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26.01.2019, Jamal Tuschick

Die Blumen in Vaters Koran - Ein Mainlabor-Beitrag von Mariam Dessaive

Mariam Dessaive

Vor einigen Jahren landete der Koran unseres Vaters in meinem Haushalt, vermutlich, weil ich, die Älteste, diejenige von uns mit dem muslimischen Namen bin: Ich heiße Mariam. Die nächste Tochter bekam von unserem indischen Vater einen hinduistischen, die jüngste einen christlichen Namen. Unser Daddy war wahrscheinlich nicht religiös, ich kann mich nicht erinnern, ihn jemals beten gesehen zu haben, oder auf dem Weg in eine Moschee. Unsere deutsche Mutter war ebenfalls nicht religiös, jedenfalls damals nicht. Beide Eltern, Jahrgang 1922, behielten ihre Religionen bei der standesamtlichen Heirat 1952 in London bei, wo wir drei Schwestern geboren wurden.

Da unseren Eltern Religionen nicht wichtig waren, wurden wir auf keine Religion festgelegt, wir waren allerdings auch Töchter. Zuhause, inzwischen in Karachi, es gab keine Gebete, keine Besuche in einem Gotteshaus, keine Bibel- oder Koranlektüre. Getauft wurden wir erst, als unser Vater die Familie verließ, da war ich 7 oder 8. Unsere Mutter hatte nichts dagegen, blieb aber zuhause, als unsere goanesisch-christlichen Nachbarn, die Gonsalves, uns in ihre Kirche mitnahmen, die ganze Familie festlich gewandet, Frau Gonsalves mit weißem Halbhütchen auf. Ich wurde bei der Gelegenheit auch kommuniziert, in einem geliehenen, viel zu kurzen weißen Kleidchen. Das Foto dazu, auf unserem Balkon aufgenommen, zeigt uns drei Schwestern strahlend. Wir gehörten nirgends richtig dazu, aber nun waren wir Teil der christlichen Gemeinschaft. Eine christliche Erziehung bekamen wir in der Grundschule, erst in St. Patricks, später im Convent of Jesus and Mary, beides Missionsschulen aus der Zeit der englischen Kolonialherrschaft. Grundkenntnisse der biblischen Geschichten waren eine Hilfe beim Ankommen im Westen.

Auch Weihnachten war in dieser Hinsicht gut. Bei aller Religionsferne war unsere Mutter eine begeisterte Anhängerin dieses christlichen Festes. Glöckchenklingeln, Weihnachtsplatten, Auspacken von Geschenken unterm reichgeschmückten Weihnachtsbaum, meist eine tropische Zimmertanne, später auch einmal eine echte Tanne, eingeflogen von der Lufthansa für die deutschen Familien in Dacca, Mutters neuem Dienstort als nunmehr entsandte Kraft, wir Schwestern schon junge Frauen. Findig, wie unsere Mutter war, sägte sie den Baum nach dem Fest auseinander, legte ihn in die Kühltruhe und nagelte ihn noch für zwei weitere Weihnachtsfeste zusammen, eine Frühform von Recycling.

Derart in die europäische Kultur eingeführt und religiös gerüstet, ließen wir drei Schwestern uns in Deutschland nieder, jede an einem anderen Ort. Ich hatte bereits vier meiner Kinderjahre in einem katholischen Internat in Bayern verlebt, mehrmals die Woche die Messe auf Latein. Meine beiden jüngeren Schwestern verließen erst als Halbwüchsige unser Zuhause in Karachi und wurden erst im Laufe der Jahre und der Politisierung aller Religionen auf unterschiedliche Weise bemerkenswert christlich, die eine als CSU-Funktionärin im Milieu einer fränkischen Kleinstadt, die andere im Hunsrück als engagiert Zeugin Jehovas. Anders als ich haben beide Schwestern Kinder, die eine 6, die andere 5. Wurde das einzige Erinnerungsstück an den muslimischen Opa etwa bei mir entsorgt? Wir leben ja schon wieder in schwierigen Zeiten.

Dass der Koran bei mir landete, liegt jedenfalls nicht daran, dass ich ihn mir gewünscht hätte. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann meine mittlere Schwester mir dieses Buch brachte, der wohl einige Jahre bei ihr gestanden hatte, ein wertvolles Buch, meinte sie damals. Meine Abneigung gegen den Islam war meiner Unkenntnis geschuldet, und meiner Beeinflussbarkeit: Meine Meinung bildete ich mir viele Jahre lang aus dem öffentlichen Diskurs in Deutschland über die Gewalt gegen Frauen in muslimischen Familien. Aber das ist wahrscheinlich nur ein Teil der Wahrheit über den Islam. Praktisch alle Weltreligionen fußen auf der Unterordnung der Frauen und erst vor kurzem begriff ich, dass im Islam als der jüngsten der abrahamitischen Religionen die aus heutiger Sicht modernste Vorstellung vom Verhältnis der Geschlechter gilt: In Sure 4 erschafft Gott Mann und Frau aus einer Urseele. In der christlichen Bibel stammt Eva noch aus der Rippe Adams.

Nun steht der Koran in meinem Einpersonen-Haushalt in einem weißen Ikea-Regal neben der Merian-Bibel, einem Buch von Dorothee Sölle und einem Handbuch der Religionen. Ein richtiges Monument von einem Buch, brauner Kunstledereinband mit abgestoßenen Kanten und eingedrückten gerundeten Ecken. Ich träumte einmal sogar davon, da strahlte es golden. Die vergilbten Schnittflächen der Seiten sind abschnittsweise grünlich und bräunlich eingefärbt, ein geflochtenes Lesebändchen lugt hervor. Auf der Vorderseite ist in dunklerem Braun eingeprägt: The Holy Quran. Text Translation & Commentary. A. Jusuf Ali. Das Nachwort des Herausgebers, L'envoi auf Seite 1813, geschrieben am 14. November 1937 in Wimbledon, enthält den Hinweis, dass das Manuskript im April 1937 in Lahore fertiggestellt wurde. Wimbledon liegt in England, Lahore im damals noch britisch regierten Indien. 1947 gaben die Engländer ihre indische Kolonie auf, teilten den Subkontinent in drei Teile und lösten damit eine der blutigsten Völkerwanderungen des 20. Jahrhunderts aus, 2 Millionen Tote. Seitdem liegt Lahore in Pakistan.

Um im Koran zu blättern, ist ein Bücherständer hilfreich. Aufgeschlagen verströmt es einen leicht bitteren Duft, ein typisch indo-pakistanischer Bücherduft. Als Kinder pressten wir Blumen darin, es finden sich immer noch skelettierte Reste. Die vergilbten Seiten fühlen sich sehr glatt an, mit lateinischen und arabischen Zahlen paginiert, rechts Text in der gerundeten arabischen Schrift, links in eckiger lateinischer Schrift und englischer Sprache. Abgetrennt durch einen Strich unten die Kommentare. "Each chapter or portion of the Qur-an is called a Sura, which means a Degree or Step, by which we mount up." Auch der Islam erzieht seine Gläubigen hin zu Gott.

Unsere Mutter hat den Koran nach der Trennung von unserem Vater über 50 Jahre lang überall hin mitgenommen, von Karachi nach Dacca, nach Sofia, nach Mainz, nach Mörschbach, nach Kastellaun. Sie hat die 3 Kilo Buch immer wieder eingepackt und ausgepackt und in ein Bücherregal gestellt, der einzige Gegenstand in unserem Familienhaushalt, später in Mutters Haushalt, der an unseren Vater erinnerte. Schrieb sie diesem Buch besondere Eigenschaften zu, obwohl sie kein religiöser Mensch war? Las sie darin? Sie hatte unseren Vater mit dem Versprechen eines baldigen Nachzugs nach London zurückgeschickt, sich dann umgehend von ihm scheiden lassen und im Laufe der Jahre alle Bezüge zu ihm ausgemerzt, selbst in unseren Köpfen und Herzen. Aber der Koran ist immer noch da.

Die vertrockneten Blumen im Koran sind auch immer noch da. Auf die Idee, Blumen in Büchern zu pressen, brachte uns Frau Dahm, eine ältere Frau, sehr dünn, zurückgebundene graue Haare, die etwa 1960 in der deutschen Botschaft in Karachi erschien, in der unsere Mutter als Sekretärin arbeitete. Frau Dahm wollte nicht nach Deutschland zurückgeschafft werden und so brachte unsere Mutter sie in unseren zweieinhalb Zimmern unter. Mag sein, dass die Botschaft eine Art Kostgeld aussetzte, unsere Mutter, inzwischen alleinerziehend, wurde als Ortskraft schlecht bezahlt.

Frau Dahm lebte mehrere Monate bei uns, vielleicht waren es auch Jahre, und war für uns wie eine Tante oder Oma. Sie kümmerte sich um den Haushalt, half uns bei den Hausaufgaben und gewiss auch bei der Verbesserung unserer Deutschkenntnisse, denn bis zum Fortgang des Vaters war zuhause Englisch gesprochen worden, und wenn nachmittags die Tageshitze etwas nachließ, ging sie mit uns im Viertel, der P.E.C.H.S. spazieren. Wir liefen meist bis zur Nursery, einer großen Gärtnerei, und pflückten unterwegs die Blumen, die über die Gartenmauern der Villen hingen. Eine alte weiße Frau, die mit drei farbigen Mädchen spazieren ging und auch noch Blumen klaute, das brachte so manchen Chowkidar gegen uns auf. Die Blumen standen eine Weile in Vasen, Frau Dahm malte sogar einmal ein Bild davon, dann kamen sie in den Koran. Wo sie schließlich blieben, weil wir nicht wussten, was wir damit tun sollten, als Frau Dahm nicht mehr da. Es hatte Diskussionen über Frau Dahms Kaffeeverbrauch gegeben, aber wahrscheinlich wurde es Mutter einfach zu eng in unserer kleinen Wohnung. Frau Dahm sahen wir später im Haus von wohlhabenden Pakistanern wieder, sie saß bei den Dienern, beachtete uns nicht und wir sprachen nicht mehr von ihr. Wie wir von unserem abwesenden Vater nicht mehr sprachen. Obwohl: Spuren überdauern. Vaters Koran. Die gepressten Blumen.

 

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