MenuMENU

zurück zu Main Labor

29.01.2019, Jamal Tuschick

César Rendueles spricht von Affektkoalitionen der Ressentimentbeladenen im globalisierten Manchester-Kapitalismus.

Politischer Dornröschenschlaf

César Rendueles

César Rendueles spricht von Affektkoalitionen der Ressentimentbeladenen im globalisierten Manchester-Kapitalismus. Manchester-Kapitalismus war ein Wort meines Vaters, der als Ortsvereinsvorsitzender die Siedlungs-SPD dirigierte. Ein anderes Lieblingswort war persönliche Freiheit. Mein Vater verstand darunter auch, am Wochenende ausschlafen zu können.  

Was war Freiheit?

Freiheit war eine Lichtung im Saum der Einschränkungen. Wenn ich vor der Schule die Laufschuhe anzog und über Felder und eine Autobahnbrücke in den Kaufunger Wald lief, fühlte ich mich frei. Auch die Beinfreiheit in kurzen oder weiten Hosen und nicht kratzende Kleidung rechnete ich zur persönlichen Freiheit.

Ich bin mit Asthma geboren. Frei atmen zu können, war eine Lust, die größer wurde mit der Ausdauer. Ich bildete mir ein, dreißig Kilometer in einem Viererschnitt laufen zu können. Ich habe nie herauszufinden versucht, ob das stimmte. Heute halte es für ausgeschlossen. Die Tempoimagination gehörte zur Freiheit in einer Verbindung von Körper und Phantasie. Ich war sehnig. Man hätte mich „Sehne“ nennen können. Man nannte mich „Skelett“.

In der Umgebung meiner Kindheit und Jugend war die vorauseilende Herabsetzung ein Intelligenzzeichen. Man unterschied sportlich die treffende Bemerkung von einer mehr oder weniger schlagfertigen Reaktion. Selten hatte die Antwort den Biss des Angriffs. Sobald ich in dieses soziale Gatter geriet, ob in der Schule oder im Verein, erreichten mich Verlustempfindungen. Ich verlor meine Freiheit an die Gepflogenheiten. Deshalb ging ich gern allein nach Hause, wählte Umwege, sondierte im Unterholz und suchte meinen Absenzen gute Verstecke.

Was war außerdem Freiheit?

Die echte Jeans im Gegensatz zur Discounterware, mit der mein Vater vorliebnahm. Freiheit war schon die Aussicht darauf, ein Hemd gleich anzuziehen, das mir gefiel. Meine Leichtigkeit war Freiheit. Ich las Alan Sillitoes „Einsamkeit des Langstreckenläufers“ und fand die Freiheit darin, mir auf Englisch The Loneliness of the Long-Distance Runner vorsagen zu können. Das klang wie eine Liedzeile. Das war doch was.

Ich begriff, dass ich für Start-Ziel-Siege zu langsam war. Also beschloss ich jemand sein zu wollen, der das Feld von hinten aufrollt – unaufhaltsam. In dieser Vorstellung steckte eine Menge Unfreiheit. Ich kann mich aber an keinen erinnern, der nicht versucht hätte, die eigene Unzulänglichkeit auf einer sozialen Schablone klein erscheinen zu lassen. Am Einfachsten verliefen die Anpassungen bei jenen, die gut Fußball spielen konnten und bei den notorischen Einbruchs-, Klau- und Vandalismus-Aktivitäten ein ambivalentes Verhalten zeigten. Sie verschlossen sich nicht der Einsicht einer gewissen Notwendigkeit, Dinge zu zerstören und fremdes Eigentum zu missachten. Fast gleichzeitig vertraten sie den Polizeistandpunkt. Jeder Heranwachsende ahnte, dass das die richtige Art war, des Lebens Widersprüche am Kragen zu packen. Ich sah in diesen gruppendynamischen Aushandlungen vor allem Bedrohungen meiner Freiheit. Wichtiger war, dass ich in der Analyse eines changierenden Verhaltens zum Dissidenten wurde. Die herrschenden Verhältnisse passten mir auch da nicht, wo Eindeutigkeit gefordert und geboten wurde.

Ich erlebte die sozialdemokratischen Ortsvereinssitzungen als Gipfeltreffen der Eindeutigkeit. Mein Vater war Vorsitzender und der Eindeutigste von allen. In seiner Generation hatte die politische Bildung im Haus der Jugend mit dem Eintritt in die Lehre begonnen. Die Referenten, allesamt Gewerkschaftler, hatten in Konkurrenz zu neofaschistischen Kadern und unter dem Eindruck des Dritten Reichs „die Verführbarkeit der Arbeiter“ zum Gegenstand von Erörterungen gemacht. Hitler war legal an die Macht gekommen. Er war von Arbeitern gewählt worden, die vorher SPD gewählt hatten. Man erklärte das mit „der großen Arbeitslosigkeit“, ein stehender Begriff wie „die Sintflut“, einer wirtschaftlichen Depression, der Entwertung einer Klasse. Nicht zur Verfügung stand auch fünfundzwanzig Jahre später César Rendueles‘ „Affektkoalitionen der Ressentimentbeladenen“.

Nun tagten die Ressentimentbeladenen in der zum Gemeindehaus umgemodelten Alten Schule  und hielten sich für Gefeite. Sie hatten es in der Siedlung mit der „schweigenden Mehrheit“, aufrechten Rechtsradikalen, entspannten Altnazis, gleichgültig-rechten Zeitgenossen und den plötzlich um die Ecke gekommenen Aktivisten des Kommunistischen Bundes Westdeutschland (KBW) zu tun. Die alten Nazis und die neuen Kommunisten brachten die auffälligsten Typen ins Spiel, die einen in Trachten- die anderen in Lederjacken. Die Kommunisten (Studenten) imitierten den Ernst Thälmann-Stil und drohten mit Arbeiterfäusten, die sie gar nicht hatten. Mein Vater irritierte die Performance. Er wollte sich von den Schauspielern nicht links überholen lassen. Ich komme heute nicht mehr darauf zurück.

Entscheidend war, dass der Verein nur noch ein paar Jahre lebhaft „Politik vor Ort mitgestaltete“. In den Flauten der Achtziger, die den Exzessen des „progressiven Neoliberalismus“ (Nancy Fraser) vorausgehend kleinbürgerliche und postproletarische Basen schwächten, hörte er auf zu Atmen und an seine Stelle trat nichts. Die Siedlung fiel in einen politischen Dornröschenschlaf. Wer noch zur Wahl ging, wählte rechts. Die Geschichte wiederholte sich undramatisch, soweit es die öffentliche Ordnung betraf, und sehr wohl dramatisch im Hinblick auf die Biografien. Arbeitslose Genossen wurden krank und entwickelten einen Berufstätigkeitsersatz im Zusammenhang mit Arztbesuchen. Sie waren überholt, ausgemustert und abgehängt worden und nahmen Zuflucht zu einer Art tätiger Ohnmacht als einer Variante des Zombietums.  

Einer Mehrzahl alter SPDler erging es besser. Sie schrubbten die letzten Jahre im Öffentlichen Dienst oder bei VW ab und verbrachten viel Freizeit in einem Wassersport-Vereinshaus mit Sauna, dass sie sich genossenschaftlich gebaut hatten.

Die Siedlung meiner Kindheit war einem spät eingemeindeten Dorf aufgepfropft worden, dass tausend Jahre bestanden hatte und einen in sich gegangenen, sich hinter unauffälligen Vereinsnamen verschanzten Bauernadel verbarg. Ich glaube, dessen Ansichten änderten sich nie.     

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen