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04.02.2019, Jamal Tuschick

Gerade im Berufsleben oder bei der Wohnungssuche wird es leider nicht nur kompliziert, sondern für diejenigen, deren Namen vermeintlich fremd sind zum Problem: Personen mit Namen, die nicht als „ursprünglich deutsch“ wahrgenommen werden, sind auf dem Wohnungsmarkt klar benachteiligt und werden seltener zu Bewerbungsgesprächen eingeladen.

Ein Beitrag von Yaş

Alte Namen – neue Namen

Nach über 60 Jahren intensiver Migrationsbewegungen nach Deutschland zum Beispiel aus der Türkei wäre eigentlich zu erwarten, dass sich manche Namen in der bundesdeutschen Gesellschaft etabliert und in die gesellschaftliche „Normalität“ eingefügt hätten. Stattdessen werden Personen immer noch aufgrund ihrer Namen kategorisiert und ausgegrenzt.

Während das „grz“ im Nachnamen des Tierfilmers Grzimek mit Leichtigkeit korrekt über die deutschen Zungen geht, wird der Name des vom NSU ermordeten Enver Şimşek ostentativ falsch als „sim·sek“ ausgesprochen, wie es der Rapper Kutlu Yurtseven in Die Anstalt (ab Min. 11:00) deutlich macht. In dieser Weigerung der Akzeptanz der einfachsten Sprachregeln liegt eine bewusste Verachtung und Ausgrenzung von Menschen, die von Rassismus betroffen sind.

Kaum ein*e Fussballkommentator*in kommt ohne Falschaussprachen aus und ausländische Politiker*innen aus bestimmten Staaten werden falsch genannt, sofern sie nicht aus westlichen Ländern kommen. (Bei französischen oder englischen Namen klappt es ja meistens doch – oh Wunder.) Manchmal erscheint das noch verzeihbar. Aber gerade bei Namen von Leuten, die seit Jahrzehnten hierzulande leben, arbeiten und mit ihren Steuergeldern die deutschen Rentner*innen-Urlaube zum Beispiel nach Antalya mitfinanziert haben, wäre es doch sicherlich angebracht, sich ein bisschen mehr Mühe zu geben – ist aber nicht drin. Was das Namenlernen angeht, hat sich die sogenannte Mehrheitsgesellschaft wirklich nicht mit Ruhm bekleckert.

(Etwas off-topic: Erst die Abstimmung über das Präsidialsystem 2017 hat dazu geführt, dass ein paar (genauer zwei) türkische Worte bewusst in den Wortschatz des weißen bio-deutschen Mainstreams gelangt sind. Noch nicht einmal jahrzehntelanges Urlauben in Antalya hat dafür in den meisten Fällen gereicht.)

Woran liegt das?

Das ganze lässt sich für mich nur damit erklären, dass die weiß dominierteGesellschaft es nicht für nötig hält, sich ernsthaft mit der Migrationsgeschichte Deutschlands auseinanderzusetzen. Die am Anfang (es war einmal…) vorherrschende Ansicht, dass die Leute eh bald wieder gehen und nur zu Gast seien, hat sicherlich ihren Teil dazu beigetragen. Wenn Leute eh bald wieder weg sind, brauche ich ihre Namen auch nicht so gut zu lernen. Das sieht anders aus, wenn ich weiß, dass sie ab jetzt für immer da sind. Zu dieser Einsicht kam es allerdings erst verhältnismäßig spät. Der sich abzeichnende Wandel hin zum Verständnis Deutschlands als ein Einwanderungsland kann vielleicht dazu beitragen, dass sich etwas in die Richtung ändert. Bei weiten Teilen der Bevölkerung (gemeint sind hier die Teile, die sich aus besorgniserregenden Bürger*innen, AfD-Wählenden und Nazis zusammensetzen) ist ein Wille zur Integration in die Einwanderungsgesellschaft – die Gesellschaft der Vielen – sicherlich nicht vorhanden. Bleibt zu hoffen, dass wenigstens der restliche Teil endlich vorankommt.

Rassistische Morde – unbekannte Ermordete

Als ich einem weißen Freund neulich meinen Namen vorbuchstabiert habe, entschuldigte er sich dafür vorher falsch gelegen zu haben, relativierte die Entschuldigung dann aber – als würde er ein Lehrbuchbeispiel produzieren wollen – mit dem Satz: „Der Name ist aber schon ungewöhnlich.“

Menschen mit diesem Namen wurden in Deutschland von Faschisten umgebracht, da kann man schon mal wissen wie die geschrieben werden, antwortete ich.  

Dass Leute noch nicht einmal in der Lage sind, Namen zu kennen, die Menschen getragen haben, die in diesem Land der tödlichen Ideologie von Faschisten zum Opfer gefallen sind, erschüttert erneut. Spätestens nach dem Auffliegen des NSU-Netzwerkes und während des jahrelangen Prozesses in München gab es genug Gelegenheiten, die Namen zu lernen. Doch auf deutsche Ignoranz ist Verlass – aus der Vergangenheit nichts gelernt! Was mich besonders frustriert und traurig macht ist, dass sogar sich selbst als links und antirassistisch verstehende (und meistens weiße) Menschen dazu nicht in der Lage zu sein scheinen.

Das führt dazu, dass die Namen derer, die Opfer rassistischer Gewalttaten wurden, hierzulande oft unbekannt sind, auch wenn die Taten an sich erinnert werden. Die Namen der TäterInnen kennen dagegen alle – sogar dann wenn ihre Namen wie bei Zschäpe oder Szczepanski selber nicht „urdeutsch“ sind. Ihre rassistischen Gewalttaten sind quasi die bestandene Aufnahmeprüfung in den deutschen Sprachschatz. Die Namen der Ermordeten zu lernen, wäre in meinen Augen das Mindeste und auch ein unausweichliches Ergebnis einer diesbezüglichen Selbstkritik.

Was also tun mit Namen?

Im Grunde ist es relativ einfach – wenn ich Namen nicht kenne, gebe ich mir große Mühe sie richtig auszusprechen. Wenn ich es nicht hinbekomme, frage ich vielleicht noch mal höflich nach und übe. Und beschwere mich nicht darüber, dass es ja so kompliziert sei. Wer Namen wie Schweinsteiger oder Liebknecht aussprechen kann, kriegt auch andere hin.

Der Beitrag erschien zuerst auf Young Migrants.

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