kräften. Die Erfinder der Globalisierung werden zu Opfern der Geister, die sie riefen. Nun kommen die Geplünderten und da, wo sie nicht anklopfen müssen, weil die Türen aus den Angeln sind, bleiben sie nicht stehen. Symbolische Schranken halten niemanden mehr auf.

Das ist eine Folge der Emanzipation. Die Differenz zum Weißsein knechtet nicht mehr.

Wie stets in einer Lage, die Chronisten barbarisch nennen, plädieren die einen für Abschottung und die anderen für Öffnung. Beide Parteien könnten Ausnahmeempfindungen unterliegen, die wir mit Notwehr verbinden.

Aufzugehen in einem größeren Verband und Teil der großen Wanderung zu werden, berührt ein menschheitsgeschichtliches Motiv … ein altes Grauen nah der Sintflut. 

Den Feind als Verbündeten unter der eigenen Fahne zu fürchten, ist als Erlebnis vermutlich genauso alt wie das Ahnungswissen von bildhauenden Meteoriteneinschlägen und Dammbrüchen in erdgeschichtlichen Dimensionen. Latour nennt Trump einen König Ubu, für Pankaj Mishra ist der amerikanische Präsident ein Protagonist der „elektoralen Apotheose“ am starken Mann. Ich frage mich, ob da, wo Trump täglich tätig ist, Leute arbeiten, die ihn so lächerlich finden wie wir. (Wir haben nichts von seiner Macht, aber alles von seiner Ohnmacht.) Ob ein Pförtner denkt, während Trump an ihm vorbeirauscht, der Mann ist doch ein Witz.

Ich kann mir das nicht vorstellen.

Ist Trump nicht jener, der im Weißen Haus keinen Stein auf dem anderen stehen lassen will? Der Marktradikalste von allen? Mishra behauptet, er habe „überzeugend dargelegt, dass er diesen Ort in die Luft sprengen werde“.

Ist es nicht geradezu verdienstvoll, dass Trump den Europäern unumwunden erklärt hat, wie allein sie sind? Jeder amerikanische Präsident seit dem Zweiten Weltkrieg war bereit, Europa aufs Spiel zu setzen. Die Europäer hatten das starke Bedürfnis, sich mit dieser Tatsache nicht zu konfrontieren.

Mishra holt sich Hilfe bei Dostojewski, der „in der ersten Blüte des Liberalismus (erkannte, dass) rationales Denken keinen entscheidenden Einfluss auf das menschliche Verhalten“ hat.  

Wird fortgesetzt. 

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