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31.01.2019, Jamal Tuschick

„In den 1970er Jahren“, so Wolfgang Streeck, „ging das Kapital der wiederaufgebauten Industriegesellschaften daran, sich aus der nationalen Nutztierhaltung herauszuarbeiten.“ Da endete die soziale Marktwirtschaft, auch wenn sie noch Jahrzehnte später beschworen wurde.

Der wohlwollende Staat

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„In den 1970er Jahren“, so Wolfgang Streeck, „ging das Kapital der wiederaufgebauten Industriegesellschaften daran, sich aus der nationalen Nutztierhaltung herauszuarbeiten.“

Da endete die soziale Marktwirtschaft, auch wenn sie noch Jahrzehnte später beschworen wurde.

„Der Neoliberalismus kam mit der Globalisierung“ (Streeck).

Vor der Popularisierung ging die Globalisierung als Begriff in der Warnung vor der Rückkehr des Manchesterkapitalismus auf. Kein Genosse versprach sich von Öffnungen etwas Gutes. Die von meinem Vater geführten Siedlungs- und Dorfsozialdemokraten waren Fetischisten „gewachsener Verhältnisse“ in einer Welt mit autofreien Sonntagen und Vollbeschäftigung. Mein Sinnbild dieser Ordnungskategorie war der Kleingarten in seiner Kolonie. Die Kolonisten hatten Kaninchen gezüchtet und miniaturisierte Landwirtschaft betrieben, solange die Hungersnot groß gewesen war. Manche hatten in ihren Gärten verbotenerweise auch der Wohnungsnot getrotzt.

In der Machtmühle

Nun kaufte man alles billig beim Konsum und konnte sich in seinem Garten der Zierde widmen. Mein Gewährsmann für diesen Kosmos war Onkel Willi. Der Polsterer arbeitete im Staatstheater und hatte den Krieg noch in den Knochen. Willi war nicht evakuiert worden, wie die anderen Kinder in seiner Straße. „Die (in drei Nächten aufeinanderfolgenden) großen Angriffe“, auch das eine stehende Wendung, hatte er im Rübenkeller einer „Pappschachtel“ (so nannte man Mitte der Dreißigerjahre in den Zuchthausschatten gestellte Zweifamilienhäuser, in den möbliert vermieteten Mansarden wohnten Junggesellen, die oft auch Handwerksgesellen waren. Die Häuser sahen in ihren schnurgeraden Reihen so aus, als könnte ein Wind sie wegtragen) schwer beschädigt überlebt. Es gab keine psychoanalytische Aufhellung des Grauens. Niemand wusste, was ein Trauma war. Was blieb, war das Ressentiment. Es wurde eingehegt von den Gewerkschaftsschulungen im Haus der Jugend und den parteipolitischen Ansagen in der Löwengrube. Hätten in Willis Umgebung nicht Sozialdemokraten mit der Faust in der Tasche das Dritte Reich überstanden, um gleich danach, noch im Geist des Sozialismus, den Arbeiterkampf wieder aufzunehmen, wäre Willi kein Linker geworden. Seine politische Sozialisation war reine Anpassung an die Verhältnisse gewesen. Dieser nie begriffene Opportunismus hatte eine interessante Spaltung hervorgebracht. Willi sprach wie ein „ewig Gestriger“ und fand lebhafte Zustimmung bei politisch ungebundenen oder offensiv reaktionären Kolonisten. Er nahm „kein Blatt vor dem Mund“. Da er aber Genosse - und der Schauplatz seiner Kindheit ein sozialdemokratischer Hort gewesen war, der ihm das beste Leumundszeugnis ausstellte, erfuhren seine Regressionen eine Metamorphose in der Rezeption.

„Der Willi meint das nicht so.“

Auch kluge Leute versicherten sich gegen das Verstehen. Anders gesagt, es war wichtiger einer von uns zu sein, als klar in der Birne. Wenn „unsere“ Genossen soffen, tranken sie gern mal einen. Soffen die anderen, waren es Säufer. In diesem Karree freiwilliger und unfreiwilliger Selbstbeschränkungen war „ein Blick über den Tellerrand“ ausgeschlossen.   

Die Genossen rechneten mit einem wohlwollenden Staat, der sich seine Steuerungsmöglichkeiten zu ihren Gunsten nicht nehmen ließ. Die Kapitulation des Staates vor dem Kapitel vollzog sich zwar öffentlich, wurde aber so abgehandelt wie Willis Ausfälle. Der Staat war nämlich auch einer von uns. Die SPD steckte in der Machtmühle, man durfte es ihr nicht schwerer machen, als sie es ohnehin schon hatte.

„Jetzt, wo wir an der Reihe sind.“

Die Genossen sahen wohl und sahen nicht, dass sich auch eine sozialdemokratische Regierung nicht gegen den globalen Wettbewerb stemmen konnte. Es ging um „die internationale Wettbewerbsfähigkeit“ und um die Lohnkosten. Wir waren zu teuer.

Dem Visionär Brandt war Schmidt im Stil eines VW-Aufsichtsratsgenossen gefolgt. Er feierte die Sachlichkeit, war selbst aber ganz schön pompös. In der Retrospektive sieht man die Vorarbeit, die Schmidt für Schröder leistete. Schmidt hätte sich stärker desavouiert, wären die Riegel am Ostblock schon aufgegangen.

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