MenuMENU

zurück zu Main Labor

25.01.2019, Jamal Tuschick

Erich Maria Remarques belletristischer Welterfolg „Die Nacht von Lissabon“ bleibt in der Inszenierung von Hakan Savas Mican am Berliner Maxim Gorki Theater eine theatralische Erzählung. Es spricht Dimitrij Schaad. Anastasia Gubareva singt sehr schön.

Krebs der Seele

Anastasia Gubareva spielt die Helen in der Nacht von Lissabon. Sie kann alles, vor allem kann sie sehr schön singen.

Can Dündar war unter den Gästen

Der Emigrantenkoller bezeichnet eine Geisteshaltung der Emigranten, bei der sie jede Hoffnung auf Rettung aufgeben und sich mit dem Scheusal Schicksal abfinden.

https://www.youtube.com/watch?v=j8VnOyv9zLY

Die Empowerment Agent*innen im Berliner Maxim Gorki Theater haben sich mit der Entscheidung für eine Adaption von Erich Maria Remarques Fluchtklassiker „Die Nacht von Lissabon“ aus dem feministischen Fenster gelehnt. Erich Paul Remark (E. Maria Remarque 1898 – 1970) hatte einen Hang zur erotischen Operette. Eine junge Frau aus gutem Haus, man sprach bei Tisch altgriechisch, oft über Kunst, nie über Gefühle, der Vater, Kurt Mühsam, war in der Weimarer Republik Kritiker und Ullstein-Chefredakteur gewesen, veranlasste Remarque, an den kalifornischen Nachmittagen eines nobilitierten Exils zu Wohnzimmerauftritten als Cinderella. Der „Engel“ hatte zur Verfügung zu flattern, wann immer den grauen Bock der Wunsch nach einem Plausch packte.

Sie hieß Ruth und nannte ihn Boni. Er „spielte“ mit ihr. Heute bekäme er einen Hashtag angeheftet. Für eine Weinsteinigung würde es nicht reichen. Aber als Abgewedelter dürfte Remarque bei den Hersfelder Festspielen nicht mal mehr die Requisiten in den Fundus sortieren. Regisseur Hakan Savaş Mican interessiert die historische Dimension des von ihm bearbeiteten Werks weniger als das Analogiepotential. Auf einem Boulevard großer Gefühle stellt er das Offensichtliche aus. An seiner Stelle erzählt Dimitrij Schaad, wie Mican (gemeinsam mit dem kongenial wirkenden Benjamin Krieg) die Strecken abgefahren und gefilmt hat, die im Roman vorkommen. In Paris verspricht er sich von einer vergangenen Liebe ein neues Leben. Er betrinkt sich vorab, in der Gesellschaft eines kurdisch-türkischen Exilanten, und ist dann kaum noch ansprechbar, als die Ex mit zwei Kindern aufkreuzt. Solche Szenen haben immerhin anekdotische Evidenz. Sie streifen die Narrative von Flucht und Vertreibung und den auch explizit angespielten Wimwenders-Ontheroad-Abklatsch. Sie sind amüsant wie das Stück im Ganzen amüsant ist. Es wird enorm angehoben von Anastasia Gubarevas Gesang und einer Bandleistung. Vier Musiker gehören zum Geschehen.

Man ahnt die lunare Dopplung in der Vorlage. Ein vor den Nazis Geflüchteter lässt 1942 im Hafen von Lissabon alle Hoffnung fahren – mit einem Schiff, das am nächsten Tag zweifellos ohne ihn und seine Frau ablegen und den Atlantik Richtung Sicherheit & Freiheit überqueren wird. Der Emigrant hat sich im Kasino verausgabt, er befindet sich in einer Art Delirium oder Trance. Jedenfalls handelt er nicht rational. Das ist zumindest ein Symptom des Zusammenbruchs nach Schema F. Remarque schreibt:

„Der Emigrantenkoller bezeichnet eine Geisteshaltung der Emigranten, bei der sie jede Hoffnung auf Rettung aufgeben und sich mit dem Schicksal abfinden.“

Jeder bricht für sich allein (zusammen) und im letzten Aufbäumen zeigt sich noch einmal die zivile Schlacke. Der größte Feind ist die eigene Schwäche. Das interessiert Remarque: das Abspannen der Kräfte; der Seelenkrebs; die Bereitschaft zur Selbstaufgabe; der Erlösungstaumel, in dem man sich seinem Mörder in die Hände spielt.

Auf der Bühne überlebt der Geschundene. Es stirbt der Mörder an seiner Stelle. Schaad spielt den Erzähler, eine Variante und er skizziert Micans Europareise auf Remarques Spuren. Seine größte Leistung besteht darin, dass Wunder von Lissabon in den Überblendungen nicht verschwinden zu lassen. Am Kai trifft der Namen- und Mittellose einen Emigranten namens Josef Schwarz. Schwarz offeriert zwei Pässe mit USA-Visa und zwei Fahrkarten für eine geringe Gegenleistung. Er verlangt einen Zeugen für seine Geschichte und nicht mehr Zeit, sie zu erzählen, als eine Nacht dauert.

In der Adaption reist der falsche Schwarz in die falsche Richtung. Er kehrt nach Deutschland zurück, um zu sehen, ob seine Frau Helen sich im Faschismus arrangiert hat. Sie ist aber ganz die Seine, sogar Schwarzens Anzüge hängen noch an den Bügeln der bürgerlichen Ordnung. Was tut es da, dass auf dem Nachtisch das Porträt eines Anderen im Rahmen steckt.  

Gubarevas Aufgabe besteht nicht darin, Helen zu spielen. Sie ist die Frontfrau der Band, nicht Ehefrau eines Verworfenen. Sie ist schick und gefühlsstark. Das auf der Flucht pulverisierte Repertoire des Gatten entlockt ihr Seufzer der Enttäuschung.

Helen beflügelt Animus auctoris. Privater noch als sie es in ihrer Ehe sein kann, ist sie gegen die Faschisten, die in ihrem Sturmbannführerbruder aufmarschieren. Der Mann verkörpert Großdeutschland, bis ihn der falsche Schwarz in Frankreich kaltmacht; nach einem Sommer der Liebe in Paris mit Helen, die ihn aus ihren eigenen Gründen ins Exil begleitet. Sie steht dem Tod näher als ihrem Mann.

 

Der Bruder tritt übrigens nur als Gespenst auf. Schaad macht ihn sichtbar.

   

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen