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30.01.2019, Jamal Tuschick

Kombattanten im Kulturkampf – Wie alles anfing - Vor Wassili Nikolajewitsch Jakowlews Porträt des Marschalls der Sowjetunion Georgij Schukow zitierte Lara den Kunsthistoriker Boris Groys: „Nach Stalins Tod und den Epochen der Ekstase (setzte) sofort eine allumfassende Langeweile“ ein.

Genosse Gott

Wassili Nikolajewitsch Jakowlews Porträt des Marschalls der Sowjetunion Georgij Schukow

Wir rauschten aus dem Habichtswald direkt in die „Traumfabrik Kommunismus“. Eine Ausstellung in der Frankfurter Schirn hieß so. Nach „Good Bye, Lenin“ kam „Nackt für Stalin“.

Lara erklärte sozialistischen Realismus.

Die Sportgruppe absolvierte den Bildungstermin in Trainingsanzügen, Stalins totalitäre Tolle wurde von Kanakster kopiert. Es fehlte nur die Trillerpfeife am Band, mir gefielen die Sachen an den Wänden. Die Wiederbelebung des sozialistischen Realismus stand auf unserer Agenda. Zaimoglu und ich waren uns einig: Stalin hatte Agit-Pop erfunden und war uns insofern zuvorgekommen. Die Ähnlichkeit zwischen Lara und einer von Georgij Zimin 1920 Porträtierten schrie nach Verherrlichung der lebenden Schönheit.

Stalins (1879 – 1953) fünfzigster Todestag wurde bundesweit mit Schauen begannen. Ich erinnere an den Ausstellungstitel „Genosse Gott“, plötzlich sah der Kommunismus großartig aus. Lara nahm das persönlich, sie passte ins Bild vom großartigen Kommunismus. Vor Wassili Nikolajewitsch Jakowlews Porträt des Marschalls der Sowjetunion Georgij Schukow zitierte Lara den Kunsthistoriker Boris Groys: „Nach Stalins Tod und den Epochen der Ekstase (setzte) sofort eine allumfassende Langeweile“ ein.

Etabliert hatte sich der Sonntagslauf alle vierzehn Tage im Frankfurter Stadtwald. Niemand versäumte ihn ohne Entschuldigung. Der Lauf diente nicht zuletzt einer Stärkung „der Selbstwirksamkeit“ unserer Gruppe. Theoretische Untermauerungen wurden sehr ernstgenommen. Es gab Tribunale, erzwungene Selbstkritik. Peinliche Befragungen.

Auch Spaziergänge galten als Mittel gegen die überall „erodierende Affektkontrolle“ (Oliver Nachtwey). Als Spezialistin bestellt war die Spaziergangforscherin Tamara Schleef. Sie schärfte den Blick der Gefolgschaft für „das landschaftliche Gefühl“ zuerst im ehemaligen Schulgarten des Ostparks. Mit der Wucht eines Rollkommandos und der Resignation eines Gefängnisseelsorgers legte sich ihre Stirn in Falten.

Der Park endete am Prallhang des ursprünglichen Mainbeckens. Der Main hatte im Nil-Stil einst ein kilometerweites Überschwemmungsgebiet besessen. Mit französischem Reparationsgeld war er glattgebügelt worden. Botaniker konnten noch jede Menge Sumpfpflanzen identifizieren.

Ich hatte jahrelang im Ostpark trainiert, es gab von mir abgewetzte Stellen. Kostümierte Wegrandgestalten, Kettensträflinge im Matsch, Rokokokokotten an einem Weiler, halfen dem Verständnis der von Schleef zum Raum gefügten Begriffe „Sumpf“ und „Lustgarten“ auf die Sprünge.

Der Ostpark taugte nicht zur Kulisse historischer Landschaftsempfindungen. Er war die erste Frankfurter Volksparkgründung - nach Plänen von Carl Heicke. 1911 dem Volk eröffnet. 1995 war es auf dem Hartplatz zum nächtlichen Schwur des harten Kerns (der Eingeschweißten) von Kanak-A-Movement gekommen. Die Idee, Kanak-A-Movement mit einem Förderverein den Rücken zu stärken, entstand wiederum im Ostpark. Der Park war gewissermaßen einer von uns.

 

Noch stand die Großmarkthalle, ein Meisterwerk aus dem Jahr 1928. Zweihundertzwanzig Meter lang, fünfzig Meter breit und dreiundzwanzig Meter hoch. Dreihunderttausend Tonnen Ost und Gemüse wurden jährlich umgeschlagen, dabei fielen achttausend Tonnen Müll an.

Ich bemerkte nicht zum ersten Mal Exoten im Gleisbett der Hafenbahn, so wie den chinesischen Sommerflieder.

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