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27.05.2018, Jamal Tuschick

Feridun Zaimoglu - Kassiber der Zukunft

Auf die Ethnie beziehen sich die Ausgebremsten

Walter Benjamin vermutet „die letzten Erzähler“ in Bergwelten, wo Erfahrung noch von Mund zu Mund geht“. Wir erwarten Befruchtungen an sozialen, geografischen und ethnischen Rändern.

Zaimoglus Debüt ließ sich als Kassiber der Zukunft deklarieren. Doch die Argumente der Rezeption kamen aus dem Arsenal des Wohlwollens, mit dem die „Gastarbeiterliteratur“, später „Migrantenliteratur“ in der Bedeutungslosigkeit versenkt worden war. „Migrationserfahrung“ war noch kein Ticket. Man sprach von Kulturbrückenpionieren, von räumlichen und intellektuellen Grenzüberschreitungen. Man verfehlte Zaimoglu in den ersten Versuchen. Er war schon weiter … abgerückt von den Kandidaten der leidenden „Kulturdifferenz“. „Zerrissenheit“ war ein Standardmotiv, ein profitables Sujet.

Ich sah die Chancen doppelter kultureller Auswahl

Zaimoglu war nicht zerrissen. In „Kanak Sprak“ (1995) entdeckte er dem Leser eine Terra incognita in der eigenen Gesellschaft; den Sprach- und Lebensraum der Almancilar – Deutschländer. – Als einem Labor, in dem Wendungen des ländlichen Türkisch Allianzen mit deutschen und amerikanischen Metropolenidiomen eingingen. Angeblich beglaubigte die Expressivität des Jargons Verhältnisse einer ethnischen Subkultur kurz vor der Explosion.

Ich glaubte das nicht. Zaimoglus Sprachgewalt rief nach Begründungen, die seine Person übertrafen. Zaimoglu erschien als Gemeindesprecher, er provozierte große Aufrisse. Bis hin zu der Behauptung, einen Auftrag von den „Brüdern“ in der Nachbarschaft erhalten zu haben. Zaimoglu folgte einer afroamerikanischen Informations- und Agitationsstrategie. Er zitierte Chuck D. von Public Enemy: „Rap ist das CNN für amerikanische Schwarze.“ Seine Interventionen bezeichnete er als „Edutainment“.

Total assault on the culture

Die vehementeste Behauptung lautete, „Kanak Sprak“ sei aus lokalisierbaren Lagern der Rebellion in die Kultursphäre exportiert. Die Poesie in Zaimoglus Prosa stammte aber vom Autor, nicht von den Abgehörten. Mit der Chuzpe eines Fabulierers suggerierte Zaimoglu die Ergebnistreue des Feldforschers.

Nun sah man ihn bei Biolek. Zaimoglu fühlte sich auf dem elektronischen Stuhl „elektroaktuell“. 

Er berief sich auf Ed Sanders‘ Kampfruf „Total assault on the culture“ - „Nur mit Kultur kann man heute die große Welle machen, nur mit Kultur geht Einfluss und Parteinahme.“

Davon war ich weit entfernt. Ich hatte als Regionalist angefangen. Historisch traf die Zuschreibung harmlose Zille-Nachfolger, malende Berliner Laubenpieper. Adornos Vorwurf, Zille habe das Elend am Popo gestreichelt, bügelte ich in die andere Richtung. Idyllenmalerei aus Mutwillen, das gefiel mir. Ich wollte auch Zaimoglu zum Regionalisten machen. Er antwortete mit „Abschaum – Die wahre Geschichte des Ertan Ongun“, Rotbuch 1997. Ongun, so verbreitete Zaimoglu, habe „Kanak Sprak“ im Gefängnis gelesen und daraufhin den Autor zu seinem Biografen bestimmt. „Die wahre Geschichte“ sollte auch Roman sein: vielleicht mit dem Kalkül, den unbefangenen Leser mit einem Authentizitätsversprechen zu kitzeln, ohne schon der Staatsanwaltschaft mit gerichtsfesten Informationen geholfen zu haben.

In seinem Kieler Kiez ist Ongun ein kleiner König. Er kämpft gegen amerikanische Soldaten und deutsche Rocker. Er schlägt sich gern. 

„Weißt du, Alter, ich sag dir, Riesenschlägerei, pervers, alles auseinandergenommen. Musik aus, Licht an … ich natürlich ganz vorn.“

Er bedroht, erpresst, raubt, stiehlt und dealt. Er säuft, snifft, kifft und fixt. Gleichaltrige Landsleute, die etwas aus sich machen möchten, sind „Abiturtürken“. „Ehre“ und „Stolz“ sind wichtig. Doch bleibt dem Leser verborgen, was Ongun darunter versteht. Er nimmt und zahlt mit Brutalität; ein Verrücktblütiger, dem man seinen Mut besser glaubt als ihn zu prüfen. Seine Identität bezieht er von „der ganzen kriminellen Scheiße, die ich gebaut hab“.

Vom Leser verlangt das Buch Unterscheidungen zwischen den in Hollywoodmanier gestylten Episoden aus Onguns Alltag und dem Kunstwillen des „Biografen“. Zaimoglu versuchte die Spannung literarisch fruchtbar zu machen, in die Ongun von seinen Erfahrungen in einer Gesellschaft, die auf ihn nicht gewartet hatte, hineingezwungen wurde. Ongun begreift seine Vulnerabilität nicht. 

„Für den Bullen bist du immer ein Lügner. Du bist Kanake, du bist in deren Augen vorverurteilt.  … Wenn sie nen Deutschen verhaften, tritt das Gesetz in Kraft, aber beim Türken, das sind Arschlöcher, das sin Lügner, primitives Pack und fertig aus.“

Ongun ließ sich als Zaimoglus Antipode deuten. Im Gegenlicht seiner „Biografie“, begann Zaimoglus artistisches Rollenspiel zu leuchten. In seinem Eskapismus war Zaimoglu dicht an der Aktionskunst eines Schlingensiefs.  

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